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Rechtsnationalismus unter Christen in der Schweiz? (Teil I)

Gesellschaft, Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Nationalismus, Politik, Soziales, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

In Europa und Amerika wächst der Einfluss rechtspopulistischer Parteien mit autokratischen Führungspersönlichkeiten in unerwarteter Intensität. Auch unter Christinnen und Christen gewinnt autokratisches Gedankengut an Boden. Wie sieht es damit in der Schweiz aus?

Seit dem 19. Jahrhundert haben unzählige Christen auf biblischer Grundlage und aus dem Glauben an Christus heraus weltweit ein spezifisches, vorher so nicht vorhandenes christliches Denken und Handeln in gesellschaftlicher Weltverantwortung entfaltet.

Christen sind auch Welt- und Staatsbürger und dürfen sich politisch und vor allem sozialpolitisch zu Wort melden. Denn: wer die Bibel gründlich studiert, muss sich von der Botschaft der alttestamentlichen Propheten, Jesu und der Apostel herausfordern, ja geradezu verpflichten lassen, für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einzutreten.
Das allerdings nicht mit dem Ziel, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft christlich im Sinne einer Theokratie zu domestizieren, sondern als normaler Ausdruck konkreter Nachfolge Jesu, um mit Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Respekt und Frieden zu dienen.

Christen sind vermehrt rechtsnationalistisch aktiv

In Europa und Amerika wächst der Einfluss rechtspopulistischer Parteien mit autokratischen Führungspersönlichkeiten in unerwarteter Intensität. Demokratien sind keine automatischen Selbstläufer mehr. Sie werden gerade in illiberale Demokratien transformiert durch eine subtile Schwächung der Gewaltenteilung, der Justiz und der Parlamente. Autokratisch-nationalistische Kräfte setzen ihre Agenda durch und lassen demokratische Strukturen schleichend absterben. Wie schnell Demokratie demontiert und an die Grenzen ihrer Wehrhaftigkeit kommt, zeigen jüngste Entwicklungen in den USA und Europa.

Die vielfältigen Ursachen dieser Entwicklung werden landauf landab kontrovers diskutiert, bewertet und eingeordnet. Genannt werden Migration, Verlust nationaler Identität, politische Verdrossenheit, Sozialabbau, Unzufriedenheit mit den Eliten in Politik und Wissenschaft. Manche Sorgen sind zweifellos berechtigt. Aber was geschieht, wenn der offensichtliche Vertrauensverlust zur Machtgewinnung bewirtschaftet wird? Wenn Patrioten ihr Land zu fest lieben und ihr Nationalismus ungeniessbar wird? Wenn die Demokratie, die Wissenschaften und die Politiker pauschal diskreditiert werden und demagogisch mit Unwahrheiten zur Abwahl der Herrschenden aufgerufen werden?

Die politischen Polarisierungen sind längst in der christlichen Szene angekommen. Dafür steht die jüngste Publikation von Peter Hahne «Ist das euer Ernst? Aufstand gegen Idiotie und Ideologie» (2024). Seit Jahren versteht er sich als prominente Stimme enttäuschter Wutbürger und bedient unentwegt sowohl medial, publizistisch und öffentlich auftretend diese Unmutsbewegung. Zu ihr gehören viele wertvolle Christen aus Kirchen und Freikirchen, die gläubig und treu in ihren Gemeinden mitarbeiten, fleissig und begeistert die Gottesdienste besuchen, sich an kirchlicher Gemeinschaft erfreuen, Nächstenliebe praktizieren und speziell das Gebet für die Schweiz pflegen. Sie verstehen sich als wertkonservativ und nationalgesinnt und wählen eher mitte-rechts/rechts als mitte-links/links.

Dass sie jedoch rechtspopulistischen Anliegen so unkritisch folgen, liegt an ihrem Wertekonservativismus, dem ja durchaus eine gewisse Berechtigung zukommt. Hinzu kommt aber, dass viele «bibeltreue Rechtgläubige» genau zu wissen meinen, was in der Bibel zur Lösung aktueller Herausforderungen steht. Viele argumentieren mit einer fragwürdigen, selektiven «Belegstellentheologie», die ihr geistliches Empfinden und Gefühl ebenso bestätigt wie ihr subjektives Interesse und ihre fromme Überzeugung. Die biblische Gesamtgeschichte wird in handliche Einzelteile zerlegt, von denen man sich nimmt, was gerade passt. Da werden Verheissungen und Zusagen auf die Schweiz übertragen, die vom Kontext her nur dem Volk Israel damals galten bzw. gelten.

So wird die Bibel in mundgerechte Häppchen und ideologische Versatzstücke fragmentiert und «Lieblingsthemen» stimmungsvoll propagiert.

Diese selektive Art von Bibellektüre ist dem nicht neu, der die Entwicklung der Hermeneutik, also die Auslegungsgeschichte der Bibel kennt. Das erkenntnisleitende Interesse ist jeweils so stark, dass viele, ja sehr viele Aussagen im Alten und Neuen Testament systematisch ausgeblendet werden. Gerade deshalb wächst momentan die Sorge, ob nicht gerade dieses aus biblischer Engführung resultierende rechtslastige Denken und Handeln das Potential hat, wieder einmal Christen ideologisch zu verführen. Wer die jüngere deutsche Geschichte kennt, bekommt Angst vor einer fatalen Wiederholung. In Europa – angeheizt vom Negativ-Vorbild Donald Trump – zeichnet sich für die nächsten Jahre ein transnationaler Rechtspopulismus ab.

Es zeigt sich dabei ein Paradox: Während z. B. der Soziologe Hartmut Rosa gemeinsam mit dem linken Politiker Gregor Gysi überzeugt sind1 , dass nur Religion die Demokratie noch retten könne – «Ich glaube zwar nicht an den da oben, aber ich fürchte eine gottlose Gesellschaft», so Gysi –, gibt es seit Corona inzwischen zu viele Christen, die sich gegen die augenblickliche demokratisch begründete Rechtsstaatlichkeit wenden. Das darf doch nicht sein!

Wer die Bibel gründlich, systematisch und kontextual studiert, wird zu einem kritisch differenzierenden, kreativen und weitherzigen Denken im Horizont des Reiches Gottes angeleitet! Gottes Wort und Gottes Geist überwinden die bequeme Leichtgläubigkeit, die jedem frommen Wanderprediger in die Arme fällt!

Konsequenter Schutz der Meinungsfreiheit

Lange Zeit schien die Schweiz politisch immer rechter zu agieren. Doch mittlerweile haben Länder wie Ungarn, Frankreich, Deutschland und Polen sowie besonders die USA uns rechts überholt.
Die populistischen Paukenschläge sind in unserem Land hingegen etwas leiser geworden. Dank einer Kultur der Bescheidenheit, der Dialoge und Kompromisse wirkt unsere Konsensdemokratie noch als Populismus-Schutz. Das Schweizer System lässt schillernde Autokraten oder einzelne politische Führerfiguren, die ganze Massen in ihren Bann ziehen können, nicht zu. Wenn sich der Chefredaktor der Weltwoche mit Autokraten und Nationalisten Europas von Georgien bis nach Grossbritannien vernetzt, bleibt das vorderhand politisch noch bedeutungslos, könnte aber längerfristig stimulierend wirken.
Denn die Schweiz hütet die Meinungsfreiheit konsequent. Deshalb können sich einzelne Personen rechtspopulistisch oft sogar grenzwertig äussern und agieren. Innerparteilich kann es dann durchaus Kritik geben, aber deren Mandate stehen nicht zur Debatte.

Erst wenn rechtspopulistische Parteien im Parlament die Mehrheit hätten, würde es problematisch. Wo der rechtsnationale Populismus zur politischen Macht avanciert, schliesst er Andersdenkende und Minderheiten systematisch aus und greift Institutionen wie Medien oder Gerichte an. Im Moment (August 2025) geschieht das in den USA in einem beispiellosen Tempo, das an Nazideutschland 1933/34 erinnert.

Von Ungarn, der Slowakei und Serbien ist die Schweiz noch weit entfernt. Allerdings verwirrt es, wenn rechtskonservative Parteien anderer Länder wie die deutsche AfD vom «Vorbild Schweiz» schwärmen und «volksnah» politisieren wollen. Sie sind von der Volkssouveränität in einer «direkten Demokratie» deshalb so fasziniert, weil sich damit ein starkes populistischen Mobilisierungspotenzial aktivieren liesse. Tatsächlich sind viele hierzulande stolz auf die Volkssouveränität. Allein sie würde Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung der Schweiz schützen und verteidigen. Und wer den politischen Monopolanspruch erhebt, das alles zu garantieren, provoziert und polarisiert regelmässig. Aber daran haben wir uns irgendwie schon gewöhnt, weil sich die politischen Kräfte noch die Waage halten.


1. Hartmut Rosa, Demokratie braucht Religion. Kösel 2023

Die Fortsetzung des Themas folgt in einem weiteren Artikel.

Foto von engin akyurt auf Unsplash

24. September 2025/0 Kommentare/von Peter Henning
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2025/09/engin-akyurt-FAtBOjZOiBU-unsplash-scaled.jpg 1707 2560 Peter Henning https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Peter Henning2025-09-24 11:16:222025-09-30 16:32:06Rechtsnationalismus unter Christen in der Schweiz? (Teil I)

Künstliche Intelligenz: Herausforderungen für die Gesellschaft und die Christen

Technologie, Dossier: Informationsmacht, Dossiers, Gesellschaft, Philosophie, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 3 min

Seit der Einführung von ChatGPT im November 2022 hat die generative künstliche Intelligenz einen rasanten Aufschwung erlebt. Diese technologische Revolution lässt niemanden unberührt, nicht einmal christliche Gemeinschaften, die nach und nach das Potenzial und die Gefahren dieser neuen Werkzeuge entdecken.

Der Global Missional AI Summit1 hat es sich sogar zur Aufgabe gemacht, zu zeigen, wie Künstliche Intelligenz (KI) für spirituelles Wachstum und die Übersetzung der Bibel genutzt werden kann. Angesichts dieses Wandels stellt sich eine grundlegende Frage: Wie sollen wir mit dieser Technologie umgehen, die unser Verhältnis zu Wissen, Wahrheit und menschlichen Beziehungen grundlegend verändert?

Grundlegende Ambivalenz

Im Gegensatz zu binären Ansätzen, die Technologie je nach ihrer Verwendung als grundsätzlich gut oder schlecht darstellen, ist die Realität komplexer. KI ist grundsätzlich ambivalent: Sie hat gleichzeitig und untrennbar voneinander positive und negative Auswirkungen. Diese Ambivalenz zwingt uns, uns den vielfältigen Herausforderungen dieser Innovation und ihren Risiken zu stellen, die die Fundamente unserer Menschlichkeit und unserer Gesellschaft in Frage stellen.

Die generative KI stellt in erster Linie unser Verhältnis zur Wahrheit in Frage. ChatGPT ist trotz seiner aussergewöhnlichen Leistungsfähigkeit ein probabilistisches System, das einen Teil der Informationen mit beunruhigender Sicherheit falsch wiedergibt. Dass diese Quellen für zuverlässig gehalten werden können, stellt unsere kollektive Fähigkeit in Frage, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden, was in einer Zeit, in der Desinformation weit verbreitet ist, besonders besorgniserregend ist.

Technologische Versprechen – menschliche Herausforderungen

KI kann uns zwar von bestimmten repetitiven Aufgaben befreien, benötigt aber gleichzeitig eine Armee von „Klickarbeiterinnen und -arbeitern”, um Inhalte zu überprüfen und zu filtern. Diese versteckte Wirtschaft offenbart die Widersprüche eines Systems, das vorgibt, die Menschen von der Arbeit zu befreien, gleichzeitig aber neue Formen der Ausbeutung schafft. Hinter der scheinbaren Entmaterialisierung der KI verbirgt sich eine beachtliche physische Realität. Der CO2-Fußabdruck von ChatGPT und anderen generativen KI-Systemen ist gigantisch und wächst exponentiell.

Die geopolitische Herausforderung ist nicht weniger besorgniserregend: KI kristallisiert die Machtverhältnisse vor allem zwischen Amerikanern und Chinesen heraus. Diese Konzentration der technologischen Macht in wenigen Händen wirft wichtige demokratische Fragen auf.

Eine weitere Herausforderung: Wie kann man kritisches Denken und die Fähigkeit zum Nachdenken förden, wenn KI gerade unsere Fähigkeit zum kritischen Denken beeinträchtigt? Diese Frage wird umso wichtiger, wenn man bedenkt, dass junge Menschen, die an Bildschirme und ständige Reize gewöhnt sind, nach und nach ihre Konzentrationsfähigkeit und ihre Fähigkeit zum vertieften Lesen von Texten verlieren. Der sofortige Zugriff auf die Zusammenfassung eines beliebigen Artikels erspart uns sogar die Notwendigkeit zu lernen. Wie die Forscherin Maryanne Wolf2 betont, bedeutet Lesen Verstehen, es ist eine kognitive und emotionale Erfahrung, die uns innerlich verändert und Empathie fördert. Der Verlust dieser Fähigkeit trägt zur zunehmenden Polarisierung unserer Gesellschaften bei und schwächt die Grundlagen des kritischen und komplexen Denkens.

Den christlichen Glauben in Zeiten der Algorithmen vermitteln

Für Christen stellt die KI besondere Herausforderungen dar und wirft eine grundlegende theologische Frage hinsichtlich der Vermittlung des Wortes auf. Eine KI, die mit allen „vertrauenswürdigen” christlichen Texten gefüttert wird, würde zweifellos fundiertere Antworten liefern als jede Pfarrerin bzw. jeder Pfarrer. Aber wäre das dann noch ein authentischer Dienst am Wort? Der christliche Glaube basiert auf einem Wort, das nicht nur eine einfache Information ist, sondern ein Ereignis, eine Begegnung, eine Inkarnation. Dieses göttliche Wort ist in Jesus Fleisch geworden und kann nur von Mensch zu Mensch in einer lebendigen Beziehung weitergegeben werden. Die Verkündigung des Evangeliums auf eine Wahrscheinlichkeitsberechnung zu reduzieren, wäre eine reine Farce.

