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Genug ist genug!

Wirtschaft
Lesezeit / Temps de lecture ~ 5 min

Der Grundsatz

Viele Christen fragen sich, ob es besser ist, reich zu sein oder arm zu sein. Auf diese Frage gibt es eine Antwort, die uns einen klaren Orientierungspunkt in die Hand gibt: Wir sollen weder arm noch reich sein; wir sollen genug haben. Dazu sagt Sprüche 30,7-9:

Mein Gott, ich bitte dich nur um zwei Dinge; gib sie mir, solange ich lebe: Bewahre mich davor, zu lügen, und lass mich weder arm noch reich sein! Gib mir nur, was ich zum Leben brauche! Habe ich zu viel, so sage ich vielleicht: »Wozu brauche ich den Herrn?« Habe ich zu wenig, so fange ich vielleicht an zu stehlen und bringe deinen Namen in Verruf.

Das Motto des „Genug“ kommt auch in der Geschichte über das Manna in der Wüste zum Ausdruck: Wenn die Israeliten mehr Manna als genug für einen Tag sammeln wollten, so verdarb das Überflüssige. Auch heisst es:

Die Leute gingen und sammelten, die einen mehr, die andern weniger. Als sie es aber abmassen, hatten die, die viel gesammelt hatten, nicht zu viel, und die, die wenig gesammelt hatten, nicht zu wenig. Jeder hatte gerade so viel gesammelt, wie er brauchte.(2. Mose 16,17+18).

Dieser Manna-Lebensstil spiegelt sich auch in der materiellen Bitte des Unservaters wider: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“

Genug zum Teilen

Wieviel ist genug? Genug ist für alle Menschen ungefähr gleichviel, und zwar soviel, dass sie ein anständiges, rechtes Leben führen können. Wenn wir von der Idee des Genug überzeugt sind, bringt uns das sehr schnell zu einer zweiten wichtigen Idee: zur Idee des Teilens. Als Leitvers für diese simple Tatsache kann z.B. 2. Korinther 8,14 dienen: „Euer Überfluss soll ihrem Mangel abhelfen.“ Darin taucht zwar das Wort „genug“ nicht auf, aber indem nicht von Armut/Reichtum, sondern von Mangel/Überfluss gesprochen wird, wird klar, dass hier eine Messlatte im Spiel ist. Diese Messlatte ist „Genug“.

Teilen ist aus zwei völlig unabhängigen Gründen wunderbar. Erstens dient Teilen denjenigen, die mehr als genug haben. Wenn wir nämlich mehr als genug haben, so warnt uns die Bibel, dass wir unser Herz an den Wohlstand hängen werden. Geldliebe aber bringt Unfreiheit. Das Fazit ist: Wenn wir frei von Überfluss sind, so haben wir mehr Kapazität, um Jesus nachzufolgen, uns auf das Glücklichsein zu konzentrieren und uns von Gott abhängig zu machen1 . Seit einigen Jahren haben die Ökonomen endlich begonnen, empirisch und vorurteilslos zu untersuchen, ob Geld wirklich glücklich macht. Das klare Fazit ist: Wirtschaftswachstum, die Anhäufung von Geld, macht nicht glücklicher.2

Teilen ist aber auch aus einem zweiten Grund gut; nicht nur, weil es dem Wohl derjenigen dient, die Besitz abgeben. Es dient natürlich auch denjenigen, die weniger als genug haben und somit zur empfangenden Seite gehören. (Nicht zuletzt verbindet das Teilen und der Ausgleich die zwei Gruppen.) Ein englischer Satz drückt die Aufforderung an diejenigen, die mehr als genug haben, schön aus: „Living simply so that others may simply live“. („Einfach leben, damit andere zumindest leben können.“)

Man kann fast nicht überbetonen, welches Gewicht die Bibel den Armen gibt. Es gleicht einem immer wiederkehrenden Refrain vom mosaischen Gesetz, über Hiob, Psalmen, Sprüche und die Propheten bis hin zu Jesus, der ersten Gemeinde, Paulus und den anderen Briefeschreibern: Gott hat ein Herz für die Armen, und auch wir sollen das haben. Jim Wallis hat einmal sämtliche Stellen über Armut aus einer Bibel herausgeschnitten; die Bibel war danach durch und durch verlöchert.

Gerechtigkeit und Barmherzigkeit

Teilen wollen wir also aus zwei Gründen: sowohl weil es den Gebenden als auch weil es den Empfangenden gut tut. Der zweite Grund kann wiederum auf zwei verschiedenen Fundamenten stehen: Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Wenn wir aus Gerechtigkeit teilen, dann tun wir es, weil wir das Geteilte richtiggehend schulden. Zum Beispiel ist die Macht in den internationalen Wirtschaftsinstitutionen wie WTO oder IWF auf unfaire Weise zu Gunsten der reichen Länder verteilt. Dadurch können diese Länder die Spielregeln so ausgestalten, dass sie ihnen am meisten Vorteile bringen. Wir können nun mit den südlichen Ländern teilen, um damit dieses Unrecht wieder gut zu machen.

