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Arbeit: Burnout als Arbeitskrankheit anerkennen – in der Ära Elon Musk eine Dringlichkeit

Gesellschaft, Gerechtigkeit, Gesundheit, Philosophie, Soziales, Theologie, Wirtschaft
Lesezeit / Temps de lecture ~ 3 min

Das Bundesgericht hat entschieden, dass eine Krankschreibung bei Konflikten am Arbeitsplatz nicht unbedingt vor Kündigung schützt. Wie wenn ein Konflikt auf Grund einer unmöglichen Arbeitssituation nicht zu einem Zusammenbruch führen könnte!

Im Zusammenhang mit dem Bundesgerichtsurteil fällt auf, dass Burnout in der Schweiz im Gegensatz zu einigen Staaten der EU nicht als Arbeitskrankheit anerkannt ist und der Arbeitgeber dafür nicht haftbar gemacht werden kann. Dies öffnet der Ausbeutung Tür und Tor. Im Zeitalter, in dem Elon Musk in den USA die grenzenlose Arbeit ausruft, sind Grenzen zum Schutz der Angestellten dringender als je zuvor.

In einem Aufsehen erregenden Fall hat das Bundesgericht1 im Jahr 2024 entschieden, dass die übliche Sperrfrist für eine Kündigung bei einer arbeitsplatzbezogenen Arbeitsunfähigkeit (z.B. in Folge von Mobbing oder Konflikten) nicht gelten muss.

Konflikte ernst nehmen

Ein solcher Entscheid geht an der Realität vorbei: Konflikte bei der Arbeit haben immer auch mit Dysfunktionalitäten am Arbeitsplatz zu tun. Wenn ein Arbeitgeber sich diesen nicht annimmt, hat er seine Fürsorgepflicht nicht wahrgenommen.
Konflikte müssen frühzeitig angegangen werden, bevor sie ausarten. Regelmässige Umfragen zur Arbeitszufriedenheit und Klärung von Bedürfnissen der Mitarbeitenden, um sich in der Arbeit entfalten zu können, sind in allen Unternehmen unumgänglich. Leider werden in vielen Unternehmen – traurigerweise sind Nichtregierungsorganisationen diesbezüglich nicht besser – Unzufriedenheiten noch immer als Stänkerei angesehen, statt als Gelegenheit, durch die Verbesserung der Bedingungen oder der Entfaltungsmöglichkeiten auch die Produktivität zu erhöhen.
Die meisten Angestellten in der Schweiz wollen gute Arbeit leisten. Mangelnde Wertschätzung und Mitwirkungsmöglichkeiten untergraben aber die Motivation. Wenn dann Direktionen darauf hin noch autoritär reagieren und keine psychologische Sicherheit zum Ausdruck von Befindlichkeiten geben können, dann ist die Eskalation unausweichlich.
Menschen mit grosser Sensibilität brechen als erste zusammen. Eine darauffolgende Krankschreibung wird dann oft als «Beweis» der Stänkerei interpretiert, eine Entlassung als unausweichlich angesehen. Dabei handelt es sich hier meist um ein Burnout in Folge einer emotionalen Überlastung. Der Bundesgerichtsentscheid ist also falsch und erleichtert es Arbeitgebern, Konflikte nicht richtig anzugehen, da sie sich mit Entlassungen lösen lassen. So aber kommen wir nicht weiter.

Burnout – Die Verursacher zur Verantwortung ziehen

In diesem Zusammenhang fällt auf, dass Burnout in der Schweiz im Gegensatz zu einigen Staaten der EU nicht als Berufskrankheit anerkannt2 ist und der Arbeitgeber dafür nicht haftbar gemacht werden kann. Bei gehäuften Burnouts in einem Unternehmen werden die Prämiensteigerungen der Krankentaggeldversicherungen hälftig den Arbeitnehmern und Arbeitgebern aufgebürdet, wie wenn die Arbeitnehmenden dafür mitverantwortlich wären.