Der Weg der Machtlosigkeit

Angesichts des Dilemmas zwischen Akzeptanz und Ablehnung der KI schlägt der Theologe Jacques Ellul3 einen dritten Weg vor, der vom Beispiel Christi inspiriert ist: die Machtlosigkeit. Der Ellul-Spezialist Frédéric Rognon definiert diesen Ansatz als „die Fähigkeit, etwas zu tun, und die Entscheidung, es nicht zu tun”. „Als Jünger von Christus sind Christen aufgefordert, ihm auf einem Weg der Ohnmacht zu folgen: nicht alles zu tun, was in ihrer Macht steht, sondern unter allen Möglichkeiten das zu erkennen, was mit dem Leben und der Liebe verbunden ist.”4
Dieser Ansatz bedeutet nicht eine systematische Ablehnung der Technologie, sondern lädt dazu ein, eine klare Prioritätenhierarchie aufzustellen, statt immer nur auf technologische Effizienz zu setzen. Im Mittelpunkt steht die Qualität der Beziehung, die Wahrhaftigkeit des Dialogs, die Tiefe der Begegnung – Dimensionen, die sich keiner algorithmischen Optimierung unterwerfen lassen. Es geht darum, einen kritischen Blick zu entwickeln, ohne in Technophobie zu verfallen, diese Werkzeuge zu nutzen, ohne sich von ihnen beherrschen zu lassen.

Ein solcher Ansatz erfordert Bildung, die Schulung des kritischen Denkens und vor allem die Bewahrung dessen, was das Wesen unserer Menschlichkeit ausmacht: die Fähigkeit zu authentischen Beziehungen, zu echter Kreativität, zu verkörpertem Wort. In einer Welt, in der Maschinen sich darin auszeichnen, das „bereits Gesagte” zu reproduzieren, liegt unsere einzigartige Stärke in unserer Fähigkeit, Neues, noch nie Gesagtes, wirklich Unabhängiges zu produzieren.


1. https://missional.ai/
2. Weitere Informationen darüber in zwei Artikeln über Maryanne Wolf: https://www.philomag.com/articles/maryanne-wolf-il-est-possible-que-lexperience-de-lecture-profonde-satrophie-ou-se-perde und https://www.letemps.ch/culture/livres/maryanne-wolf-le-numerique-a-deja-change-notre-facon-de-lire?
3. Jacques Ellul, über den im November 2024 mit Unterstützung von ChristNet eine Tagung in St. Légier VD (Link: «Ohne Hoffnungslosigkeit keine Hoffnung» – ChristNet) stattfand, befasste sich vor mehr als 30 Jahren mit den Frühformen der künstlichen Intelligenz.
4. www.eks-eers.ch/fr/blogpost/jacques-ellul-et-lintelligence-artificielle/

Der Artikel wurde erstmals am 23. Juli 2025 auf Französisch in Christ Seul veröffentlicht.

Das Titelbild stammt vom AI-Bilderdienst Lummi.

10. September 2025/3 Kommentare/von Thomas Gyger
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2025/09/QmXa7a7J16H2XkwvtEeaKhjwQ22Ck28jAowpdWiHgw27bM.avif 841 1500 Thomas Gyger https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Thomas Gyger2025-09-10 11:38:452026-06-01 15:56:06Künstliche Intelligenz: Herausforderungen für die Gesellschaft und die Christen

Theokratie oder Autokratie oder Demokratie oder …?

Gesellschaft, Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Dossiers, Philosophie, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 5 min

Welche Herrschaftsform wird in der Bibel favorisiert? Pfarrer Simon Grebasch lädt die Lesenden in seinem Artikel zu einer Tour d’Horizon durch die Bibel ein und skizziert dabei seine Antworten.

Grundsätzliches zur Bibelauslegung
Bei der Bibelauslegung muss zwischen Beschreibung und Beurteilung unterschieden werden. In der Bibel wird viel öfter beschrieben als beurteilt. So wird nicht klar, ob Jakobs Betrügereien an seinem Bruder Esau an sich als okay oder nicht okay eingestuft werden. Vielmehr wird einfach beschrieben, dass Jakob so gehandelt hat. Manchmal kann man aus der Art und Weise der Beschreibung (mit Vorsicht und Vorbehalt) auch auf eine mögliche Bewertungstendenz schliessen. So zum Beispiel bei der Missachtung Esaus von seinem Erstgeburtsrecht (Gen 25,34). Weitgehend äussert sich das Genesisbuch zum Bruder Jakobs jedoch bloss beschreibend. Der Schreiber des Hebräerbriefs im NT ist in seinem (negativen) Urteil dann unzweideutig (Hebr 12,16).
Am einfachsten für die Bewertung ist es natürlich, wenn ausdrücklich die gegensätzlichen Prädikate «gut» oder «schlecht» vorkommen, oder ihre Synonyme. Ein weiteres Problem stellt sich bei der Frage, wer hinter dem Text stand und beurteilt (hat). Moses wäre bezüglich der «richtigen» Herrschaftsform vielleicht ja nicht der gleichen Meinung gewesen wie Paulus. Und bezüglich der Inspiration der Bibel durch Gottes Geist (vgl. 2Ti 3,16) könnte es sich als schwierig herausstellen zu differenzieren zwischen der Meinung es Autors und dem Reden Gottes. Nur einmal deklariert ein biblischer Autor klar, was von ihm stammt und was der «Herr» selbst gesagt habe (1Ko 7,10–12).

Ich kann im Rahmen dieses Artikels nur selektiv vorgehen, versuche dies aber exemplarisch zu machen. Beginnen wir beim biblischen ersten Menschenpaar im paradiesischen Schöpfungsgarten. Der Zustand vor dem Fall gilt von manchen Interpreten als Ideal-Zustand und soll im künftigen Reich Gottes wiederhergestellt werden. Welche Herrschaftsform(en) können wir von Genesis 1–3 ableiten? Ein Staat existierte noch nicht. Auf das Kleine angewendet können wir sagen, dass eine theokratische Form vorliegt: Gott gebietet ein Grundgebot und erteilt Aufträge. Der Mensch ist Gott rechenschaftspflichtig. Innerhalb dieses Rahmens ist der Mensch sehr frei und darf selbst bestimmen. Bis auf einen einzigen Baum darf er von allen Pflanzen konsumieren. Die Ordnung innerhalb dieser Theokratie ist also gleichzeitig auch liberal-demokratisch. Eine Herrschaft des Mannes über die Frau ist nicht auszumachen.

In Genesis 10 findet sich mit Nimrod zum ersten Mal eine Autokratie, eine menschliche Alleinherrschaft. Dass er «der erste Gewaltherrscher auf Erden» war, wird nicht direkt bewertet, evtl. suggeriert die Verwendung des Begriffs «Gewalt» eine Tendenz. Auch aufgrund der Verortung zwischen der Sintflut und dem Turmbau zu Babel – einem weiteren Strafgericht Gottes – kann eine negative Bewertungstendenz abgeleitet werden. Auch sonst kommt autokratisches (selbstmächtiges) Herrschen im weiteren Verlauf der Bibel durchs Band schlecht weg.

Bei der Konstituierung des Volkes Israel gab es die Herrschaft des Presbyteriums – der Rat der 70 Ältesten, die auch als Richter fungierten – plus Moses an der Spitze (Nu 11). In der Zeit nach der Ausbildung der 12 Stämme in Israel werden herrschaftslose, anarchische Zustände beschrieben. Vereinzelt werden Richter einberufen, um Ordnung zu schaffen (Kritarchie).

Weil sich die Situation mit den Richtern nicht wesentlich bessert, verlangt das Volk nach einem König. Dieser Wunsch stösst ausdrücklich auf den Unwillen Gottes, wird aber gemäss Autorschaft des 1. Samuelbuches dennoch von Gott selbst akzeptiert, so dass die Monarchie schliesslich eingeführt wird (1Sa 8+9). Ein exemplarisches Beispiel dafür, wie die Herrschaft Gottes im AT nicht als diktatorisch, sondern dialogisch und demokratisch beschrieben wird. Die Monarchen selbst waren relativ frei, das mosaische Gesetz anzuwenden, das als Gottes Gesetz verstanden wurde. Wer gottlos und eigenmächtig herrschte, kam in der Beurteilung schlecht weg (Vgl. 1Kö 16,30: «Und Ahab tat, was dem Herrn missfiel»). Umgekehrt wurde positiv bewertet, wer nach Gottes Massstäben regierte (1Kö 15,11: «Und Asa tat, was dem Herrn wohlgefiel»). Die «guten» Könige wurden zu Vorbildern des verheissenen Weltenkönigs, des Messias. Kritische Machtgegengewichte zum Königtum formten sich in Priestertum und Prophetenamt, die allerdings dem König untergeordnet waren.

Nach der assyrischen und babylonischen Herrschaft und der Zeit des Exils ist von einem Königtum in Israel nicht mehr die Rede. Stattdessen wird durch die Priester (Hierokratie bzw. hierokratische Theokratie) ein religiöser Staat etabliert.

Neues Testament

Wenn wir in das NT springen, finden wir – bedingt durch die römische Fremdherrschaft, die unerwünscht war –, eine relativ komplizierte Situation vor: Der römische Präfekt war als Statthalter für den Kaiser Roms höchste Aufsichtsperson in Judäa, wo zugleich Tetrarch Herodes Antipas über die dort ansässigen Juden regierte. Die religiöse (priesterliche) und richterliche Gewalt – dem römischen Statthalter und (halbjüdischen) Tetrarchen unterstellt – ging vom Sanhedrin aus, einem 71-köpfigen jüdischen Rat, bestehend aus Priestern, Schriftgelehrten und Ältesten. Das Volk hatte keine Mitbestimmungsrechte, ausser es wurde von den Herrschenden befragt.

Von Jesus ist bekannt, dass er die Steuern für König Herodes (Mt 17,27) und den römischen Kaiser akzeptierte, gleichzeitig aber auch das bestehende System relativierte, wenn er postulierte, dass nicht nur dem Kaiser Seins zu geben ist, sondern auch «Gott, was Gottes ist» (Mt 22,21). Den Titel «Kyrios» bezog er auf sich selbst. Auch mit weiteren politischen Ehrentiteln wie Messias, Sohn Gottes oder König (der Juden) liess er sich widerspruchslos betiteln. Gehen wir auch weiter vom synchronen Textverständnis aus, dann beanspruchte Jesus sogar die Weltherrschaft (Mt 26,63f).

Systematische Aussagen zu politischen Herrschaftsformen suchen wir bei ihm jedoch vergeblich. Ihm ging es nicht um eine bestimmte Staatsform, sondern dass sich das Reich Gottes mit dem Ethos der Liebe im Zentrum realisiert. Das Ethos aber hatte eine Demokratisierung zur Folge: Seine Gefolgschaft folgte Jesus zwanglos mittels Zustimmung – nicht durch Erbfolge, Geld oder Status. In ihr finden wir weitere demokratische Züge wie Egalität, individuelle Rechte, Mitsprache und Empowerment. Jesu Selbstverständnis ist «servant leadership» (vgl. Joh. 13). Das schliesst hierarchische Ordnungen nicht per se aus. Jesus selbst ging als Leader voran und wird als der Messias und König erwartet, der Gottes Reich aufrichten wird.

Bei den Aposteln werden Jesu Demokratisierungstendenzen weitergeführt. Stichworte und Anschauungsbeispiele sind:

  • Die Gütergemeinschaft (Apg 2,42ff)
  • «Koinonia» (= Gemeinschaft und Partizipation der Vielfältigen versus gleichgeschaltete Einheit)
  • «Ekklesia», die Selbstbezeichnung der Kirche, die auf die griechisch-demokratische Volksversammlung verweist – mit dem Unterschied, dass bei den Christen alle Gläubigen, auch die Frauen, Sklaven, Ausländer und sogar Kinder dazuzählten, was in der damaligen Zeit revolutionär war.
  • das Bild vom «Leib Christi», wo Christus als das Haupt sich mit seinen Gliedern verbindet und alle einander brauchen
  • das Wirken und Regieren des Geistes Gottes in allen Gläubigen (Rö 8,14, 1Ko 12,4–7).

Letzteres kann als eine Art «innerliche Theokratie» bezeichnet werden. Damit ist keine Unterwürfigkeit gemeint. Historisch gesehen tendierten und tendieren Theokratien zwar zur Diktatur. Nicht so die biblische Gottesherrschaft: Die Vorstellung Gottes als «pluripersonal» bzw. dreieinig (vgl. Gen 1,26; 18; Mt 28,19; 2Ko 13,13) erinnert an ein in der Gottheit selbst inhärentes, demokratisches Prinzip. Und die Vorstellung des Endzustands im vollendeten Reich Gottes kann als «demokratische Monarchie bzw. Theokratie» – mit Gott bzw. dem Christuskönig an der Spitze – bezeichnet werden (vgl. Phil 2,9–11; Off 21+22).

Schlussfolgerung

Obwohl kein bestimmtes politisches System, das zu bevorzugen wäre, auf das Alte oder Neue Testament gelegt werden kann, so kann aus meiner Sicht trotzdem die Folgerung gewagt werden, dass von den Anfangskapiteln der Bibel bis zum Schluss durchs Band sozial-demokratische Formen des Zusammenlebens und Regierens bevorzugt werden, unter gleichzeitiger Aufsicht des guten Gottes und seines Messias bzw. Christus (christuszentrische Theokratie). Autokratische Formen kommen schlecht weg. Nicht jedoch hierarchische Ordnungen, wenn sie kompetenzorientiert aufgebaut sind und dem Ethos der Liebe und der Berücksichtigung der gleichen Würde aller Menschen (vgl. Gen 1,27; 9,6) verpflichtet sind, so «dass es allen zugute kommt» (1Kor 12,7).

29. Juli 2025/1 Kommentar/von Simon Grebasch
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2025/08/QmVrBJte95ssiWePMe3stDuVxr7N2yZbAkvQLRmfLrmbcS-e1753798773778.jpg 645 1500 Simon Grebasch https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Simon Grebasch2025-07-29 16:20:022025-08-26 08:57:33Theokratie oder Autokratie oder Demokratie oder …?

Nächstenliebe: Was heisst das denn?

Gesellschaft, Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Politik, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 7 min

In den Evangelien der Bibel sind die Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen die höchsten Gebote. Wenn wir von christlichen Werten sprechen, dann sind diese also zentral. In heutigen Ohren mag Nächstenliebe etwas verstaubt tönen, sie ist aber hochaktuell. Was könnte das für die heutige Gesellschaft und für unsere Demokratie bedeuten?

In Lukas 10.29–37 fragte ein Gesetzeslehrer nach, wer denn sein Nächster sei. Darauf antwortete ihm Jesus mit dem Gleichnis des barmherzigen Samariters. Die als korrekt religiös angesehenen Priester und Leviten gingen am Überfallenen vorbei, aber ein geächteter Samariter erbarmte sich ihm. Nur er lebte die Nächstenliebe aus.

Hierarchie der Nächstenliebe?