Beim Teilen aus Barmherzigkeit hingegen wird davon abgesehen, wer an der Armut schuld ist; es mag der Reiche sein, der Arme selbst oder keiner von beiden. Beim Teilen aus Barmherzigkeit wird einfach festgestellt: Mein Nächster leidet Mangel, also teile ich. Beide Arten von Motiven sind wichtig, und beide sind in der Bibel vielfältig vorhanden. In konzentrierter Form zum Beispiel bei Zachäus, der sagte:

Herr, ich verspreche dir, ich werde die Hälfte meines Besitzes den Armen geben. Und wenn ich jemand zu viel abgenommen habe, will ich es ihm vierfach zurückgeben.(Lukas 19,8)

Er gibt von seinem Vermögen weg, weil er einerseits ungerecht handelte, aber auch weil er die Mittel hat, um mit den Armen zu teilen.

Umsetzung: persönlich und politisch

Wie können wir die Idee des Genug im Persönlichen und Politischen umsetzen? Im Persönlichen können wir beginnen, mit einem geschlossenen Genug-Kreis zu leben:3

Bei einem geschlossenen Genug-Kreis haben wir mit uns selbst und mit Gott abgemacht, wieviel für uns genug ist. Dadurch kann das Einkommen in zwei Töpfe aufgeteilt werden: in den Genug-Topf und in den Überfluss-Topf. Wenn man mit einem offenen Genug-Kreis lebt, in dem nicht definiert ist, wie viel genug ist, passen sich die Wünsche und Bedürfnisse elastisch dem wachsenden Einkommen an.

CUKUP – Genug zum Leben, genug zum Teilen

Für die persönliche Umsetzung ist auch wichtig, dass wir uns zum Teilen mit allen Sinnen auf die Armen einlassen, durch Begegnung, Bibelstudium, Filme etc. Ein paar dieser Aspekte haben wir in einer Gruppe namens „cukup“ aufgegriffen, die wir in Bern gegründet haben (cukup ist Indonesisch und bedeutet „genug“). Während des Zeitraums von einem Jahr versuchen wir als 8-köpfige Gruppe bewusst nach dem Grundsatz des „Genug“ zu leben und das Überflüssige wegzugeben. Miteinander ist das einfacher. Dazu treffen wir uns einmal pro Monat, um gemeinsam Znacht zu essen und auszutauschen. Besonders wichtig ist uns, dass wir uns in Stille, Singen und Input auf das Thema Armut und Wohlstand einlassen. Als Leitmotto haben wir Verse aus Jesaja 58 genommen:

Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte.

An unseren monatlichen Treffen haben wir auch schon das Jubeljahr und die Seligpreisungen angeschaut oder uns mit biblischen Finanzprinzipien beschäftigt. Höhepunkt war ein „Cukup-Benefiz-Fest“, wo bei Essen, Boule, Flohmarkt und Tanzkurs eingenommenes Geld einem Slum-Projekt in den Philippinen zu Gute kam.

Genug – die politische Umsetzung

Genauso wichtig ist aber auch die politische Umsetzung. Leider hat der Bundesrat Wohlstandsmehrung in seiner Legislaturplanung als erstes Ziel genannt. Demgegenüber setzt die Idee des „Genug“ die Bekämpfung von Armut, und insbesondere der absoluten Armut, an allererste Stelle und sieht eine weitere Wohlstandsmehrung für Menschen, die sowieso schon mit mehr als genug leben, eher als gefährlich und nicht als hilfreich an.

Eine wichtige Art, wie wir Armut bekämpfen können, besteht darin, dass wir das Problem an der Wurzel packen und den südlichen Ländern bei der Bestimmung der Weltwirtschaftsordnung mehr Macht geben. Eine weitere politische Utopie, die mit der Idee des Genug in Verbindung gebracht werden kann, ist die Idee des Grundeinkommens4. Diese Idee, nämlich dass jeder unabhängig von der Lebensführung eine Grundausstattung an Ressourcen haben sollte, kann auch mit dem grossartigen Gebot des Jubeljahres aus 3. Mose 25 in Verbindung gebracht werden.

 

 

1.  Zum Gedankengang dieses Abschnitts: Matthäus 6,24; 1. Timotheus 6,6-10; Markus 10,21; Hebräer 13,5

2. siehe Easterlin, R. (Hrsg.): Happiness in Economics, Cheltenham 2002

3.  Dieses Konzept geht zurück auf Earl Pitts und Craig Hill. Ihr Buch „Mäuse, Motten und Mercedes“ ist bei Campus für Christus (www.cfc.ch) erhältlich.

4.  Siehe www.grundeinkommen.info oder www.bien-ch.ch

 

15. Oktober 2006/0 Kommentare/von Dominic Roser
Schlagworte: money, simple life
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Dominic Roser

Dominic Roser forscht und lehrt am Institut für Ethik und Menschenrechte der Universität Freiburg (Schweiz). Schwerpunkte der Arbeit des Philosophen und Ökonomen sind die Klimagerechtigkeit und Wirtschaftsethik. Weiter engagiert er sich im Team von «Christians for Impact». Diese Initiative unterstützt Christinnen und Christen, ihre Ressourcen möglichst wirkungsvoll für ihre Nächsten einzusetzen. Er ist verheiratet und teilt sich mit seiner Frau in die Betreuung ihrer drei Kinder.

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