Dabei zeigt die steigende Anzahl Burnouts, dass die Arbeitswelt grundsätzlich aus den Fugen geraten ist: Zwischen 2012 und 2020 sind die Arbeitsunfähigkeiten aufgrund psychischer Ursachen um 70 Prozent gestiegen. Der Job-Stress-Index3 zeigt bis 2020 eine stetige Steigerung der Anzahl Menschen, die im kritischen Bereich arbeiten. Rund 30 Prozent der Menschen sind heute emotional eher oder sehr erschöpft. Auch die ständigen Umstrukturierungen und Veränderungen tragen dazu bei.
Die Verdichtung und Intensivierung der Arbeit in den letzten Jahrzehnten, sowie die Aufweichung der gesetzlichen Schranken für die maximale Arbeitszeit4 haben zu dieser Entwicklung beigetragen. Es ist also Zeit, dass die Verantwortung für Burnouts besser wahrgenommen wird. Denn ein Burnout heisst nicht einfach, dass man endlich auf der faulen Haut liegen darf. Für zahlreiche Betroffene bedeutet dies ein schwerer Einschnitt in der Laufbahn; etliche finden nie wieder zu einer guten Gesundheit und werden aus der Arbeitswelt ausgeschlossen. Für einige Familien bedeutet dies den Abstieg in die Armut.

Ohne Verantwortung droht die Ausbeutung

Solange sich die Verursacher aus der Verantwortung ziehen können, wird sich an diesem Trend nichts ändern. Die Kosten für Burnouts werden so auf die Sozialhilfe und die IV verschoben. Der Druck der Finanzmärkte zu noch höherer Kapitalrentabilität und der Druck der sinkenden Budgets für soziale Aufgaben werden die Probleme noch verstärken. Ohne Schranken und ohne die Klärung der Verantwortlichkeiten für Schäden stehen Tür und Tor offen für jegliche Ausbeutung.
Grenzen zu setzen und Arbeitgeber zur Verantwortung zu ziehen, ist dringender denn je. Elon Musk, der momentan wohl mächtigste Mann der Welt, ist daran, die USA umzugestalten. Er treibt, mit Unterstützung von hiesigen Parteien seiner Gunst, auch in Europa sein Unwesen. Bei der Übernahme von Twitter hat er die grenzenlose Arbeit5 ausgerufen, streikende Angestellte in seinen Werken werden kurzerhand entlassen. Mit seinen riesigen Spenden an Donald Trump, die Republikanische Partei und deren Parlamentarier hat er die Empfänger von sich abhängig gemacht und diktiert ihnen nun seine eigene Politik, wie diverse Beispiele6 zeigen.
Damit kann er auch seine Sicht der Arbeitswelt durchsetzen. Hier ist es nicht mehr unangebracht, von Ausbeutung zu sprechen. Das Wohl der Arbeitnehmenden ist nicht seine Priorität, wie seine Weigerung, die Tesla-Produktion während der Covid-Pandemie zu unterbrechen, gezeigt hat: Darauf hin sind hunderte Angestellte erkrankt und haben das Virus weiterverbreitet.
Diese Entwicklungen erhöhen den Druck auf die Unternehmen in anderen Teilen der Welt, die Wettbewerbsfähigkeit ebenfalls auf Kosten der Arbeitnehmenden aufrecht zu erhalten. Es ist also höchste Zeit, Schranken gesetzlich zu fixieren und gerichtlich durchzusetzen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf INSIST.