Wer sind heute unsere Nächsten? Für mich sind es all diejenigen, denen wir begegnen, mit denen wir zu tun haben. Aber auch all diejenigen, bezüglich denen wir eine Handlungsmöglichkeit haben. Denn in Matthäus 25 wird auch danach gerichtet, was wir nicht getan haben. Heute haben wir auch Handlungsmöglichkeiten gegenüber den «Ärmsten» der Welt.

Dies bedeutet auch, dass die Idee falsch ist, dass wir zuerst für uns resp. für die Schweiz schauen müssen. Jeder Mensch auf der Welt ist gleich viel wert. Zuerst für uns zu schauen oder gar eine Hierarchie der Nächstenliebe aufzustellen, ist Egoismus: Denn zuerst für «die Eigenen» zu schauen, bringt letztlich uns selber Vorteile. Zuerst für die eigene Nation zu schauen, ist Nationalismus. Wie wenn wir mehr Wert wären als andere! Gerade heute, mit zunehmender Not in der Welt, können die wohlhabenden Nationen nicht sagen, sie müssten zuerst für sich selbst schauen. Die Folge davon sind z.B. Hunger und Tod.

«Jeder Mensch auf der Welt ist gleich viel wert.»

Handlungsmöglichkeiten haben wir auch gegenüber der Generation unserer Kinder und Kindeskinder. Da auch sie intakte Lebensgrundlagen brauchen, sind wir aufgefordert, die Schöpfung zu bewahren.

Eine Werterevolution

Das Wohl des Nächsten gleichzeitig zu suchen wie das eigene Wohl, das war eine revolutionäre Botschaft. Es bedeutet auch heute noch die Abkehr von Egozentrik und Egoismus. Und es ist ein Stachel im Fleisch des Mainstreams und der Wirtschaft, die – frei nach dem Begründer der Nationalökonomie, Adam Smith – behauptet, dass es für alle am besten sei, wenn jeder zuerst die eigenen Interessen verfolge.

Oft projizieren wir aber unsere eigenen Wünsche auf die Nächsten, obwohl diese vielleicht andere Prioritäten haben. Nächstenliebe heisst hier, genauer hinzuschauen, die Menschen und ihre Freuden und Nöte wirklich kennenzulernen. Oder wir denken in Gruppen und vorgefassten Meinungen. Dies können Vorurteile sein, geprägt von Misstrauen. Auch hier gilt es, genauer und vorurteilsfrei hinzuschauen, und, wo möglich, echte Beziehungen aufzubauen. Nächstenliebe heisst hier, auf den Nächsten wirklich einzugehen.

Dies heisst auch, die Frage nach dem Warum zu stellen: Woher kommen die Meinungen, Verhaltensweisen und Nöte der Nächsten? Letztere können auf ungleichen Voraussetzungen basieren oder strukturelle Ursachen haben, was ein genaueres Hinsehen unangenehm machen kann. Denn dies kann unsere eigene Stellung und unseren Wohlstand in Frage stellen. Sind wir bereit dazu? Das ist die Konsequenz des Verses: «Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst». Also nicht zuerst ich, und wenn’s reicht, dann auch noch den Nächsten. Deshalb fordert Gott uns auf, das Recht der Armen zu schützen und für sie zu sorgen Es gibt also kein Entweder-oder!

Wir sind aber Meister darin, Rechtfertigungsideologien aufzubauen, um nicht helfen oder teilen zu müssen: «Er ist faul», «Er ist selber schuld», «Es ist besser für ihn, wenn ich nicht helfe». All dies mag in gewissen Fällen zutreffend sein, aber wir wenden es seeeehr oft an. Denn Vorurteile sind angenehm, weil sie uns entlasten.

Wer braucht unsere Liebe besonders?

Wer braucht die Nächstenliebe besonders? Das Alte und das Neue Testament fordern mit Nachdruck immer wieder zum Schutz der Witwen, Waisen, Armen, Elenden, Geringen, Ausländer, etc. auf. Sie sind in Gottes Augen besonders schutzbedürftig. Im Alten Testament wird immer wieder darauf hingewiesen, dass Menschen durch Umstände in Schulden und damit in Schuldknechtschaft kommen. So sind sie den «Starken» ausgeliefert. Die Propheten klagten das Volk Israel an, dass die Starken versuchen, das Recht der Schwachen zu beugen, statt ihnen zum Recht zu verhelfen.

Ein besonderes Augenmerk lag dabei auf den Armen, zu deren Gunsten zahlreiche Aufrufe erfolgten (z.B. „Es sollte überhaupt kein Armer unter euch sein“ 15. Mose 15.4). Natürlich sagt Jesus im Neuen Testament, dass es immer Arme geben werde. Dies ist aber deskriptiv und nicht, was Gott sich wünscht. Deshalb wurde im alten Israel der Zehnte auch für die Armen gebraucht und diese hatten das Recht auf die Nachlese und alle sieben Jahre auf die Frucht eines Feldes. Auch strukturelle Anordnungen – wenn auch nur selten umgesetzt – sollten für Gerechtigkeit und Umverteilung sorgen, damit Familien ihre Schuldknechtschaft abschütteln und wieder für sich selber sorgen konnten. Hier geht es auch darum, Nachteile auszumerzen und gleiche Lebenschancen zu geben.

Die Stimme erheben

Nächstenliebe heisst auch, sich für Benachteiligte einzusetzen: „Öffne deinen Mund für den Stummen, für den Rechtsanspruch aller Schwachen! Öffne deinen Mund, richte gerecht und schaffe Recht dem Elenden und Armen!“ (Sprüche 31.8–9)

Wer sind heute diejenigen, die unsere Stimme am meisten brauchen? Wer sind die Machtlosen, die Verletzlichsten, die Elenden, diejenigen, denen es am schlechtesten geht? Die Menschen in Armut? Die Kinder, die überdurchschnittlich oft von Armut betroffen sind, die in der Schule immer mehr Druck verspüren und herumgeschoben werden? Die Migranten, die als Gefahr angesehen werden? Menschen mit Behinderung? Weniger Gebildete, die kaum mehr mithalten können? Oder ganz einfach weniger Leistungsfähige? Es ist unsere Aufgabe, diesen Benachteiligten zu ihrem Recht und zu fairen Lebenschancen zu verhelfen. Das kann z.B. geschehen durch Umverteilung, durch Stärkung, durch gleichen Zugang zum Recht etc. Sie sind zwar nicht ganz stimmlos, aber sie werden in unserem System, wo die Grösse des Megafons und die Machtposition entscheidend für den Einfluss sind, einfach nicht mehr gehört. Denn wo sich ein Milliardär ein Medium kaufen kann, hat er viel mehr Einfluss als Zehntausende von Menschen.

Was könnte das konkret heissen?

Zum Beispiel im materiellen Bereich: Für Löhne und Kinderzulagen sorgen, die für eine Familie zum Leben reichen. In der Sozialhilfe nicht einfach blindlings den Betroffenen Geld zuschanzen, sondern genauer hinschauen und evaluieren, was die Person braucht, um wieder auf die eigenen Füsse zu kommen: Umschulung? Psychologische Unterstützung? Ein besseres Netz? In Winterthur und Lausanne wurden deshalb mehr Sozialhilfemitarbeitende eingestellt, damit diese Zeit haben, mit den Betroffenen Lösungen zu finden. Der Erfolg für die Betroffenen und die sinkenden Kosten geben dieser Sichtweise recht. Hier wird an der auch in der Bibel erwarteten Eigenverantwortung festgehalten, aber die Voraussetzungen geschaffen, damit diese überhaupt wahrgenommen werden kann.

Wir sollten auch einen besonderen Fokus auf die Kinder legen: «Jeder kann selber» gilt bei ihnen erst recht nicht. Schlechte Situationen behindern ihre gesunde Entwicklung. Hier muss in Früherkennung und Frühintervention investiert werden, für ihre Zukunft und letztendlich auch zur Verminderung der zukünftigen gesellschaftlichen Probleme und damit Kosten. Wir müssen für gute Voraussetzungen sorgen und sie besonders dort unterstützen, wo Eltern nicht (mehr) ihrer Verantwortung nachkommen können – zum Beispiel, wenn sie eine Suchterkrankung entwickeln.

«Der Staat soll nicht»

In den Kirchen hören wir manchmal, dass die Benachteiligten sich einfach an Gott wenden sollten und der Staat nicht Aufgaben von Gott übernehmen solle.

Und doch: die Politik ist ein Teil der Lösung. Denn Nächstenliebe bedeutet nicht nur Pflästerli und Almosen, sondern auch strukturelle Ursachen von Not und Elend anzusprechen und zu verändern, wie es auch im Alten Testament gefordert wurde. Wir selbst bestimmen die Politik mit, wir stellen die Regeln und gerechte Strukturen auf, die Auswirkungen auf das Wohlergehen der Nächsten haben. Wir sind also für die Umstände unserer Nächsten mitverantwortlich.

Ja, Barmherzigkeit darf nicht einfach an die Politik delegiert werden, aber Barmherzigkeit einzig durch die Christen und Kirchen genügt offensichtlich nicht. Wir werden auch danach gerichtet, was wir nichtgetan haben (Matthäus 25), und wenn wir wissen, dass durch eine Gesamtorganisation – also auch über Politik – den Nächsten viel mehr Gutes getan werden kann, dann sollten wir das tun. Es stimmt, dass viele Menschen die Barmherzigkeit leider an den Staat delegieren, aber gleichzeitig gibt es bei vielen Christen die Tendenz, sich nur um das eigene Seelenheil zu kümmern und das Wohl der Nächsten einfach an Gott zu delegieren.

Jeder Mensch ist von Gott geschaffen und hat den gleichen Wert

Nächstenliebe heisst auch anzuerkennen, dass jeder Mensch von Gott geschaffen und gleich geliebt ist. Dies erfordert, jedem Menschen den gleichen Wert und damit gleiche Aufmerksamkeit, gleichen Respekt und gleiche Lebenschancen zuzugestehen.

Im persönlichen Umgang bietet uns Matthäus 7,12 eine gute Richtschnur: «Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.» Im gesellschaftlichen Umgang heisst dies auch, andere Gruppen und Nationen so zu behandeln, wie wir es von ihnen erwarten, behandelt zu werden. Dies wird aber sehr oft von der Angst vor den «Anderen» und den «Fremden» überlagert. Deshalb sollten wir Acht geben, nicht gegen sie zu hetzen, indem wir ihnen böse Dinge unterstellen, von denen wir eigentlich keine Ahnung haben. Dies ist immer der Ursprung von Verfolgung. Deshalb redet Jesus auch von Feindesliebe. Genau davon scheinen wir uns aber heute mehr denn je zu entfernen: Wir bewegen uns in unseren Internet-Bubbles und werden immer stärker in unseren «Wahrheiten» und in unserem Gruppendenken bestärkt. Damit werden «die Anderen» für uns immer unverständlicher und zur Gefahr für uns.

Auf dem Weg zum Recht der Stärkeren?

Die Rechtfertigung des eigenen Vorrechts betrifft alle Gruppen der Gesellschaft. Die Stärksten haben aber die grösste Chance, sich dabei auch durchzusetzen. Gerade in den USA sehen wir heute unter Präsident Trump eine Entfesselung der «Starken». Viele Geld- oder Energie-Mächtige sind nicht mehr bereit, sich zu Gunsten der Nächsten beschränken zu lassen. Im Zuge der zunehmenden Machtungleichheiten scheinen ihnen die Opportunitätskosten zu hoch: Die (gesetzlichen) Einschränkungen hindern sie daran, ihre Ressourcen voll zur Entfaltung zu bringen. Libertäre Ideologien und die Aushebelung der Verhinderer wie der Staat und die Demokratie haben deshalb Aufwind. Zunehmend wird eineMeritokratie ohne Chancengleichheit propagiert und dies mit der Behauptung einer «moralischen Überlegenheit» begründet: Diejenigen, die früh aufstehen» stehen den «Profiteuren» gegenüber.

Verfechter dieser Tendenzen wie Elon Musk oder Donald Trump haben auch schon offen gesagt, sie hätten keine Empathie mit «Losern». Nächstenliebe, genaues Hinsehen und daraus Verständnis entwickeln sind keine Optionen. Der einzige Gradmesser für sie ist die Stärke. Dies dringt in allen Aussagen zu anderen Menschen durch. Elon Musk ist auch ein Verfechter der Züchtung vonSupermenschen, die eine zukünftige Herrscherkaste bilden soll.

So ist es nichts als logisch, dass in den USA alle Programme zum Ausgleich von Benachteiligungen geschwächt oder sogar abgeschafft werden. In ihrer Ideologie der Stärke ist dies den aktuellen Herrschern so wichtig, dass sie auch ausländischen Unternehmen, die in den USA arbeiten wollen, die Abschaffung solcher Programme vorschreiben und den Universitäten verbieten, zu Benachteiligungen zu forschen oder zu lehren. Die Logik des «survival of the fittest» ist mit ein Grund, warum sämtliche Hilfe an ärmere Länder, humanitäre Hilfe, Unterstützung von internationalen Organisationen und Impfprogramme von Musk und Trump abgeschafft wurden, was selbst den konservativen Aussenminister Rubio erzürnte, der bei diesen Entscheiden übergangen wurde. Durch die fehlenden Hilfen sind Hunderttausende von toten Kindern und Erwachsenen zu erwarten. Das Sterben hat bereits begonnen.

Die Stärksten sollen herrschen, eine Idee, die bereits in den Dreissigerjahren des 20. Jahrhunderts verbreitet war. Bereits heute werden schwächere Menschen in der Gesellschaft in gewissen Kreisen entwertet und gar als Last angesehen. Bis zur Euthanasie ist es nicht mehr weit. Inzwischen werden in den USA Wahlrechte eingeschränkt, die Verbreitung von unliebsamen Ideen und Fakten durch Universitäten verboten, viele Politikerinnen und Politiker von Elon Musk gekauft und abhängig gemacht und die Medien gegängelt (wie die früher kritische Washington Post heute durch Jeff Bezos).

Sind wir Christen noch die Vertreter der Nächstenliebe?

In christlichen Kreisen werden benachteiligte oder schwächere Menschen oft einfach an Gott weiterverwiesen. Gott helfe ihnen schon, sie sollten einfach beten. Wie wenn sie das Elend verdient hätten, wenn sie nicht genug beten! Im Gegensatz dazu ruft uns die Bibel dazu auf, selber für Gerechtigkeit, Hilfe zu sorgen und unseren Reichtum zu teilen.

