Was sagt die Bibel zum Teilen und zur Armut?

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Armut – für die Bibel zentral

Wenn wir in der Bibel lesen, stellen wir fest, dass die Armut einen äusserst wichtigen Platz einnimmt. Sie stellt ein zentrales Thema, eine eigentliche biblische Realität dar. Die Gesetze Israels betonen ganz besonders die Unterstützung der Armen und Schwachen; die Kranken und die Menschen, die unter schwierigen Lebensumständen und politischen Verhältnissen zu leiden haben. Auch die Propheten beschäftigen sich mit diesen Fragen. Sie verurteilen die Missachtung der Armen und die sozialen Ungerechtigkeiten. Dabei steht die Armenhilfe in direktem Zusammenhang mit dem Glauben:

Bist du dadurch König, dass du in Zedernholzbauten wetteiferst? Hat dein Vater nicht auch gegessen und getrunken und trotzdem Recht und Gerechtigkeit geübt? Ging es ihm damals nicht gut? Er hat dem Elenden und dem Armen zum Recht verholfen. Darum ging es ihm gut. Heisst das nicht mich erkennen? spricht der HERR. Doch deine Augen und dein Herz sind auf nichts gerichtet als auf deinen ungerechten Gewinn und auf das Blut des Unschuldigen, es zu vergiessen, und auf Unterdrückung und Erpressung, sie zu verüben. (Jeremia 22,15-17)

Auch die poetischen Bücher thematisieren die Armut, z.B. bei Hiob, aber auch in den Sprüchen und in den Psalmen, deren Autoren Gott ständig in den Ohren liegen. Während seiner ganzen Geschichte war Israel mit Notlagen konfrontiert: von Abraham bis zum babylonischen Exil und darüber hinaus: Hungersnöte, Sklaverei, Mangel in der Wüste, Plünderungen, Kriege usw. Das Volk wurde unentwegt unterdrückt und erlebte doch gleichzeitig den Segen des Herrn.

Armut – ein umfassendes Konzept

Im Alten Testament gibt es 10 verschiedene Worte für Armut. Sie umschreiben alle Aspekte der Armut. Wirtschaftliche Armut: Hungersnot, Krieg, soziale Ungerechtigkeit, Ausgrenzung, Schutzlosigkeit desjenigen, der sich nicht gegen die Stärkeren wehren kann. Psychische Armut: Angst, Einsamkeit. Und besonders wichtig: Geistliche Armut: die Angst, von Gott verlassen zu sein, Todesangst, Orientierungslosigkeit.

In gewissen Lagen kann die Armut eine Folge von unangemessenem Verhalten sein. Die Bibel erwähnt Armut als Folge der Faulheit oder als Strafe Gottes. Doch daraus darf nicht geschlossen werden, Armut sei immer ein Fluch. Die Bibel erwähnt Menschen, die von Gott geliebt sind und den Glauben haben, und die doch in Armut leben. Denken wir an Hiob und den Psalmisten, die ja genau wegen ihrem Glauben leiden (z.B. Psalm 73).

Doch Reichtum kann auch ein Segen sein. Die Bibel verachtet materiellen Besitz nicht, im Gegenteil: oft stellt er ein Zeichen der Liebe Gottes dar. Doch muss uns dabei bewusst bleiben, dass das Urteil gegenüber ungerechtem Reichtum extrem hart ist und dass die Gefahr, wegen dem Wohlstand korrupt zu werden, durchaus real ist (s. z.B. Salomo).

Auch das Neue Testament spricht von Armut. Wir denken an die erste Seligpreisung Jesu: „Glückselig ihr Armen“ (Lukas 6,20) und Matthäus fügt an: „Glückselig die Armen im Geist“ (Mat. 5,3). Diese zwei Versionen zeigen uns deutlich, dass es keine künstliche Trennung zwischen wirtschaftlicher und geistlicher Armut gibt. Aber „Glücklich ihr Armen“, das steht so diametral im Widerspruch zu unserer Denkweise! Dabei sollen hier nicht die Armen idealisiert werden. Der Arme ist glückselig, weil er unfähig ist, sich selber zu retten. Die Lage, in der er sich befindet, ist förderlich dafür, zu entdecken, auf welche Weise und wie sehr Gott auf seine Bedürfnisse eingehen wird.

Gott kämpft für die Schwachen

Die Armut ist ein Leiden, und der Gott der Bibel will nicht, dass Seine Schöpfung leidet. Er bleibt nicht unbeteiligt und distanziert in seinem fernen Himmel. Nein, Gott ist ein Gott, der sich hingibt und die Bedürftigkeit nicht will. Er beteiligt sich am Kampf und bezieht für uns Stellung. Den Gründertext für diese Realität finden wir in der Geschichte vom brennenden Busch (2. Mose 3). Der Herr sagt: „Gesehen habe ich das Elend meines Volkes in Ägypten… ja, ich kenne seine Schmerzen. Darum bin ich herabgekommen…“ (V.7+8).

Ein anderes Beispiel ist Abraham, der reich, ruhig und zufrieden in seinem Land lebte und der in die Wüste aufbrechen und seine falsche Sicherheit verlassen musste, um den wahren Reichtum zu kennen, der sich in Gott findet.