1. https://www.beobachter.ch/magazin/gesetze-recht/auch-bei-krankschreibung-droht-nun-kundigung-719865?srsltid=AfmBOordYr64rRRcZD4ag4Ks8xvP6HvQ-aiDgJus1fIll2yE65bFBlxa
2. Postulat
3. https://gesundheitsfoerderung.ch/sites/default/files/remote-files/Faktenblatt_072_GFCH_2022-08_-_Job-Stress-Index_2022.pdf
4. siehe auch: https://www.insist-consulting.ch/forum-integriertes-christsein/24-3-5-arbeit-muessen-wir-arbeiten-bis-zur-erschoepfung-oder-brauchen-wir-mehr-raum-zum-leben.html
5. https://www.theverge.com/23551060/elon-musk-twitter-takeover-layoffs-workplace-salute-emoji
6. https://www.youtube.com/watch?v=79KDKWEOJ1s

Foto von Mykyta Kravčenko auf Unsplash

17. März 2025/0 Kommentare/von Markus Meury
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2025/03/mykyta-kravcenko-Bb_gxpV09qk.jpg 1341 2000 Markus Meury https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Markus Meury2025-03-17 15:37:402025-03-17 15:42:39Arbeit: Burnout als Arbeitskrankheit anerkennen – in der Ära Elon Musk eine Dringlichkeit

Ideen zum Klimafasten

Gesellschaft, Entwicklung, Gerechtigkeit, Soziales, Umwelt
Lesezeit / Temps de lecture ~ 2 min

Mit dem Aschermittwoch am 5. März beginnt die Fastenzeit. Sie erinnert uns daran, dass weniger oft mehr ist – nicht nur für uns persönlich, sondern auch für die Umwelt.

Wer verzichtet, gewinnt neue Perspektiven: Dankbarkeit für das, was wir haben und Achtsamkeit im Umgang damit. Doch warum nicht auf etwas verzichten, das nicht nur uns selbst, sondern auch unserer Umwelt guttut? Die Klimakrise fordert uns heraus, unser Verhalten zu überdenken – und die Fastenzeit bietet die perfekte Gelegenheit, bewusst eine klimaschädliche Angewohnheit abzulegen.

Folgend einige konkrete Fastenideen, die gleichzeitig zu einer klimafreundlicheren Lebensweise führen.

Ernährung

• Eine vegetarische oder vegane Ernährung ausprobieren
• Regionale und saisonale Lebensmittel kaufen
• Auf importierte Früchte (z. B. Avocados, Bananen) verzichten
• Keine Lebensmittel wegwerfen – bewusster einkaufen und Reste verwerten
• Fairtrade- und Bio-Produkte kaufen
• Leitungswasser statt Flaschenwasser trinken

Mobilität

• Das Auto stehen lassen und stattdessen zu Fuss gehen oder Velo fahren
• Öffentliche Verkehrsmittel statt das Auto nutzen
• Keine Flugreisen in der Fastenzeit
• Fahrgemeinschaften bilden
• Kurzstreckenflüge durch Zugreisen ersetzen

Energie & Konsum

• Den Heizenergieverbrauch reduzieren: z. B. ein bis zwei Grad weniger heizen
• Elektronische Geräte konsequent ausschalten statt auf Stand-by lassen
• Duschzeit verkürzen und Wasser sparen
• Keine neuen Kleider shoppen – stattdessen tauschen oder secondhand kaufen
• Auf Online-Bestellungen verzichten, um unnötigen Transport und Verpackung zu vermeiden

Digitale Gewohnheiten

• Weniger Streaming und Videokonsum: Netflix, YouTube – wegen des hohen Stromverbrauchs
• Social-Media-Detox: weniger Bildschirmzeit spart Strom und fördert Achtsamkeit
• Unnötige E-Mails löschen: E-Mail-Server verbrauchen viel Energie

Ressourcen & Abfall

• Auf Einwegprodukte verzichten: z. B. Coffee-to-go-Becher, Plastikflaschen
• Müll reduzieren und besser recyceln
• Wiederverwendbare Produkte nutzen: Stofftaschen statt Plastiktüten, Glasflaschen statt PET
• Kosmetik und Pflegeprodukte ohne Mikroplastik wählen
• Papier sparen: Digital lesen statt drucken

Der Artikel erschien erstmals auf www.stoparmut.ch

3. März 2025/0 Kommentare/von Anja Eschbach
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2025/03/boba-jovanovic-VWmCwpWSVf0-unsplash-scaled-e1740994394285.jpg 1425 2543 Anja Eschbach https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Anja Eschbach2025-03-03 10:09:342025-03-03 10:33:38Ideen zum Klimafasten

Verunsicherung total: Zukunft – aus und vorbei?