Vor Gott gilt nicht das Recht des Stärkeren, sondern der gleiche Wert jedes Menschen und das gleiche Recht, gehört zu werden, mitzubestimmen und teilzuhaben. Das Recht des Stärkeren ist also das Gegenteil der Nächstenliebe. Wie können wir diese beschreiben, damit sie in der Öffentlichkeit verstanden wird? Zum Beispiel mit darin enthaltenen Aspekten: Empathie, Mitgefühl, Barmherzigkeit, Respekt, Altruismus, etc. Sie ist für die Menschen und nicht gegen die Menschen. Sie ist gegen die Herrschaft des Stärkeren, der Interessen und des «Alles ist verkäuflich». Das ist die Bedeutung, Salz der Erde zu sein. Sind wir es noch?

Links zum Weiterlesen:

– Politik der Nächstenliebe: https://christnet.ch/de/christnet-wahlaufruf-waehlen-wir-die-naechstenliebe/
– Familienpolitik: https://christnet.ch/de/familie-ermoeglichen/
– Umgang mit den Schwachen: https://christnet.ch/de/unser-umgang-mit-den-schwachen/
Hintergrundfoto der Collage von Marlis Trio Akbar auf Unsplash
7. Juli 2025/0 Kommentare/von Markus Meury
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2025/07/ChristNet_KeyVisual_Collage_Artikel-NAECHSTENLIEBE-290138-scaled.jpg 1440 2560 Markus Meury https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Markus Meury2025-07-07 18:06:072025-08-08 16:11:00Nächstenliebe: Was heisst das denn?

Von relativem Pazifismus und gerechtfertigten Verteidigungskriegen

Gesellschaft, Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Soziales, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

«Ich wünschte, er würde einfach sterben», sagte mein Kollege erbittert – gemeint war der Aggressor eines grauenhaften Krieges. Diese Aussage mag zunächst schockierend wirken, denn man «darf» doch niemandem den Tod wünschen. Zudem würde der Tod eines Einzelnen kaum das Ende eines Konflikts bedeuten. Doch die Aussage bringt eine innere Spannung zum Ausdruck, mit der wir derzeit wohl alle ringen.

Auf der einen Seite steht das christliche Gebot der Feindesliebe (vgl. Mt 5-7), das uns davon abhalten sollte, andern Schlechtes zu wünschen oder ihnen Gewalt anzutun. Auf der anderen Seite steht das Wissen um das Unrecht, das geschieht – und unser ebenso christlicher Auftrag, gegen Unrecht aufzustehen und die Schwachen zu schützen (vgl. Spr 31,8-9). In manchen Fällen scheint das Nichthandeln schwerwiegendere Folgen zu haben als das Handeln.

Christliche Friedensbotschaft unabhängig von den Umständen

Laut dem Global Peace Index gibt es derzeit 56 bewaffnete Konflikte, an denen 92 Staaten ausserhalb ihrer Landesgrenzen beteiligt sind – der höchste Stand seit dem Zweiten Weltkrieg.1 Für den evangelischen Friedensbeauftragten und Pazifisten Friedrich Kramer ist klar: Kriege lassen sich durch nichts rechtfertigen, und jede militärische Unterstützung einer Kriegspartei hält diese Konflikte nur aufrecht. Er sagt: «Die christliche Friedensbotschaft hängt nicht davon ab, ob es blutrünstige Kaiser oder machtbesessene Oligarchen gibt. Die Idee der Gewaltlosigkeit Jesu überdauert all diese, auch das römische Imperium. Im Krieg sterben nicht die Mächtigen, sondern der einfache Mann. Kriege sind mörderisch und durch nichts zu rechtfertigen. All das spricht für den Pazifismus.»2

Eine radikal pazifistische Sichtweise ist geprägt vom fundamentalen Antimilitarismus.3 Sie betont die kompromisslose Gewaltlosigkeit als christliches Ideal, besonders basierend auf der Bergpredigt Jesu. Sie geht davon aus, dass Gewalt immer Gegengewalt erzeugt, das Leben heilig und Töten grundsätzlich falsch ist. Allerdings ist «der Pazifismus» kein einheitliches Konzept – unter diesem Begriff versammeln sich unterschiedliche Ansätze.

Rechtfertigt unser Auftrag, gegen Unrecht aufzustehen, auch (gewaltsame) Verteidigung?

Doch so einfach ist es nicht. Wofür sind wir als Christinnen und Christen verantwortlich? Nach Ambrosius von Mailand sind wir nicht nur für unser Handeln, sondern auch für unser Nicht-Handeln verantwortlich.4 D.h. wenn ich etwas Schlechtes verhindern könnte und das nicht tue, dann bin ich genauso verantwortlich, wie wenn ich es tue: «Denn wer nicht von seinem Mitmenschen Unrecht abwehrt, wenn er kann, ist ebenso schuldbar wie jener, der es begeht.»5 Ambrosius bezieht sich hier auf die rechtliche Ausnahmeregelung der Notwehrhilfe. Interessant ist, dass sowohl er als auch Augustinus von Hippo die Notwehr auf individueller Ebene zurückweisen, da diese bedeuten würde, das eigene Leben über das Leben des Angreifers zu stellen. Hingegen sei es etwas anderes, wenn ich in eine Situation komme und Notwehrhilfe leisten kann, denn dann stelle ich das Leben der bedrohten Person über das Leben des Angreifers, und werte somit in diesem Moment das Gebot der Nächstenliebe höher als das Gebot der Feindesliebe. Aus diesem Gedanken heraus befürworten Ambrosius und Augustinus schliesslich die Notwehr, also die (gewaltvolle) Verteidigung, auf kollektiver Ebene, abgeleitet nicht aus der Notwehr auf individueller Ebene, sondern der Notwehrhilfe.6

Wie viel wissen wir über die Folgen unseres Handelns – oder Nichthandelns?

Laut dem Philosophen Olaf Müller vertreten verantwortungsethische Pazifistinnen und Pazifisten die Haltung, dass es in den meisten Fällen deutlich schlimmer ist, auf Gewaltmittel zu setzen als auf friedliche Lösungen. Doch, so Müller, überschätzen sie sich oft: Wer kann schon zuverlässig vorhersagen, welche Massnahmen zu welchen Konsequenzen führen? Wie viele Tote es geben wird – je nach Entscheidung?

Verantwortungsethiker, die militärische Mittel befürworten, verfügen über genauso wenig Vorhersagekraft wie Pazifistinnen. An diesem Punkt tritt unser Menschenbild in den Vordergrund: Menschen mit einem eher optimistischen Menschenbild neigen eher zu pazifistischen Lösungen. Wer dagegen glaubt, dass der Mensch grundsätzlich nicht gut ist, wird dazu tendieren, Gewalt (oder deren Androhung) für notwendig zu halten, um Vernunft und Frieden zu erzwingen.

Der Streit ums Menschenbild lässt sich wissenschaftlich nicht entscheiden. Ein positives Menschenbild ist schön – doch hilft es uns durch die Härten der Realität? Ist es naiv, auf das Gute zu vertrauen, wenn rundherum aufgerüstet wird und Dialogbereitschaft fehlt?7

Relativer politischer vs. absoluter persönlicher Pazifismus?

Hier treffen zwei Prinzipien aufeinander: das Gebot absoluter Gewaltfreiheit und das Gebot absoluter Liebe. Es ist ehrenwert, wenn Christinnen und Christen auf jede Form von Gegengewalt verzichten und dabei sogar Gefahren für ihr eigenes Leben in Kauf nehmen. Aber können sie diese Entscheidung auch für andere – oder für eine ganze Gesellschaft – treffen?

Sollte man nicht im Einzelfall prüfen, ob etwa defensive Waffen (und nur defensive!) dazu beitragen können, Leid in einem Kriegsgebiet zu begrenzen und zu einem raschen, dauerhaften Ende der Kampfhandlungen beizutragen?8 Jedoch erst, wenn alle anderen Mittel ausgeschöpft, es keine nicht-militärische Handlungsoptionen mehr gibt und parallel noch immer diplomatische Verhandlungen geführt werden?

Für mich bleibt das ein schwieriger Gedanke. Ausserdem würde ich gerne, obwohl das vielleicht naiv ist, mein optimistisches Menschenbild aufrechterhalten. Doch hilft diese Einstellung in der aktuellen Lage?

Christliche Hoffnung in den Spannungen dieser Welt

Kant sagte einst, der Friede sei nie gegeben – man müsse ihn aktiv schaffen.9

Die Spannungen, die uns heute beschäftigen, werden uns vermutlich weiterhin begleiten. Und doch haben wir Hoffnung und eine Verheissung: «Er wird richten unter vielen Völkern und zurechtweisen mächtige Nationen bis in die Ferne. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden und ihre Speere zu Winzermessern. Kein Volk wird mehr das Schwert gegen ein anderes erheben, und sie werden den Krieg nicht mehr lernen.» (Micha 4,3)


1. Vision of Humanity. (2024). Highest number of countries engaged in conflict since World War II.
https://www.visionofhumanity.org/highest-number-of-countries-engaged-in-conflict-since-world-war-ii/. Abgerufen am 18.05.2025.

2. pro Medienmagazin. (2022). Friedrich Kramer: „Waffen schaffen keine Gerechtigkeit“.
https://www.pro-medienmagazin.de/friedrich-kramer-waffen-schaffen-keine-gerechtigkeit/. Abgerufen am 18.05.2025.

3. Evangelische Aspekte. (o. J.). Pazifismus – verschiedene Konzepte.
https://www.evangelische-aspekte.de/pazifismus-konzepte/. Abgerufen am 18.05.2025.

4. SRF Kultur. (2022). Europa rüstet auf – kommt so der Frieden? | Sternstunde Philosophie. [YouTube-Video, ab Minute 34:20].
https://www.youtube.com/watch?v=b34_dOWp9ts Abgerufen am 18.05.2025.

5. Ambrosius von Mailand. De Officiis Ministrorum. Erstes Buch: Vom Sittlichguten, Kapitel XXXVY (179).

6. Bewegung Plus Bern. (2025). Spannungsfeld: Krieg und Frieden – Gottesdienst vom 18.05.2025 mit Patrik Hofstetter. [YouTube-Video, ab Minute 36:05]. https://www.youtube.com/watch?v=ktuLfnLv4CM Abgerufen am 18.05.2025.

7. SRF Kultur. (2022). Europa rüstet auf – kommt so der Frieden? | Sternstunde Philosophie. [YouTube-Video, ab Minute 8:45].
https://www.youtube.com/watch?v=b34_dOWp9ts Abgerufen am 18.05.2025.

8. https://www.evangelische-aspekte.de/pazifismus-konzepte/

9. SRF Kultur. (2022). Europa rüstet auf – kommt so der Frieden? | Sternstunde Philosophie. [YouTube-Video, ab Minute 27:00].
https://www.youtube.com/watch?v=b34_dOWp9ts Abgerufen am 18.05.2025.


Dieser Artikel erschien zuerst im Gerechtigkeitslab bei StopArmut. ChristNet ist Mitglied des Trägerkreises der StopArmut-Konferenz, die am 1. November 2025 stattfindet.

Titelbild von lummi.ai

4. Juni 2025/1 Kommentar/von Anja Eschbach
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2025/06/QmZzywdYECq4eVti4WRDRa2kCasTR6eLx1YrSAWpiopKej.jpg 2132 1500 Anja Eschbach https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Anja Eschbach2025-06-04 11:10:412025-06-04 11:25:32Von relativem Pazifismus und gerechtfertigten Verteidigungskriegen

Werte – wie wir herausfinden, was wirklich kostbar ist

Gesellschaft, Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 9 min

Welche Rolle spielen Werte in unserem Leben? Was bedeuten sie für Christinnen und Christen? Wie sind christliche Werte erkennbar? Diese und andere Fragen in diesem Zusammenhang beantwortet dieser Artikel.


In Kürze

  • Werte verändern sich im Laufe der Geschichte und richten sich sowohl nach gesellschaftlichen Umständen als auch nach den individuellen Bedürfnissen. Dadurch entstehen unterschiedliche Werte-Hierarchien.
  • Die Quelle von Werten ist vielfältig: kulturell, psychologisch, philosophisch und für Christen besonders durch Bibel, Tradition und das Wirken des Heiligen Geistes geprägt.
  • Im christlichen Glauben dienen Werte nicht nur der moralischen Orientierung, sondern haben wichtige Aufgaben: sie sollen Gottes Wesen widerspiegeln, Gemeinschaft fördern, zur Nachfolge motivieren und als Zeugnis für die Welt wirken.
  • Die Liebe – zu Gott und zum Nächsten – sollte als höchster und zentraler Wert verstanden werden, aus dem alle anderen Werte hervorgehen und durch den sie ihren Sinn erhalten. Christliche Gemeinschaften sollten sich vor allem durch ihre gelebte Liebe auszeichnen und immer wieder reflektieren, wie dieser Leitwert in der heutigen Zeit konkret Ausdruck finden kann.

Im Laufe der Menschheitsgeschichte, aber auch im Laufe der Religionsgeschichte haben sich Werte ständig weiterentwickelt und verändert. In der frühen Menschheitsgeschichte waren Zusammenhalt, Loyalität, Teilen und eine enge Verbindung mit der Natur hohe Werte, was dem unmittelbaren Anliegen des Überlebens geschuldet war. In den antiken Hochkulturen waren es eher Werte wie Ordnung, Gesetz, Weisheit und Tugend. Und in unserer heutigen Gesellschaft dominieren Werte wie Individualismus, Freiheit, Toleranz, Gesundheit oder Leistung. Aber Werte unterliegen nicht nur einer Veränderung durch wechselnde Epochen der Menschheitsgeschichte, sondern auch durch die unterschiedlichen Bedürfnisse des Individuums. Wer viele Jahre auf einer einsamen Insel verschollen war, für den wird Gemeinschaft, Miteinander und Kommunikation zu etwas ungeheuer Wertvollen. Und wer lange Zeit in einem Kriegsgebiet leben musste, für den werden Sicherheit, Frieden und Gewaltlosigkeit – oder auch der Wunsch nach Rache zu essenziellen Werten. Und wer als Sklave geboren wurde oder viele Jahre Zwangsarbeit leisten musste, für den wird Freiheit, Mitbestimmung und Würde zu zentralen Werten. Ein Wertesystem ist damit immer abhängig vom Zustand einer Gesellschaft und den Bedürfnissen eines Individuums.