Oder auch das Passahfest, das Jesus mit seinen Jüngern feiert. Er, Gott, der auf die Erde gekommen ist, der sich hingegeben hat, der gedemütigt wurde, er ist in Knechtsgestalt gekommen und wurde gehorsam bis zum Tod (Phil. 2,8). Während Gott sich auf die Seite der Schwächsten stellt, kämpft er doch nicht alleine. Er führt den Kampf mit seinem Volk, sei es Israel oder die Gemeinde. Er lehnt die Schicksalsgläubigkeit ab. Jesus sagt dazu, dass wir ja allezeit Arme bei uns haben und dass wir, wenn wir wollen, ihnen Gutes tun können! (Markus 14,7)

Die Armut bekämpfen

Der Kampf gegen die Armut muss gleichzeitig auf zwei Ebenen geführt werden:

Karitative Ebene: Nächstenliebe und Barmherzigkeit widerspiegeln die Person Gottes. Sie geben sich selbst hin und erwarten nichts zurück. Diese Haltung kann in zahlreichen biblischen Geboten gefunden werden. Damit wird die Gewinnmaximierung abgelehnt.

Die soziale und politische Ebene: Hier geht es darum, der Verarmung des Volkes vorzubeugen. Dies kann auf unterschiedliche Weise geschehen: die Korruption bekämpfen, gerechte Gesetze erlassen, die Besitzanhäufung verhindern und dazu z.B. das Sabbatjahr einführen (s. 2. Mose 21,2).

In diesem Zusammenhang lohnt es sich, besonders auf eine biblische Begebenheit hinzuweisen, die oft unbeachtet bleibt. (1. Könige 21) Der König Ahab begehrt den Weinberg des Bürgers Nabot. Dieser will ihn aber nicht abtreten. Auf Anraten seiner Frau Isebel lässt Ahab Nabot aufgrund falscher Zeugenaussagen zum Tode verurteilen und eignet sich den Weinberg an. Diese Ausübung des Rechts des Stärkeren wird von Gott extrem hart verdammt. Das ist wegweisend und wird denn auch von Jesus aufgenommen, wenn er zu seinen Jüngern sagt: „Unter euch wird es nicht so sein; sondern wenn jemand unter euch gross werden will, wird er euer Diener sein.“ (Matt. 20,26)

Unsere Motivation

Gott gibt uns zwei Motive, um unser Verhalten zu ändern:

Die Erinnerung: Während seiner gesamten Geschichte mit den Menschen hat Gott Feste eingeführt, damit sich die Menschen erinnern können, wie z.B. das Passahfest, das an die Leiden in Ägypten erinnert, oder die Sabbatruhe, die an die Sklaverei erinnert. Die Botschaft lautet: „Erinnere dich, dass auch wenn du heute nicht in Armut lebst, du doch zu tiefst arm bist.“ Wir sind berufen, Gott ähnlich zu werden: „Seid heilig, denn ich bin heilig.“ (1. Petrus 1,16) Gott ist barmherzig, darum wollen auch wir barmherzig sein. Jesus hat sich selbst bis zur Armut entäussert, darum wollen auch wir arm sein.

Die Hoffnung: Nach Jahrhunderten der Gesetze und Propheten, muss Israel sein Versagen eingestehen. Dieses Versagen lässt die Erwartung von etwas anderem aufkeimen und schafft Raum für die Hoffnung. In diese Situation hinein erscheint Jesus, der lange erhoffte Messias. Seine ersten Worte in der Synagoge von Nazareth bestätigen diese Hoffnung: „Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, Armen gute Botschaft zu verkündigen.“ (Lukas 4,18) Von da an wird die Gemeinde zum sichtbaren Zeichen für diese künftige Welt. In der Apostelgeschichte lesen wir, wie sehr sich die Gemeinde um die Armen kümmerte, sodass es schliesslich keine Armen unter ihnen gab. (Apg. 4,34)

Christus, der sich für uns arm gemacht hat, ist die Quelle. Von ihm fliesst der Strom aus der Gemeinde heraus hin zu einer bedürftigen Welt. In den Briefen, und besonders bei Paulus, fällt dem Zehnten und den Gaben zur Unterstützung der Armen besonderes Gewicht zu. Paulus erinnert uns daran, dass es sich dabei um eine Partnerschaft handelt, die sich auf beide Seiten auswirkt.

Die Bibel hat zwei Begriffe, um die Gerechtigkeit zu bezeichnen: einerseits die Gerechtigkeit, die wir vor Gott haben und die uns letztlich von Gott verleiht wird; andererseits das Recht, bei dem zwischen den Menschen eine „rechte“ Beziehung besteht. Die christliche Ethik entspringt letztlich unserem Glauben, und auf dieser Grundlage führt uns unser Gewissen zu Recht und Gerechtigkeit.

 

Literatur

Jacques Blandenier, Les pauvres avec nous – La lutte contre la pauvreté selon la Bible et dans l’histoire de l’Eglise. Dossier Vivre n°26. Je sème. Genève 2006.

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