Gesellschaft, Gerechtigkeit, Politik, Theologie, Wirtschaft
Lesezeit / Temps de lecture ~ 7 min

Verunsicherung prägt unsere Zeit: Krisen, Unwägbarkeiten und Überforderung lassen uns oft ratlos zurück. Doch schon die biblischen Propheten mahnten, solche Momente als Aufruf zum Umdenken und Vertrauen auf Gottes Heilshandeln zu nutzen. Denn der Glaube bietet Halt und eine Perspektive, die über das Zeitliche und Sichtbare hinausgeht.

«Sind wir sicher?» So titelt der «Spiegel» seine Ausgabe 49/2024 auf knallrotem Untergrund zum 2. Advent.

Ja, die Verunsicherung in letzter Zeit liess den Zürcher Tagesanzeiger (TA 19.11.2024) die Fachpsychologin Sabina Pedroli fragen: «Was kann man tun, wenn man die Weltlage nicht mehr aushält?» Und sie antwortet: «Das Gefühl globaler Unsicherheit und Ungewissheit ist eine Folge nicht beeinflussbarer Stressoren. Unser Gehirn ist aber nicht dafür geschaffen, das ganze Leid dieser Welt in Echtzeit wahrzunehmen und zu verarbeiten.»

Wir stecken offensichtlich in einem unauflösbaren Dilemma fest: Wir können uns nicht mehr gegen diese Verunsicherung versichern. Uns, die wir gegen alle möglichen Schadensfälle versichert sind, verunsichert das zutiefst.

Es geschieht nichts Neues unter der Sonne (Prediger 1,9-10)

Seit Beginn der Menschheitsgeschichte waren die Lebensbedingungen auf unserer Erde «jenseits von Eden» nie sicher. Bedrohungen und Gefahren durch Natur und Mensch erfahren alle Völker und Kulturen bis heute. Quelle der Verunsicherung und Angst ist die Fragilität und Vergänglichkeit allen Lebens. Die gesamte Kreatur stöhnt und ächzt unter diesem Verdikt. Wir Menschen nehmen das als einzige Wesen bewusst wahr. Wir leiden mit Leib, Seele und Geist an dem Gefühl, Schicksal spielenden Mächten und Gewalten unberechenbar ausgeliefert zu sein. Wir sind verunsichert, weil es kein Denksystem, kein Naturgesetz, keine Gesetzmässigkeit und keine Wahrscheinlichkeitsrechnung gibt, an denen sich ablesen liesse, wen es wann und wo und wie trifft.

Diese Unberechenbarkeit und Zufälligkeit, ja dieser Kontrollverlust machen oft ratlos. Wenn ein Unfall, der Tod oder sonst ein Schicksal in junge Familien einschlägt, verstört das zutiefst. Warum sterben wir eigentlich nicht altersgerecht schön der Reihe nach?

Keine Antwort, dafür bleierne Unsicherheit. Gegen viele Risiken können wir uns versichern, um den Fall ins Bodenlose wenigstens materiell abzufangen. Aber die Gefühle der Unsicherheit, Verlustangst und Zukunftssorge – sie bleiben.

Die nachmoderne Verunsicherung – doch etwas Neues?

Aktuell steigert sich unsere verunsicherte, verstörte und ängstlich sich sorgende Gesellschaft immer mehr in den Modus der Empörung und Aggression hinein. In diesem Modus kann Demokratie nicht mehr funktionieren. Emotionen ersetzen Argumente. Immer öfter wird ein undifferenzierter Widerstand provokant gegen «das politische System» in Szene gesetzt, das angeblich «an allem» schuld sei.