So kommt es auch, dass je nach Kontext unterschiedliche Werte-Hierarchien entstehen. Für den Schiffbrüchigen auf der einsamen Insel sind Freiheit und Mündigkeit kostbar, aber Gemeinschaft und Miteinander rangieren für ihn wahrscheinlich deutlich weiter oben.Dadurch erfahren die Werte an der Spitze dieser Hierarchie besondere Beachtung, wohingegen Werte, die deutlich weiter unten rangieren, schneller in Vergessenheit geraten können.

Aber was sind eigentlich Werte?

Werte sind grundlegende Überzeugungen, Prinzipien oder Qualitäten, die für eine Person, eine Gruppe oder eine Gesellschaft als wichtig, wünschenswert oder erstrebenswert gelten. Sie dienen als Massstäbe und Orientierungspunkte für unser Verhalten, unsere Ziele, unsere Motivation, unsere Urteile und unsere Identität. Wenn Werte uns prägen, verinnerlichen wir diese Massstäbe und Orientierungspunkte. Und je stärker diese Prägung ist, desto schwerer fällt es uns gegen diese Werte zu verstossen oder sie zu verändern.

Im christlichen Glauben – wie in allen Religionen – spielen Werte eine ganz besondere Rolle.Sie sind nicht nur abstrakte Ideale, sondern sollen das Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft bewusst prägen. Sie erfüllen damit unterschiedliche Aufgaben:

  1. Ethik und moralischer Kompass
    Christliche Werte dienen als Richtschnur für das Denken, Fühlen und Handeln. Sie helfen Gläubigen zu unterscheiden, was im Sinne Gottes gut, richtig und erstrebenswert ist. Sie bieten einen Massstab, um Entscheidungen im Alltag, in ethischen Dilemmata und in Bezug auf Lebensziele zu treffen. Sie begründen, warum bestimmte Handlungen geboten oder verboten sind. Werte helfen dabei, persönliche Prioritäten, gesellschaftliche Strömungen, kulturelle Normen und sogar religiöse Lehren kritisch zu prüfen und zu beurteilen. Sie ermöglichen eine «Unterscheidung der Geister“ – also zu erkennen, was mit Gottes Willen übereinstimmt und was nicht.
  2. Ausdruck von Gottes Wesen:
    Für Christen reflektieren diese Werte etwas vom Wesen Gottes. Ein von diesen Werten bestimmtes Handeln und Leben spiegelt den Willen und die Absichten Gottes wider.
    Indem Christen versuchen, nach Gottes Werten zu leben oder sie zu verkündigen, wollen sie etwas vom Wesen und Charakter Gottes in der Welt sichtbar machen.
  3. Zieldefinition und Motivation (Nachfolge Christi):
    Christliche Werte beschreiben das Ziel des christlichen Lebens: Gott zu ehren, ihm ähnlicher zu werden (Heiligung, imitatio Christi), Frucht des Geistes hervorzubringen (Galater 5,22-23) und am Kommen des Reiches Gottes mitzuwirken. Sie motivieren Gläubige, über egoistische Interessen hinauszugehen. Werte werden zum wichtigen Orientierungspunkt der persönlichen Transformation.
  4. Formung der Gemeinschaft:
    Gemeinsam gelebte Werte stiften Identität, Einheit und Zusammenhalt innerhalb der christlichen Gemeinschaft (Kirche, Gemeinde). Sie können dadurch auch der Abgrenzung dienen dem Gegenüber, was diesen Werten widerspricht oder sich ihnen in den Weg stellt.
  5. Zeugnis für die Welt (Missionale Dimension):
    Ein Leben, das sichtbar von christlichen Werten wie Liebe, Vergebung, Gerechtigkeit und Hoffnung geprägt ist, kann ein kraftvolles Zeugnis für andere Menschen sein und auf die Glaubwürdigkeit der christlichen Botschaft hinweisen.

Die Quelle unserer Werte

Die spannende Frage ist, woher sich eigentlich Werte speisen? Wie begründen sie sich oder was veranlasst sie?

Hier gibt es soziale und kulturelle Quellen wie das Elternhaus oder die Erziehung, vorgegebene gesellschaftliche Normen, unsere Peer-Group, soziale Medien, das religiöse Umfeld, in dem wir aufwachsen, oder unser Bildungssystem, das ebenfalls Werte vermittelt.

Es gibt aber auch psychologische Quellen wie unsere persönlichen Bedürfnisse, unsere Erfahrungen, Erfolge und Scheitern. Dabei spielen unser Temperament und unsere kognitive Reife eine wichtige Rolle.

Des Weiteren war auch immer wieder die Philosophie eine Quelle von Werten. Menschen denken über Werte nach, reflektieren die Realität, versuchen Widersprüche aufzulösen und begründen Werte durch ethische Theorien (Utilitarismus, die Pflichtethik Kants oder die Tugendethik des Aristoteles).

Für Christen ist die Quelle ihrer Werte in aller erster Linie die Bibel mit ihren Geboten, Erzähl- und Lehrtexten. Daneben orientieren sich Christen für ihre Werte am Charakter Gottes, der am deutlichsten in Jesus Christus und damit in den Evangelien sichtbar wird. Aber auch das unmittelbare Wirken des Heiligen Geistes, der uns in alle Wahrheit führen möchte, kann zur Quelle moralischer Urteile und damit zentraler Werte werden. Ausserdem spielen für Christen auch ihre Tradition und die Verwurzelung in ihrer religiösen Gemeinschaft eine wichtige Rolle, um zentrale Werte auszubilden.

Wertewandel

Viele Christen beklagen gegenwärtig einen deutlichen Wertewandel. Manche sprechen sogar von einer Erosion oder dem gänzlichen Verlust entscheidender christliche Werte. Für sie sollte jeder Bereich der Gesellschaft durchdrungen sein von biblischen Werten. Wo diese Werte aufgeweicht oder sogar abgelehnt werden, sieht man eine Gesellschaft moralisch und in ihrem Zusammenhalt gefährdet. Kann Gott solch eine Gesellschaft noch segnen oder trifft sie sein Gericht? Manchmal fühlt sich die Missachtung christlicher Werte wie eine persönliche Kränkung an. Wie könnt ihr in den Dreck ziehen, was für mich so zentral und kostbar ist?

Gleichzeitig scheint in weiten Teilen der westlichen Welt alles neu verhandelt zu werden. Der Bereich der Normalität, wo Werte scheinbar geklärt und vorgegeben waren, scheint immer kleiner zu werden. Was darf man noch sagen? Muss ich gendern? Was ist kulturelle Aneignung? Darf mein Kind noch als Indianer verkleidet in den Kindergarten gehen? Müssen Produkte oder Strassennamen aus politischer Korrektheit umbenannt werden? In Deutschland gibt es seit neuestem den Strafsachverhalt der Gehsteigbelästigung. Dabei dürfen vor Schwangerschaftskliniken oder Beratungsstellen für Schwangerschaftsabbruch Personal oder Schwangere nicht länger von Abtreibungsgegnern angesprochen werden. Und so mancher Christ wird sich fragen, ob denn alles, was ihm bisher heilig und kostbar war, abgeschafftwird?

Dabei fokussiert sich die christliche Empörung auf ganz spezielle Werte und moralische Themen. Meist geht es um Themen wie Sexualmoral, Sex vor der Ehe, Pornografie, Homosexualität, Gender oder Transsexualität. In der Werte-Hierarchie stehen diese Themen ganz weit oben, sodass andere christliche Werte oftmals das Nachsehen haben oder gar nicht mehr im Blick sind. Und natürlich stellt sich gleichzeitig die Frage, ob die „alte Normalität“ wirklich so wertvoll und lebensfördernd war, wie sie manchen den Eindruck erweckt oder ob die Beharrungstendenzen vor allem die eigene vorteilhafte Sicht- und Lebensweise sichern sollen.

Um die wichtigsten Werte zu schützen, werden immer wieder Regeln und Gebote aufgestellt.Gebote sollen das schützen, was uns wertvoll ist. So schützen die zehn Gebote die monotheistische Gottesverehrung, aber auch das Leben, das Eigentum, die Ehe oder die Wahrhaftigkeit. Aber Regeln und Gebote haben ein ernstes Problem. Sie stützen Werte nur von aussen. Sie haben keine wirklich prägende Kraft, sondern halten Werte durch die Androhung von Strafe und Konsequenzen aufrecht. Im Judentum haben sich dadurch 613 Gebote und Verbote in der Tora entwickelt. Daneben gab es irgendwann hunderte von Sabbatvorschriften, unzählige Satzungen zu Reinheit und Unreinheit und endlose Speisegebote. Aber eigentlich war es schon immer Gottes Idee, uns seine Werte ins Herz zu schreiben und nicht auf steinerne Tafeln. Nicht Angst soll Gottes Kinder zum wertvollen Handeln veranlassen, sondern die tiefe Überzeugung, dass es nichts Besseres gibt und wirgerade dann zu unsrer Bestimmung finden, wenn wir die Werte des Himmels auf dieser Welt durch unser Leben widerspiegeln. Die alttestamentlichen Propheten werden nicht müde auf diese notwendige Verinnerlichung von Werten hinzuweisen.

Gibt es einen höchsten Wert?

Auch Jesus wurde einmal von einem verzweifelten Schriftgelehrten gefragt, auf was es im Gesetz wirklich ankommt. Gibt es bei all den Geboten etwas, das am wichtigsten, am bedeutsamsten, am wertvollsten ist? Etwas, das in gewisser Weise als Grundwert das gesamte Gesetz zusammenfasst? Gibt es etwas, das an der Spitze der Werte-Hierarchie steht?

Das Markusevangelium schreibt: «Einer der Schriftgelehrten hatte diesem Streitgespräch zugehört und gesehen, wie gut Jesus den Sadduzäern geantwortet hatte. Nun trat er näher und fragte ihn: «Welches ist das wichtigste von allen Geboten?» Jesus antwortete: «Das wichtigste Gebot ist: ‹Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der alleinige Herr. Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit deinem ganzen Verstand und mit aller deiner Kraft!› An zweiter Stelle steht das Gebot: ‹Liebe deine Mitmenschen wie dich selbst!› Kein Gebot ist wichtiger als diese beiden.» (Mk.12,28-31 NGÜ)

Für Jesus steht also die Liebe zu Gott und die Liebe zum Mitmenschen an der Spitze aller Werte.

In der Bergpredigt umschreibt Jesus diesen Wert der Liebe durch den bekannten Satz: «Geht so mit anderen um, wie die anderen mit euch umgehen sollen. In diesem Satz sind das Gesetz und die Propheten zusammengefasst.» (Matthäus 7,12 NL).
Aber nicht nur Jesus macht die Liebe zum Massstab und Kriterium eines echten Glaubens und wahrhaftiger Nachfolge, sondern auch andere Autoren des neuen Testaments betonen die Bedeutung der Liebe als Grundlage aller Werte und aller christlichen Existenz.

Der Apostel Paulus schreibt:

  • Röm.13,8 Bleibt niemandem etwas schuldig, abgesehen von der Liebe, die ihr einander immer schuldig seid. Denn wer den anderen liebt, hat damit das Gesetz Gottes erfüllt
  • «Ihr kennt die Gebote: ‚Brich nicht die Ehe, morde nicht, beraube niemand, blicke nicht begehrlich auf das, was anderen gehört.‘ Diese Gebote und alle anderen sind in dem einen Satz zusammengefasst: ‚Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.‘ Wer liebt, fügt seinem Mitmenschen nichts Böses zu. Also wird durch die Liebe das ganze Gesetz erfüllt.»(Römer 13,9f GNB).
  • Ihr seid zur Freiheit berufen, liebe Geschwister! Nur benutzt die Freiheit nicht als Freibrief für das eigene Ich, sondern dient einander in Liebe. Denn das ganze Gesetz ist erfüllt, wenn ihr das eine Gebot haltet: «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!»  (Gal.5,13-15)
  • Doch das Wichtigste von allem ist die Liebe, die wie ein Band alles umschliesst und vollkommen macht. (Kol.3,14)

Und der Apostel Jakobus schreibt: «Wenn ihr das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift‚‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‘, so tut ihr recht.» (Jakobus 2,8 LUT 2017).
Es gibt also ein königliches Gesetz, ein wichtigstes Gesetz, ein Leitgesetz, aus dem alle anderen Gebote herausfliessen: die Nächstenliebe. Sie ist der eine Wert, der allen anderen Werten ihre Berechtigung erteilt!

Der Kirchenvater Augustinus hat diese Überlegung auf die Spitze getrieben, indem er sagte: «Liebe und tue was du willst.» Augustinus fordert seine Hörer mit diesem Wort dazu auf, sich in allem Tun von göttlicher Liebe leiten zu lassen, in allem Tun den Vorrang der uneigennützigen, wohlwollenden Liebe anzuerkennen. In letzter Konsequenz geht er davon aus, dass Menschen, die Liebe zu ihrem allerhöchsten Wert und Leitprinzip gemacht haben, sich keine weiteren Gedanken um alltägliche Gebote, Regeln und Werte machen müssen, weil die Liebe in ihrem Herzen alles weitere regelt.

Liebe verleiht allem anderen seinen Wert

Für Jesus ist die Liebe kein nettes Anhängsel oder eine weitere Zutat aus dem Gewürzregal des Glaubens. Der Wert der Liebe ist die entscheidende Zutat, die allen anderen Werten ihre Richtung verleiht. Paulus drückt das so aus: «Wenn ich die Sprachen aller Menschen spreche und sogar die Sprache der Engel, aber ich habe keine Liebe – dann bin ich doch nur ein dröhnender Gong oder eine lärmende Trommel. Wenn ich prophetische Eingebungen habe und alle himmlischen Geheimnisse weiss und alle Erkenntnis besitze, wenn ich einen so starken Glauben habe, dass ich Berge versetzen kann, aber ich habe keine Liebe – dann bin ich nichts. Und wenn ich all meinen Besitz verteile und den Tod in den Flammen auf mich nehme, aber ich habe keine Liebe – dann nützt es mir nichts.» (1.Kor.12,1-3 GNB). Es ist beeindruckend, wie sehr Paulus die Nutzlosigkeit und Wertlosigkeit von Geistesgaben, Hingabe und aufopferungsvoller Frömmigkeit betont, falls die innere Haltung der Liebe fehlt. Die Logik des Neuen Testaments ist bestechend: Alles – auch jeder andere Wert – verliert seinen Wert, wenn es nicht durchdrungen ist von der Liebe.

Mit Liebe sind nicht gute Gefühle oder Willkür gemeint, sondern die göttliche Agape. Es geht um eine ganz bestimmte Qualität der Liebe, die ganz und gar dem Wesen Gottes entspricht, denn Gott ist die Liebe. Mit der Liebe macht man es sich auch nicht leicht, denn es gibt kaum etwas Anspruchsvolleres als ein Leben, eine Haltung und ein Verhalten, dass die Liebe zum Nächsten als höchsten Wert hat. Das Hohelied der Liebe im Korintherbrief (1.Kor.13,4-8) beschreibt die Wesenszüge der Liebe in eindrücklicher Weise. An der Spitze aller Werte, aller Leitprinzipien, all dessen, was uns zutiefst prägen soll, steht die Gottesliebe und die Nächstenliebe. Damit das Ganze nicht zu abgedroschen klingt, versuche ich einmal eine moderne Definition dessen, was den Wert der Nächstenliebe eigentlich meint. Nächstenliebe ist im Grunde nichts anderes wie der Wunsch, das Leben des anderen zum Blühen zu bringen. Durch welche Worte, durch welche Handlung, durch welches Verhalten, durch welche Unterstützung, durch welche Haltung, durch welche Motivation kann ich mithelfen, das Leben des anderen zum Blühen zu bringen? Aus dieser Überlegung herausfliessen dann alle anderen Werte wie Ehrlichkeit, Treue, Aufrichtigkeit, Hingabe, Rücksicht, Wertschätzung Barmherzigkeit, Mitleid, Zivilcourage, Freiheit, Gewaltlosigkeit, und vieles mehr.

Für welche Werte wollen wir bekannt sein?

Wollen Christen wirklich für ihre strenge Sexualmoral, ihre Heiligkeit, ihre Absonderungoder ihre moralische Überlegenheit bekannt sein? Als weltweite Christenheit hätten wir in der Liebe eine entscheidende Grundlage für unser Miteinander, für unser Auskommen, für unsere Solidarität, für unsere Schnittmenge und für unser Zeugnis. Hatte Jesus nicht gesagt: «An eurer Liebe zueinander werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid.» (Johannes 13,35 NGÜ). Aber leider spielt die Liebe in unserem christlichen Miteinander oft eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger für unser Miteinander sind dogmatische, theologische, eschatologische oder moralische Fragen. Und wenn das alles passt, dann darf gern auch noch die Liebe dazukommen. Damit stellen wir die Logik des Paulus auf den Kopf: Liebe ist wichtig, aber ohne das richtige Bibelverständnis, ohne die richtige Moral, ohne die richtige Sicht des Kreuzes, ohne die Betonung von Gerechtigkeit und Gericht ist die Liebe nutzlos. Bei Paulus dagegen ist ohne Liebe alles andere nutzlos. Ich sage es ganz deutlich: Unsere Religion ist die Liebe, weil Gott die Liebe ist! Und deshalb ist unsere zentrale Frage an das Leben nicht: Ist das biblisch, ist das richtig, ist das rechtgläubig? Sondern die zentrale Frage lautet: Ist das liebevoll? Damit stellen wir die Liebe wieder ganz nach oben in unserer Werte-Hierarchie und sie kann von dort aus unsere Herzen lenken und regieren. Es bleibt unsere Aufgabe als Kirche und als Kinder Gottes die Umsetzung und Verwirklichung dieser Liebe als unseren Leitwert immer wieder zu betonen, zu verhandeln und in unserer Zeit zu übersetzen.

20. Mai 2025/0 Kommentare/von Martin Benz
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2025/05/ChristNet_KeyVisual_Collage_Artikel-WERTE-scaled.jpg 1440 2560 Martin Benz https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Martin Benz2025-05-20 23:17:502025-05-20 23:20:56Werte – wie wir herausfinden, was wirklich kostbar ist

Wie Donald Trump die Demokratie zertrampelt

Gesellschaft, Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Gerechtigkeit, Philosophie, Politik, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 7 min

Seit dem 20. Januar sitzt in den USA ein offensichtlicher Narzisst auf dem Thron, der nach dem Motto «Trump First» regiert und sein Land als Spielball für seine Machtspiele missbraucht. Und das in einem Staat, in dem sich 62% der Bevölkerung als Christen bezeichnen. Welche Show läuft hier gerade ab? Und was können wir daraus lernen?

Eigentlich war die US-Bevölkerung nach der ersten Amtszeit von Donald Trump gewarnt, spätestens nach seiner Weigerung, seine Nicht-Wiederwahl zu akzeptieren. Und seine Ankündigungen vor seiner nun gelungenen Wiederwahl hätten eigentlich stutzig machen müssen. Dabei setzt Trump nur das um, was er versprochen hat. Er hat dafür «ausschliesslich Loyalisten um sich geschart, niemand denkt mehr quer oder stellt etwas infrage. Ihr Idol sieht sich selbst von Gott für seine Aufgabe auserwählt. Was soll da noch schiefgehen1 ?»

Macht statt Ethik

Der Blick in die Medien zeigt: Da geht aber fast täglich etwas schief. Wer versucht, die politischen Checks und Balances der Gewaltenteilung zwischen Exekutive, Legislative und Judikative auszutricksen, mag ein guter Spieler sein, er verliert aber früher oder später das Spiel um eine gelebte Demokratie. Und das in einem Land, das mal als Leuchtturm dieser komplizierten, aber menschenfreundlichen Staatsform gegolten hat.

Wer Politik als Befriedigung der eigenen Machtgelüste missbraucht, ist gefährlich. Trumps Wirtschaftspolitik hat laut dem deutsch-amerikanischen Ökonom Rüdiger Bachmann «sadomasochistische Züge»: «Er geniesst die Macht, am Parlament vorbei Zölle erheben zu können und diese Zölle nach persönlichem Gutdünken für bestimmte Firmen und Branchen auch wieder auszusetzen2 .» Und zerstört damit «die moderne, hocharbeitsteilige und international verflochtene Wirtschaft». Die historisch vor allem auch christlich geprägten Menschenrechte gelten als ethische Grundlage der westlichen Welt. Dazu gehört etwa der Schutz des Schwächeren. «Forget it», sagt Trump. Ich bestimme selber, was recht und was unrecht ist, wem geholfen und wer verfolgt oder geschützt werden soll.

«Ihr Idol sieht sich selbst von Gott für seine Aufgabe auserwählt. Was soll da noch schiefgehen?»

Es mag in den USA eine überbordende Bürokratie geben, der eine sorgfältig durchdachte und juristisch korrekt umgesetzte Verschlankungskur guttun würde. Ja, die Demokraten haben mit ihrem Gender-Gugus nach dem Motto «Wer erfindet das nächste Geschlecht?» wohl übertrieben. Auch wer sinnvollerweise von zwei Geschlechtern, Mann und Frau, ausgeht, muss deshalb aber noch lange nicht auf Menschen mit Identitätskrisen losgehen. Laut Thomas Dummermuth (s. Interview unten) war das Genderthema für die Demokraten eigentlich immer ein untergeordnetes Thema, mehr so im Sinn: Wir setzen uns dafür ein, dass Menschen sich selber sein dürfen. Und: Ja, Abtreibung à gogo geht definitiv nicht. Sie verletzt die Menschenrechte von werdenden Menschen. Vielleicht haben die Demokraten die Bedürfnisse der einfachen Menschen tatsächlich zu wenig ernst genommen. Aber: Genügt das, um einen verfassungsmässig eigentlich gut gegründeten Staat aus den Angeln zu heben?

Es braucht Aufmerksamkeit, seelische Wachheit und geistliche Klarheit

Wir haben dazu den heutigen US-Theologen Thomas Dummermuth befragt. Er ist im Emmental aufgewachsen und ist Pfarrer der Eastridge Presbyterian Church in Lincoln im US-Bundesstaat Nebraska. Seine Leidenschaft gilt dem Gespräch zwischen Kulturen, Konfessionen und Generationen – und dem Versuch, mitten im Umbruch geistlich klar zu bleiben.

Aus unserer europäischen Sicht haben wir den Eindruck, dass Donald Trump derzeit die Demokratie in den USA zerlegt. Wie würdest du die Entwicklungen seit dem 20. Januar aus deiner Wahrnehmung beschreiben?

Vorweg: Ich bin kein Politologe, sondern Theologe, Pfarrer und Seelsorger. Aber ja, «zerlegt» trifft tatsächlich mein eigenes Empfinden. Ich beobachte besonders seit der Wiederwahl Trumps eine zum Teil radikale Infragestellung von Prinzipien, die für Demokratien zentral sind: Gewaltenteilung, Respekt vor unabhängigen Institutionen, ein Mindestmass an Wahrhaftigkeit im politischen Diskurs. Es erschüttert mich, mit welcher Energie die Abrissbirne geschwungen wird. Manchmal erscheint es mir, als würde dieser Staat wie ein marodes Unternehmen übernommen, in Einzelteile zerlegt und weiterverkauft – quasi als Ressource für Spezialinteressen Einzelner.

Dazu kommt die ständige Erzeugung von Krisen – rhetorisch wie real – die zu Erschöpfung führt. Viele Menschen, auch in meinem Umfeld, fühlen sich überfordert, machtlos, abgelenkt. Das erschwert nicht nur politischen Widerstand, sondern trifft uns auch emotional und geistig. Widerstand unter diesen Bedingungen ist nicht nur eine politische, sondern auch eine spirituelle Aufgabe. Es braucht Aufmerksamkeit, seelische Wachheit, geistliche Klarheit.

Für viele war die Wiederwahl Trumps eine Überraschung. War es das auch für dich? Oder müsste man sagen: Die Demokraten haben ihre Niederlage selber verschuldet, weil sie die Anliegen der breiten Bevölkerung zu wenig ernst genommen haben?

Ich war eher ernüchtert als überrascht. Die Dynamiken, die zu Trumps Wiederwahl geführt haben, waren seit Jahren spürbar: Polarisierung, Misstrauen gegen Institutionen, soziale Verunsicherung – nicht zuletzt verstärkt durch die Nachwehen der Pandemie.

Man kann sicher kritisch fragen, ob die Demokraten genügend auf existenzielle Probleme eingegangen sind – etwa Inflation, Abstiegsängste, strukturelle Benachteiligung im ländlichen Raum oder auch die gesellschaftliche Verunsicherung im Zuge zunehmender Migration. Aber das erklärt nicht alles. Entscheidender scheint mir die bewusste Bewirtschaftung von gesellschaftlichen Ressentiments, die durch soziale Medien zusätzlich befeuert wird.

Reale Sorgen wurden nicht gelöst, sondern kulturell umgedeutet: Der gesellschaftliche Mainstream wurde als moralisch verdorben, urban, elitär dargestellt. Daraus entstand ein Kulturkampf-Narrativ: «Wir gegen die anderen.» Die Spaltung wurde nicht nur in Kauf genommen, sondern aktiv betrieben.

Soziale Medien haben diese Prozesse radikalisiert. Algorithmen begünstigen Empörung, vereinfachen komplexe Realitäten und schaffen Echokammern. Im Ergebnis entsteht eine politische Arena, die eher auf Identität und Affekt reagiert als auf Fakten.

In diesem Sinn sehe ich in der Wiederwahl Trumps keinen Betriebsunfall, sondern den Ausdruck eines tiefen gesellschaftlichen Risses, der weit über Parteipolitik hinausgeht.

Offensichtlich wurde Trump auch von evangelikalen Christen, welche die Bibel ernst nehmen wollen, breit unterstützt. Wie kann es sein, dass sie einem selbstverliebten notorischen Lügner und Verächter der Menschenrechte mit ihren Stimmen zum Durchbruch verholfen haben?

Diese Frage beschäftigt mich sehr. Meiner Meinung nach hat vieles mit dem bereits erwähnten Kulturkampf-Narrativ zu tun. Viele Evangelikale haben in den letzten Jahren miterlebt, wie ihre kulturelle Deutungshoheit schwindet. Das erzeugt Angst, Empörung – und die Sehnsucht nach einem starken Führer.

Begriffe wie «Religionsfreiheit» werden dabei oft als Schlagworte gebraucht – gemeint ist aber häufig nicht die Freiheit aller Religionen, sondern die Verteidigung christlicher Privilegien. Ebenso wird «Lebensschutz» oft verkürzt auf die Abtreibungsfrage, ohne soziale Fragen, Armut oder Waffengewalt mitzudenken.

Trump hat es verstanden, diese Themen politisch zu instrumentalisieren und sich als Bollwerk gegen gesellschaftliche Liberalisierung zu inszenieren. Viele haben das als «Schutz des Glaubens» verstanden – nicht trotz, sondern gerade wegen seines rücksichtslosen Auftretens.

Er präsentiert sich also als Kämpfer für bedrängte Christinnen und Christen. Und gerade darin liegt die bittere Ironie: Seine Trump-Politik schadet vielen davon. Zum Beispiel Geflüchteten, die vor religiöser Verfolgung geflohen sind und als «Schmarotzer» verunglimpft werden. Oder kirchlichen Hilfswerken, die sich für diese Menschen einsetzen und unter Generalverdacht gestellt werden – als wären sie Betrugssysteme oder Verschwendungsapparate. Ein Schlag ins Gesicht all jener, die ihren Glauben durch solidarisches Handeln leben.

Um diese Diskrepanz zu erklären, wird oft auf den Perserkönig Kyros verwiesen: ein «Werkzeug Gottes» trotz unheiligem Lebenswandel. Die Historikerin Kristin Kobes Du Mez hat darüber viel geforscht. In ihrem Buch «Jesus and John Wayne» zeigt sie schlüssig auf, wie sich in evangelikalen Kreisen ein Jesusbild durchgesetzt hat, das an amerikanische Männlichkeitsmythen angelehnt ist: durchsetzungsstark, militärisch, «männlich». Dieses Bild passt erschreckend gut zu Trump.

Ich habe aber noch eine andere Theorie. Ich frage mich, ob die Theologie vieler Evangelikaler Jesus fast ausschliesslich auf seinen erlösenden Sühnetod und damit verbunden den Glauben auf ein rein individuelles Heil reduziert hat. Anders ausgedrückt: Die Lebenspraxis Jesu – seine Feindesliebe, seine Zuwendung zu Ausgegrenzten, seine Kritik an religiösem Machtmissbrauch – tritt in den Hintergrund.

In den USA gibt es auch linksevangelikale Kräfte wie etwa die Sojourners. Warum hört man so wenig von ihnen?

Diese Bewegungen gibt es durchaus – nicht nur die Sojourners, sondern auch Red Letter Christians, Faith in Public Life, The Poor People’s Campaign und viele andere. Sie engagieren sich für soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz, Antirassismus und Friedensethik. Aber sie sind im öffentlichen Diskurs weniger sichtbar.