Ja, es stimmt: Wir haben eine Energiekrise, eine Klimakrise, eine Schuldenkrise und über 50 kriegerische Auseinandersetzungen. Die Hiobsbotschaften führen zu einem kollektiven Verlust an Lebensqualität. Dank medialer Vernetzung erleben wir in Echtzeit mit, was unser Gehirn nicht mehr packt! Deshalb haben wir nun auch noch eine Demokratiekrise!

Die unterschiedlichen Gründe all dieser Krisen zeugen von einer Störung des Menschen im Umgang mit sich, mit anderen und mit seiner Umwelt. Diese Störung ist nicht neu. Im AT lesen wir von Propheten, die unablässig verkehrte, gott-lose Lebensprinzipien aufgedeckt, gebrandmarkt und deren unausweichliche Negativfolgen angekündigt haben: Eine Gesellschaft würde zerfallen und sich schaden, wenn sie in ihrer masslosen Hab-, Geld- und Machtgier Ungerechtigkeit, Korruption und Ausbeutung toleriert, pseudoreligiös legalisiert und juristisch reinwäscht. Und wenn sich dann im Kulturverfall Verunsicherung, Angst und Furcht einstellen, seien das die logischen Folgen eigener Schuld. Die Propheten (z. B. Jesaja 2–3) deuten diese Schreckensmomente sogar als Gericht Gottes. Es soll verunsichern, um dadurch ein Aufwachen und Umdenken zu provozieren!

Das unauflösbare Dilemma der Nachmoderne

Seit Jahren lese ich im Buch «Apokalypse jetzt. Vom Schweigen der Theologie im Angesicht der Endzeit». Der Theologe, Philosoph und Journalist Gregor Taxacher bedauert angesichts «himmelschreiender Sünden der Ungerechtigkeiten» den Mangel an Propheten zutiefst und will die Kirchen zu einem «geistes-gegenwärtigen prophetischen Einsatz» motivieren (Kap. 5). Er reflektiert den katastrophalen Zustand unserer Welt im Horizont biblischer Prophetie und Eschatologie und postuliert: Die Gegenwart – inzwischen als Anthropozän und «permanente Endzeit» etikettiert – braucht dringend eine vertiefte theologische Qualifikation.

Immerhin weisen seit fünf Jahrzehnten unzählige Fachleute verschiedenster Wissenschaften hin auf die Fortschrittslüge «Wachstum bringt Wohlstand», auf die Grenzen des Wachstums und auf die Notwendigkeit, das bisherige Wachstum zu begrenzen. Sie charakterisieren die Neuzeit als «permanente Endzeit» mit apokalyptischem Charakter. Das meinen sie nicht nur prognostisch, sondern wirklich grundsätzlich unumkehrbar, weil niemand weiss, wie eine tiefgreifende Abkehr vom Wachstumswahn der Moderne geschehen kann!

Deshalb fragen sich viele resigniert: Lohnt sich überhaupt noch der Einsatz für eine lebenswerte Zukunft? Wenn z. B. trotz aller ökologischer und soziologischer Verwerfungen Konferenzergebnisse oft nur halbherzig zu Absichtserklärungen weichgespült und in der Umsetzung abgeschwächt werden? Der Mensch erweist sich mit seiner ungebremst wachsenden Konsumlust als grösster Risikofaktor!

Prophetische Klarheit statt banal-fromme Hoffnungseuphorie

Die Skepsis nimmt rasant zu. Im Blick auf die Zukunft wanken jetzt nicht nur alle irdischen Hoffnungen, auch die christliche Hoffnung steht auf dem Prüfstand. Zu Recht, wenn man nur Sätze wie «Gott ist gut und deshalb wird schon alles wieder gut» zu hören bekommt. Solche banal-zynisch fromme Euphorie ist tatsächlich schädliches «Opium für das Volk».