Das hat mehrere Gründe: Erstens setzen sie nicht auf Empörung, sondern auf Dialog und Gemeinwesenarbeit. Das ist weniger «medientauglich». Zweitens fehlt ihnen oft die mediale Infrastruktur: Sie haben keine eigenen TV-Sender und sind in Mega-Churches oder politischen Thinktanks wenig vertreten. Drittens haben sich viele progressive Christinnen und Christen in den letzten Jahrzehnten aus dem öffentlichen Raum zurückgezogen – aus Abgrenzung zum politisch missbrauchten Glauben.

Ich finde, es ist an der Zeit, dass auch im deutschsprachigen Raum deutlicher wird: Glaube und gesellschaftliche Verantwortung schliessen einander nicht aus. Im Gegenteil: Sie finden in der Nachfolge Jesu eine gemeinsame Quelle.

Was müsste getan werden, damit Trump gestoppt werden kann?

Zunächst: Es gibt keinen simplen Hebel, keinen einzelnen Ausweg. Der Weg aus der gegenwärtigen Gefahr, dass die Vereinigten Staaten vollends in einen autoritären Modus kippen, ist lang. Um ihn zu gehen, braucht es die ganze Zivilgesellschaft. Dazu gehören gewaltfreie Proteste, die Teilnahme an Town Halls3 , das Gespräch mit Nachbarn und das Kontaktieren von gewählten Repräsentantinnen und Repräsentanten. Demokratie lebt vom Mitmachen – oder sie wird ausgehöhlt.

Gleichzeitig sehe ich die Gefahr, dass der Widerstand, wenn er aus Angst oder Empörung gespeist ist, selbst in einen Modus der Verhärtung kippt. Und dass wir die Fähigkeit verlieren, zuzuhören. Dass wir uns selbstgerecht auf die «richtige Seite» schlagen und damit am Ende genau das reproduzieren, was wir eigentlich bekämpfen wollen.

Gerade deshalb ist der spirituelle Aspekt für mich unverzichtbar. Unsere Aufmerksamkeit ist unser kostbarstes Gut: sie muss gepflegt, geschützt und immer wieder neu ausgerichtet werden. Nicht auf den nächsten Skandal, nicht auf die nächste Panikwelle, sondern auf das, was trägt: Würde. Wahrheit. Mitgefühl.

Resilienz ist keine private Leistung – sie ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Ich erlebe das ganz konkret in einem kirchlichen Netzwerk hier vor Ort, dem 24 Gemeinden angehören. Jedes Jahr führen wir sogenannte Listening Sessions durch – Gesprächsabende, bei denen gefragt wird: «Was hält dich nachts wach?» Aus diesen Erzählungen entstehen Themen, gemeinsames Engagement, neue Netzwerke. Das mag klein wirken. Aber ich glaube: Veränderung beginnt genau dort. Wenn Menschen sich gegenseitig ernst nehmen, sich organisieren, ihre Aufmerksamkeit bündeln und ihre Kraft teilen.

Trump kann – und muss – politisch gestoppt werden. Aber es braucht mehr als juristische Verfahren oder Wahlstrategien. Es braucht eine Kultur, die sich nicht von Angst und Zynismus bestimmen lässt. Und es braucht eine erneuerte Vorstellungskraft von dem, was möglich ist, wenn Menschen sich nicht im Misstrauen verlieren, sondern füreinander einstehen. Von Gemeinschaften, die einander tragen. Von einer Gesellschaft, in der Gerechtigkeit nicht abstrakt bleibt, sondern im Alltag erfahrbar wird.

Diese Hoffnung ist kein naiver Optimismus. Sie ist eine Entscheidung – gespeist aus Glaube, Erinnerung, Begegnung. Und sie beginnt dort, wo Menschen zusammenkommen, zuhören und sich nicht voneinander trennen lassen.


1. Christof Münger in «Der Bund» vom 26. März

2. «Der Bund», 24. März

3. Die Town Hall basiert auf dem politischen Verständnis der US-Demokratie, wonach (zumindest theoretisch!) Amtsträger nicht ihre eigene Meinung repräsentieren sollen, sondern die der Bürgerinnen und Bürger, die sie vertreten. Insofern spielen die Town Halls (wie auch Briefe und Anrufe an Abgeordnete) eine wichtige Rolle.  Ein «Town Hall Meeting» ist ein ein öffentliches Treffen, bei dem Politikerinnen und Politiker mit Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch kommen. Ziel ist es, Fragen zu beantworten, Sorgen anzuhören und über aktuelle Themen zu sprechen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Insist.

22. April 2025/0 Kommentare/von Hanspeter Schmutz
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2025/04/Shattered-Gaze-023231.jpg 1114 1980 Hanspeter Schmutz https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Hanspeter Schmutz2025-04-22 14:20:302025-04-29 17:44:30Wie Donald Trump die Demokratie zertrampelt

Umweltethik: Offene Fragen zum Ende der Menschheit

Gesellschaft, Gesundheit, Theologie, Umwelt
Lesezeit / Temps de lecture ~ 5 min

Vor rund acht Jahrzehnten gab es einen Bruch in der Menschheitsgeschichte: Wir haben die Fähigkeit erlangt, uns selber auszulöschen. Mit der Entwicklung der Atomkraft haben wir diese Schwelle überschritten. Mittlerweile scheinen wir diese Gefahr weniger ernst zu nehmen als noch zu Zeiten des kalten Krieges.

Zurzeit stehen eher andere Risiken im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit: Katastrophenrisiken statt Auslöschungsrisiken. Der Klimawandel ist ein klares Beispiel für ein Katastrophenrisiko: Er kann enormes Leid und Millionen von Toten bewirken, aber er wird die Menschheit kaum ausrotten.

Auch wenn er viel schlimmer als erwartet ausfallen würde, so könnten sich doch zumindest ein paar Reiche das Überleben sichern. Das wäre eine Ungerechtigkeit historischen Ausmasses, aber es wäre etwas anderes als eine vollkommene Auslöschung. Ein Comeback für die Menschheit wäre in diesem Fall noch möglich.

Lichter aus – ein realistisches Szenario?

Wie hoch ist denn die Wahrscheinlichkeit, dass die Lichter ganz ausgehen? In einer kürzlichen Studie1 wurden Menschen befragt, die in der Vergangenheit eine besonders gute Erfolgsbilanz beim Erkennen von zukünftigen Trends bewiesen haben. Sie schätzten die Wahrscheinlichkeit einer Auslöschung der Menschheit bis 2100 auf ein Prozent. In derselben Studie schätzten die Fachleute im Bereich der Grossrisiken diese Wahrscheinlichkeit sogar auf sechs Prozent. Toby Ord hat eines der wichtigsten Bücher2 zu diesem Thema geschrieben, er schätzt das Risiko gar auf rund 17 Prozent. Man könnte vermuten, diese hohe Schätzung könne nur der Panik eines von Verschwörungen geblendeten Wirrkopfs entspringen, aber in Ords Zeilen trifft man eher auf die ernste Sorge eines nüchternen Wissenschafters.

Wie könnte es denn so weit kommen?

Was sind denn plausible Szenarien für ein baldiges Ende der Menschheit? Die Treiber von Auslöschungsrisiken sehen anders aus als die Treiber von «blossen» Katastrophen. Während beispielsweise eine natürlich entstandene Pandemie ein Katastrophenrisiko ist, ist eine künstlich ausgelöste Pandemie, die durch menschlich kreierte Krankheitserreger verursacht wurde, ein viel grösseres Auslöschungsrisiko für die Menschheit. Ein zweites zentrales Auslöschungsrisiko ist der Atomkrieg; dies weniger wegen seiner direkten Auswirkungen, sondern mehr wegen eines darauffolgenden «atomaren Winters». Als ein drittes – und mit Abstand grösstes – Auslöschungsrisiko wird oft die künstliche Intelligenz (KI) angesehen.

Künstliche Intelligenz als grosses Risiko

Es ist nicht auf Anhieb ersichtlich, weshalb KI derart gefährlich sein soll. Andere ethische Probleme der KI sind uns vertrauter: Diskriminierung, Privatsphärenverletzung, Arbeitslosigkeit usw. Demgegenüber werden die Auslöschungsrisiken oft als Science-Fiction-Hype abgetan.

Das scheint mir aus zwei Gründen ein Fehler. Erstens haben die «falschen» Leute Angst vor den Extremszenarien: nämlich einerseits Leute, die sich gut auskennen und andererseits Leute, die etwas zu verlieren haben. In einer kürzlichen Umfrage3 unter Autorinnen und Autoren in den besten wissenschaftlichen Zeitschriften zu KI schätzte über ein Drittel die Gefahr einer Auslöschung der Menschheit (oder eines ähnlich schlimmen Ausgangs) auf mindestens zehn Prozent! Zudem gehören Vertreter der grossen KI-Firmen zu den Warnern4 . Im Klimabereich wäre es unvorstellbar, dass gerade Vertreter der Erdölfirmen prominent auf die Risiken hinweisen. Mit anderen Worten: Existenzielle Ängste aus dieser Ecke sollten uns Sorgen machen. Jedenfalls mehr Sorgen, als wenn sie von unserem schrulligen, technologiefeindlichen Nachbarn kämen.

Zweitens sind die Argumente für Extremrisiken schlicht plausibel. Wer sie mit einem müden Lächeln abtut, hat oft noch nicht richtig verinnerlicht, was es bedeutet, wenn Maschinen tatsächlich alles besser können als wir Menschen. Solche Maschinen gibt es noch nicht. Aber viele machen den Fehler, den heutigen Fähigkeiten der KI mehr Aufmerksamkeit zu schenken als den gegenwärtigen Trends. Die heutigen Fähigkeiten sind beschränkt, aber die Trends zeigen steil nach oben. Eine enorm fähige KI könnte die Menschheit auslöschen, ohne dass ihr dieses Ziel vorgegeben wurde.

In einem klassischen Beispiel: Wenn man eine KI beauftragt, so viele Büroklammern wie möglich herzustellen, ohne ihr bezüglich der Mittel Grenzen zu setzen, könnte die KI «so viele wie möglich» wörtlich verstehen. Das könnte sie dazu führen, alle Menschen zu töten, damit sie auch ja niemand an ihrer Zielerreichung hindert (und bevor sie alle Menschen tötet, könnte sie zuerst sicherstellen, dass sie nicht abgestellt werden kann). Dieses Beispiel setzt weder voraus, dass jemand die KI mit bösen Absichten missbraucht noch dass die KI in irgendeinem echten Sinn bewusst oder intelligent ist. Das Beispiel ist natürlich extrem holzschnittartig konstruiert. Aber es erfasst den Kern des Problems, denn nicht einmal die Erschaffer der KI verstehen wirklich, was «im Innern» der KI vor sich geht. Und somit könnte es erstaunlich schwierig werden, diesen mächtigen Maschinen die richtigen Ziele und Leitplanken vorzugeben.

Ein Rätsel für die Christenheit

Wäre eine Auslöschung der Menschheit im Jahr 2083 überhaupt ein Problem – mal abgesehen vom Leid, das in den Monaten des Aussterbens über die Welt kommen würde? Wenn Sie als Stiftungsratspräsidentin über 10 Millionen verfügen könnten, würden Sie damit lieber tausend Menschen aus der Armut befreien oder das Auslöschungsrisiko für die Menschheit um 0.01% senken?

Aus säkularer Perspektive mag man bei einem baldigen Ende der Menschheit bedauern, dass damit der grösste Teil aller möglichen Menschen nie geboren werden könnten. Man mag auch bedauern, dass die Menschheit womöglich den besten Teil ihrer Geschichte verpassen würde. Vielleicht wäre uns ja noch eine grosse Zukunft bevorgestanden, in der wir alles Unvollkommene – wie Armut, Trostlosigkeit und Unwissen – durch Gerechtigkeit, Schönheit und Wahrheit ersetzt hätten. Weil so viel auf dem Spiel steht, haben manche Weltverbesserer aufgehört, sich gegen «kleine» Probleme wie die gegenwärtige soziale Ungleichheit einzusetzen und sich stattdessen ganz auf den Kampf gegen die Auslöschung der Menschheit konzentriert.

Aus christlicher Perspektive ist das alles viel weniger klar. Man könnte Jesus mit seiner Feststellung zum Ende der Welt zitieren: «Ihr wisst weder Tag noch Stunde» – und auf eine Arbeitsteilung schliessen: Gott kümmert sich darum, wie lange genau die Menschheit fortbesteht, und wir kümmern uns während dieses Fortbestehens um das Wohlergehen der Menschheit. Unsere Aufgabe wäre es, Leid, Katastrophen und Ungerechtigkeit – nicht aber das Auslöschungsrisiko – zu verringern.

Aber ist das nicht zu einfach? Wir kennen zwar weder den Tag noch die Stunde des Endes dieser Zeiten, aber sollte die neuartige Möglichkeit, das Risiko unseres eigenen Aussterbens zu beeinflussen, nicht auch unsere Prioritäten mitbestimmen5 ? Wenn wir unseren Nächsten nicht töten sollen, dann sollten wir doch sicherlich auch nicht alle unsere Nächsten töten – vor allem nicht mittels Technologien, die man nur aufgrund von Überheblichkeit für kontrollierbar halten kann?

Wenn uns die Bibel den Auftrag gibt, die Erde zu füllen, hätte unsere Generation dann nicht schamvoll versagt, wenn sie diese Erde komplett leeren und somit den Menschen in seiner Gottesebenbildlichkeit von der Erdoberfläche verschwinden lassen würde?

Als die Juden in alttestamentlicher Zeit einem Auslöschungsrisiko ausgesetzt waren, da sagte Mordechai (sinngemäss) zu Esther: Gott wird eine Auslöschung des jüdischen Volks auf jeden Fall verhindern, aber dieses Verhindern sollte durch Esthers Handeln geschehen6 .

Mit anderen Worten: Gott hat den Lauf der Geschichte zwar in der Hand, aber das heisst nicht, dass Menschen wie Esther, die Einflussmöglichkeiten haben, sich wie passive Zuschauer verhalten sollen. Könnte das für uns bedeuten, dass Gott zwar ein vorzeitiges Ende der Menschheit verhindern wird, dieses Verhindern aber auch durch unseren Einsatz geschehen sollte?


1. https://forecastingresearch.org/s/XPT.pdf

2. Toby Ord (2020), The Precipice (London: Bloomsbury)

3. https://aiimpacts.org/wp-content/uploads/2023/04/Thousands_of_AI_authors_on_the_future_of_AI.pdf

4. Siehe z.B.: https://www.safe.ai/statement-on-ai-risk

5. Siehe auch Riedener, Stefan (2022), «Human Extinction from a Thomist Perspective», in Roser, Dominic, Riedener, Stefan und Huppenbauer, Markus, Effective Altruism and Religion: Synergies, Tensions, Dialogue (Baden-Baden: Nomos).