Es stellt sich vielmehr unerbittlich die Frage: Gibt es überhaupt noch Hoffnung, wenn alle Sicherheiten brechen, Grenzwerte überschritten sind und unser Globus schon gefährlich taumelt? Ist inzwischen jede Hoffnung illusionär, utopisch und realitätsfremd?

Die Erfahrungen des 20. und bisherigen 21. Jahrhunderts belegen unmissverständlich: Der Fortschrittsglaube der Aufklärung kann keine Hoffnung mehr geben. Sich ohne Gott allein auf die menschliche Vernunft zu verlassen, hat sich nicht bewährt.

Der Zauberlehrling hat recht, den J. W. von Goethe in entsetzlich steigender Wasserflut zum von ihm ignorierten Meister rufen lässt: «Herr, die Not ist gross. Die ICH rief, die Geister, werde ICH nun nicht mehr los!»

Jahrzehnte später lässt F. W. Nietzsche den «Tollen Menschen» in bestürzend prophetischer Klarheit sagen, was den Menschen übrigbleibt, nachdem sie Gott getötet und den Horizont weggewischt haben: «Ist nicht die Grösse dieser Tat zu gross für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden?»

Wenn der Horizont der Ewigkeit weggewischt ist, entwirft diese Autonomie ohne Gott inhumane Ideologien. Die Überforderung, Gott zu spielen, vernichtet dann jegliche Verantwortung. Der Holocaust und die ersten Atombomben markieren den Beginn einer nachmodernen Verunsicherung: Der Vernunft entgleitet die Kontrolle über das von ihr Gewollte und Erreichte.

Insofern ist unsere Verunsicherung in sich paradox: Wissenschaftlich-technologisch wurde ein Standard erreicht, der beeindruckt und von dem wir alle gerne profitieren. Jetzt lässt uns die Digitalisierung zur globalen Familie werden, wir bereiten Mond- und Marsbesiedelungen vor und mit Künstlicher Intelligenz erreichen wir neue Horizonte – doch wozu denn eigentlich? Wozu, wenn wir zeitgleich die Welt so zurichten, dass sie einem sozial-ökonomischen und ökologischen Kollaps entgegenwankt? Und zeitgleich nehmen Ratlosigkeit, Überforderung, Ohnmacht und Wut zu. Eine globale Verantwortungsgemeinschaft ist nicht in Sicht!

Jetzt muss die biblische Theologie der Hoffnung (Eschatologie) in prophetischer Klarheit wieder neu sagen, was sie immer schon gesagt hat: GOTT markiert in Jesus Christus den Widerspruch gegen die Sünde des Menschen und den Tod. Eine umfassende Heilszukunft hat begonnen. Seine Liebe ist die neue Kraft, die alle Masslosigkeit vernichtet und Heil schafft.

Gerade die Kirchen könnten so die allgemeine, globale und regionale sowie die persönlich-private Verunsicherung seelsorgerlich begleiten und unsere Zeit eschatologisch einordnen.

Verunsicherung betrifft uns alle

Die Welt ist zerbrechlich, die Schöpfung leidet und der Mensch ist oft des Menschen Wolf. Die Bibel redet das nicht schön.

Viele Psalmen und persönliche Bekenntnisse alttestamentlicher Propheten schildern die Achterbahn der Gefühle und Empfindungen, den grübelnden Zweifel und die deprimierende Hoffnungslosigkeit, die Anfechtungen von innen und aussen sowie das Ausgeliefertsein an schlimme Umstände und traurige Zustände.

Auch Jesus hat dieses Verunsichert- und Getrennt-Sein von Gott als Passion erlebt. Mühsal und Trübsal sind bittere Realitäten menschlicher Existenz. Sie begleiten auch die Jesus nachfolgenden Kirchen und Gemeinden zunehmend in einer Weltgeschichte, die trotz weltweiter Evangelisation, Mission und Ausdehnung christlichen Lebens durch des Menschen Selbstbezogenheit dramatisch enden wird.

Prophetisch klare Sicht auf die Realität

Die durch den Menschen schuldhaft verursachten Zerstörungen an Gottes Schöpfung nehmen zu. Gericht ereignet sich in Gottes Abwesenheit, wo er den Menschen seine Freiheit ausleben lässt.

Diese Zusammenhänge zeigt Jesus in seinen «Endzeitreden» (Matthäus 24,1–36; Markus 13,1–32; Lukas 21,5–36) und seine Apostel in ihren Briefen und Sendschreiben auf. Es gilt also, die «Zeichen der Zeit» zu beobachten und sie permanent theologisch zu qualifizieren. Denn dadurch gewinnen wir eine spannungsvolle Perspektive auf das Kommen des Reiches Gottes, Hoffnung auf die nahende Erlösung, einen hoffnungsvollen Lebensstil «in Freiheit von der Welt und in Erwartung der Neuen Welt» (1. Korinther 7,29ff).

Weil das österliche Heilsdatum den Blick auf den auferstandenen Christus lenkt, kann ich in allen Verunsicherungen «meine ganze Gegenwart annehmen und Freude nicht nur in der Freude, sondern auch im Leide, Glück nicht nur im Glück, sondern auch im Schmerz finden. So geht diese Hoffnung durch Glück und Schmerz hindurch, weil sie Zukunft auch für das Vergehende, Sterbende und Tote an den Verheissungen Gottes erblicken kann.» (Jürgen Moltmann, Theologie der Hoffnung, 27).

Nüchternheit in einer unsicheren Übergangszeit

Im NT finden wir eine heilsgeschichtliche Einordnung dessen, dass es in der gegenwärtigen Welt keine Sicherheit gibt. Persönliche Krisen, politische Verwerfungen und irrende Ratlosigkeit gehören zu dieser Übergangszeit. Paulus fragt einmal: «Wo sind denn die Weisen und die Klugen dieser Welt? Hat nicht Gott selbst die Weisheit dieser Welt als Torheit entlarvt und uns in Christus die wahre Weisheit und Gerechtigkeit geschenkt?» (1. Korinther 1,20.30) Seit Ostern leben wir in einer Übergangszeit. Es gilt das «Es ist schon vollbracht» ebenso wie das «Es ist noch nicht erschienen, was sein wird». Die Utopie einer sicheren schönen Welt mögen wir als Sehnsucht träumen! Aber der Heilige Geist kann diese menschlich so verständliche Sehnsucht in Vertrauen, Liebe und Hoffnung verwandeln.

Deshalb gilt es, allen Utopien pseudomessianischer Autokraten – Jesus nennt sie falsche Propheten (Matthäus 24,11) – zu widerstehen anstatt sie zu wählen, damit sich die Dramatik des 20. Jahrhunderts nicht wiederholt.

Christliche Hoffnung bleibt nüchtern, weil sie um den vorletzten Charakter der Jetztzeit weiss: «Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker. Aber über dir strahlt Gott der Herr auf als Licht und seine Herrlichkeit erscheint über dir.» (Jesaja 60,1-2)

In dieser aktiven Hoffnungsperspektive erfährt die Gemeinde Jesu hier und da, je und dann den Frieden Gottes wie das «Auge im Sturm». Deswegen verfällt sie nicht in fatalistischer Resignation der Weltflucht, sondern folgt der Aufforderung Jesus: «Handelt, bis ich wiederkomme!» (Lukas 19,13) So entwickelt sich unaufhaltsam seit Pfingsten das Reich Gottes in dieser Übergangszeit, die Jesus mit den Geburtswehen am Ende einer schwierigen Schwangerschaft vergleicht.

Hoffnungsvolle Gewissheit

Zu Beginn habe ich Sabina Pedroli erwähnt mit ihrer Feststellung, unser Gehirn sei nicht dafür geschaffen, das ganze Leid dieser Welt – also die schweren Geburtswehen – zu verarbeiten. Um trotzdem zu überleben, empfiehlt sie eine moderate Medienverweigerung sowie Auszeiten zur Selbstfürsorge und Selbsterhaltung.