6. Esther 4,14

Dieser Artikel erschien zuerst auf INSIST (Link: 24.2.4 Umweltethik: Offene Fragen zum Ende der Menschheit – Forum – INSIST CONSULTING)

Bild von lummi.ai

1. April 2025/0 Kommentare/von Dominic Roser
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2025/04/Retro-Futuristic-Peace-Robot.jpeg 992 1200 Dominic Roser https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Dominic Roser2025-04-01 14:20:572025-04-01 14:20:57Umweltethik: Offene Fragen zum Ende der Menschheit

Stimmen aus dem Workshop «Demokratie – Wie können wir sie stärken?»

In eigener Sache, Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Entwicklung, Gerechtigkeit, Gesellschaft, Nächstenliebe, Philosophie, Soziales, Theologie
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Seit dem ChristNet-Forum im Januar 2025 ist Demokratie zum Fokusthema des Vereins geworden. An der Generalversammlung vom 8. März 2025 griff ChristNet dieses Thema im Workshop «Demokratie – wie können wir sie stärken?» nochmals auf.

Seit den US-Wahlen im November 2024 bewegt das Thema Demokratie den Verein ChristNet stark. Während beim ChristNet-Forum vom 18. Januar 2025 noch die Frage «Demokratie – gefährdet oder gefährlich?» im Raum stand, lag der Fokus an der Generalversammlung anfangs März 2025 beim individuellen Einsatz für die Stärkung der Demokratie in der Schweiz. Während eines kurzen Workshops setzten sich die Teilnehmenden mit fünf Fragen auseinander. Diese Fragen und die Antworten der Teilnehmenden möchten wir im Folgenden mit dir teilen.

Was können wir persönlich zur Stärkung der Demokratie beitragen?

Politische Rechte, wie z.B. die Möglichkeit zum Abstimmen, sollen aus Sicht der Teilnehmenden wahrgenommen nehmen. Um sich eine politische Meinung bilden zu können, braucht es nebst Informationen auch ein Grundverständnis von politischen Prozessen und Strukturen. Ist diese politische Bildung vorhanden, kann differenziert über bestimmte Themen nachgedacht und diktatorische Tendenzen innerhalb der Politik erkannt sowie aufgezeigt werden. Eine Person schlug das Kennenlernen von Politikern als Strategie vor, um Vertrauen in die Politik zu gewinnen. Das Gebet für Amtsträger betrachteten dieTeilnehmenden als sehr wichtig für die Stärkung der Demokratie. Jemand nannte zudem das Abschliessen eines Medienabonnements, um sachliche Berichterstattungen zu unterstützen. Politische Themen polarisieren stark, weshalb die Teilnehmenden es als wichtig erachteten, dass Christinnen und Christen die Rolle von Vermittlern einnehmen, anstatt die Polarisierung weiter zu verstärken.

Was macht mir Angst in Bezug auf die weltweite Schwächung der Demokratie?

Besonders besorgniserregend empfinden einige Teilnehmende die Passivität der Mehrheit der Bevölkerung – vor allem der jüngeren Generation – in Bezug auf die globale Schwächung der Demokratie. Sie beobachten, dass christliche Werte zusehends an den Rand gedrängt werden und die sozial Schwachen unter die Räder geraten bzw. eine Entwertung erleben. Zwei Teilnehmende sind der Meinung, dass die Schwächung der Demokratie auf globaler Ebene zu einer erhöhten Kriegsgefahr führt.

Was macht mir Mut in Bezug auf die Demokratie?

Für die Teilnehmenden gehörten gewaltloser Widerstand und die Stärke der christlichen Werte zu den Ermutigungen angesichts der weltweiten Schwächung der Demokratie. Als konkrete Beispiele nannten siepositive Entwicklungen in Ländern wie Südkorea, Senegal und Serbien, sowie die Sojourners, die in den USA mutig ihre Stimme gegen Donald Trumps Anhänger erheben.

Was möchte ich an der direkten Demokratie in der Schweiz nicht missen?

Die direkte Demokratie der Schweiz hat aus Sicht der Teilnehmenden sehr viele Vorteile. Die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung haben das Stimmrecht, Politiker sind Teil des Volkes und in der Kommunalpolitik kann viel bewegt werden. Die Teilnehmenden schätzen die Möglichkeit zur Meinungsbildung, die Offenlegung der Abstimmungsfinanzierung, die Vielfalt der Abstimmungsthemen sowie das Referendumsrecht und Petitionen sehr. Sie betrachten die direkte Demokratie in der Schweiz als klar antidiktatorisch.

Wie setze ich meine politische Stimme am liebsten ein?

Für die Teilnehmenden ist die Mitgliedschaft bei ChristNet eine wertvolle Möglichkeit, ihre politische Stimme aktiv für Nächstenliebe in Politik und Gesellschaft einzusetzen. Während ein Mitglied gerne Leserbriefe schreibt, publiziert ein anderes Mitglied Beiträge im Forum integriertes Christsein. Die Beteiligung an Gemeindeabstimmungen- und Gemeindeversammlungen sowie nationalen Abstimmungen und Wahlen erwähnten die Teilnehmenden ebenfalls als wichtiges Mittel, die politischen Stimmeeinzusetzen. Wer sich konkret in die Politik einbringen möchte, könnte zum Beispiel einer Partei beitreten, für den Gemeinderat kandidieren oder Unterschriften sammeln. Hierbei empfinden die Teilnehmenden die Bereitschaft zur Diskussion und das Aufarbeiten von Themen wie Nächstenliebe und sozialer Gerechtigkeit als wichtig. Als Christinnen und Christen dürfen wir uns auch auf den Heiligen Geist verlassen, der uns die richtigen Worte schenkt und den Willen Gottes offenbart.

Einsatz für christliche Werte

Der Workshop zeigte auf, dass Christinnen und Christen im Angesicht einer weltweiten Schwächung der Demokratie eine zentrale Rolle in der Bewahrung christlicher Werte einnehmen dürfen. Lasst uns mutig unsere politische Stimme für christliche Werte in der Schweizer Politik und Gesellschaft einsetzen!

1. April 2025/0 Kommentare/von ChristNet
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2025/04/Demokratieworkshop_8428-smaller.jpg 1013 1800 ChristNet https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg ChristNet2025-04-01 13:48:542025-05-06 12:48:06Stimmen aus dem Workshop «Demokratie – Wie können wir sie stärken?»

Arbeit: Burnout als Arbeitskrankheit anerkennen – in der Ära Elon Musk eine Dringlichkeit

Gesellschaft, Gerechtigkeit, Gesundheit, Philosophie, Soziales, Theologie, Wirtschaft
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Das Bundesgericht hat entschieden, dass eine Krankschreibung bei Konflikten am Arbeitsplatz nicht unbedingt vor Kündigung schützt. Wie wenn ein Konflikt auf Grund einer unmöglichen Arbeitssituation nicht zu einem Zusammenbruch führen könnte!

Im Zusammenhang mit dem Bundesgerichtsurteil fällt auf, dass Burnout in der Schweiz im Gegensatz zu einigen Staaten der EU nicht als Arbeitskrankheit anerkannt ist und der Arbeitgeber dafür nicht haftbar gemacht werden kann. Dies öffnet der Ausbeutung Tür und Tor. Im Zeitalter, in dem Elon Musk in den USA die grenzenlose Arbeit ausruft, sind Grenzen zum Schutz der Angestellten dringender als je zuvor.

In einem Aufsehen erregenden Fall hat das Bundesgericht1 im Jahr 2024 entschieden, dass die übliche Sperrfrist für eine Kündigung bei einer arbeitsplatzbezogenen Arbeitsunfähigkeit (z.B. in Folge von Mobbing oder Konflikten) nicht gelten muss.

Konflikte ernst nehmen

Ein solcher Entscheid geht an der Realität vorbei: Konflikte bei der Arbeit haben immer auch mit Dysfunktionalitäten am Arbeitsplatz zu tun. Wenn ein Arbeitgeber sich diesen nicht annimmt, hat er seine Fürsorgepflicht nicht wahrgenommen.
Konflikte müssen frühzeitig angegangen werden, bevor sie ausarten. Regelmässige Umfragen zur Arbeitszufriedenheit und Klärung von Bedürfnissen der Mitarbeitenden, um sich in der Arbeit entfalten zu können, sind in allen Unternehmen unumgänglich. Leider werden in vielen Unternehmen – traurigerweise sind Nichtregierungsorganisationen diesbezüglich nicht besser – Unzufriedenheiten noch immer als Stänkerei angesehen, statt als Gelegenheit, durch die Verbesserung der Bedingungen oder der Entfaltungsmöglichkeiten auch die Produktivität zu erhöhen.
Die meisten Angestellten in der Schweiz wollen gute Arbeit leisten. Mangelnde Wertschätzung und Mitwirkungsmöglichkeiten untergraben aber die Motivation. Wenn dann Direktionen darauf hin noch autoritär reagieren und keine psychologische Sicherheit zum Ausdruck von Befindlichkeiten geben können, dann ist die Eskalation unausweichlich.
Menschen mit grosser Sensibilität brechen als erste zusammen. Eine darauffolgende Krankschreibung wird dann oft als «Beweis» der Stänkerei interpretiert, eine Entlassung als unausweichlich angesehen. Dabei handelt es sich hier meist um ein Burnout in Folge einer emotionalen Überlastung. Der Bundesgerichtsentscheid ist also falsch und erleichtert es Arbeitgebern, Konflikte nicht richtig anzugehen, da sie sich mit Entlassungen lösen lassen. So aber kommen wir nicht weiter.

Burnout – Die Verursacher zur Verantwortung ziehen

In diesem Zusammenhang fällt auf, dass Burnout in der Schweiz im Gegensatz zu einigen Staaten der EU nicht als Berufskrankheit anerkannt2 ist und der Arbeitgeber dafür nicht haftbar gemacht werden kann. Bei gehäuften Burnouts in einem Unternehmen werden die Prämiensteigerungen der Krankentaggeldversicherungen hälftig den Arbeitnehmern und Arbeitgebern aufgebürdet, wie wenn die Arbeitnehmenden dafür mitverantwortlich wären.

Dabei zeigt die steigende Anzahl Burnouts, dass die Arbeitswelt grundsätzlich aus den Fugen geraten ist: Zwischen 2012 und 2020 sind die Arbeitsunfähigkeiten aufgrund psychischer Ursachen um 70 Prozent gestiegen. Der Job-Stress-Index3 zeigt bis 2020 eine stetige Steigerung der Anzahl Menschen, die im kritischen Bereich arbeiten. Rund 30 Prozent der Menschen sind heute emotional eher oder sehr erschöpft. Auch die ständigen Umstrukturierungen und Veränderungen tragen dazu bei.
Die Verdichtung und Intensivierung der Arbeit in den letzten Jahrzehnten, sowie die Aufweichung der gesetzlichen Schranken für die maximale Arbeitszeit4 haben zu dieser Entwicklung beigetragen. Es ist also Zeit, dass die Verantwortung für Burnouts besser wahrgenommen wird. Denn ein Burnout heisst nicht einfach, dass man endlich auf der faulen Haut liegen darf. Für zahlreiche Betroffene bedeutet dies ein schwerer Einschnitt in der Laufbahn; etliche finden nie wieder zu einer guten Gesundheit und werden aus der Arbeitswelt ausgeschlossen. Für einige Familien bedeutet dies den Abstieg in die Armut.

Ohne Verantwortung droht die Ausbeutung

Solange sich die Verursacher aus der Verantwortung ziehen können, wird sich an diesem Trend nichts ändern. Die Kosten für Burnouts werden so auf die Sozialhilfe und die IV verschoben. Der Druck der Finanzmärkte zu noch höherer Kapitalrentabilität und der Druck der sinkenden Budgets für soziale Aufgaben werden die Probleme noch verstärken. Ohne Schranken und ohne die Klärung der Verantwortlichkeiten für Schäden stehen Tür und Tor offen für jegliche Ausbeutung.
Grenzen zu setzen und Arbeitgeber zur Verantwortung zu ziehen, ist dringender denn je. Elon Musk, der momentan wohl mächtigste Mann der Welt, ist daran, die USA umzugestalten. Er treibt, mit Unterstützung von hiesigen Parteien seiner Gunst, auch in Europa sein Unwesen. Bei der Übernahme von Twitter hat er die grenzenlose Arbeit5 ausgerufen, streikende Angestellte in seinen Werken werden kurzerhand entlassen. Mit seinen riesigen Spenden an Donald Trump, die Republikanische Partei und deren Parlamentarier hat er die Empfänger von sich abhängig gemacht und diktiert ihnen nun seine eigene Politik, wie diverse Beispiele6 zeigen.
Damit kann er auch seine Sicht der Arbeitswelt durchsetzen. Hier ist es nicht mehr unangebracht, von Ausbeutung zu sprechen. Das Wohl der Arbeitnehmenden ist nicht seine Priorität, wie seine Weigerung, die Tesla-Produktion während der Covid-Pandemie zu unterbrechen, gezeigt hat: Darauf hin sind hunderte Angestellte erkrankt und haben das Virus weiterverbreitet.
Diese Entwicklungen erhöhen den Druck auf die Unternehmen in anderen Teilen der Welt, die Wettbewerbsfähigkeit ebenfalls auf Kosten der Arbeitnehmenden aufrecht zu erhalten. Es ist also höchste Zeit, Schranken gesetzlich zu fixieren und gerichtlich durchzusetzen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf INSIST.

1. https://www.beobachter.ch/magazin/gesetze-recht/auch-bei-krankschreibung-droht-nun-kundigung-719865?srsltid=AfmBOordYr64rRRcZD4ag4Ks8xvP6HvQ-aiDgJus1fIll2yE65bFBlxa
2. Postulat
3. https://gesundheitsfoerderung.ch/sites/default/files/remote-files/Faktenblatt_072_GFCH_2022-08_-_Job-Stress-Index_2022.pdf
4. siehe auch: https://www.insist-consulting.ch/forum-integriertes-christsein/24-3-5-arbeit-muessen-wir-arbeiten-bis-zur-erschoepfung-oder-brauchen-wir-mehr-raum-zum-leben.html
5. https://www.theverge.com/23551060/elon-musk-twitter-takeover-layoffs-workplace-salute-emoji
6. https://www.youtube.com/watch?v=79KDKWEOJ1s

Foto von Mykyta Kravčenko auf Unsplash

17. März 2025/0 Kommentare/von Markus Meury
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