Ergänzend möchte ich noch auf das Raum- und Zeitkonzept jüdischen und christlichen Glaubens hinweisen: «Meine Zeit steht in Gottes Händen. Du stellst meine Füsse auf weiten Raum. Deshalb befehle ich meinen ängstlich aufgeregten Geist und meine angefochtene matt gewordene Seele in Deine Hände. Denn du hast mich erlöst, Herr, mein treuer Gott.» Dieser Psalm 31 zeigt uns den sicheren Ort inmitten aller Verunsicherung: Geborgenheit im dreifaltigen Gott und in seiner Heilsgeschichte. Glaube heisst: Meine Biografie einbinden lassen in den ewigen Bund, den Gott in Jesus Christus anbietet: «Ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein» – auch wenn es bedrängend wird.

Wer diesen Anruf und Zuruf aus Jesaja 43,1+2 für sich hört, lebt in einer das irdisch Unsichere, Dunkle und Finstere überwindenden Dimension. 

Dieser Artikel erschien erstmals in der Zeitschrift «meinTDS» und auf der Website www.tdsaarau.ch

24. Februar 2025/0 Kommentare/von Peter Henning
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2025/02/932479842.jpg 1200 1600 Peter Henning https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Peter Henning2025-02-24 15:45:312025-02-24 16:48:41Verunsicherung total: Zukunft – aus und vorbei?

Black Friday: «Wir sollten die Gewohnheiten des Kleiderkonsums überdenken»

Gesellschaft, Gerechtigkeit, Umwelt, Wirtschaft
Lesezeit / Temps de lecture ~ 2 min

Das Referat von Debora Alder-Gasser kann man hier herunterladen.


In der «1h Eco-Runde» vom 26. November 2024, einem Online-Format von Eco Church Network, sprachen David Hachfeld von Public Eye und Debora Alder-Gasser von TEIL über die zahlreichen Missstände in der Textilindustrie. Während Hachfeld betonte, es herrsche in der Branche ein «System der organisierten Verantwortungslosigkeit», lud Alder-Gasser die Teilnehmenden dazu ein, die eigenen Gewohnheiten bezüglich Kleiderkauf zu reflektieren.

In der Schweiz kauft jede und jeder im Durchschnitt 50–70 Kleidungsstücke und sechs Paar Schuhe pro Jahr. Viele davon werden kaum getragen, sondern landen im Müll oder in der Kleidersammlung. Die gespendete Ware ist meist von schlechter Qualität, was zu zahlreichen, oft illegalen Müllhalden im globalen Süden beiträgt. «Wir steuern auf eine Riesenkatastrophe zu«, meint Hachfeld. Viele Textilien werden aus Plastik und fossilen Rohstoffen hergestellt, was die Klimakrise verschärft. Hinzu kommt die grosse Menge an Pestiziden, die namentlich auf Baumwollplantagen eingesetzt wird. Diese sind nicht nur für die Umwelt, sondern auch für die Arbeiterinnen auf den Plantagen extrem schädlich.

«Der Kampf der Arbeiterinnen läuft immer wieder vor eine Mauer»

In der Textilindustrie herrschen bekanntlich sehr schlechte Arbeitsbedingungen, führt Hachfeld weiter aus. In Ländern wie China, Bangladesch, Türkei und Indonesien verdienen die Arbeiterinnen und Arbeiter nur ca. 400 Dollar pro Monat. Die betroffenen Menschen protestieren und vereinen sich in Gewerkschaften, da der Lohn mindestens dreimal so hoch sein müsste, um ein Leben in Würde zu leben. Doch die mächtigen Grosskonzerne nutzen die begrenzten Möglichkeiten der Zivilgesellschaft gnadenlos aus. Hachfeld nennt es ungeschönt ein «System der organisierten Verantwortungslosigkeit». Genau da setzt die Organisation Public Eye mit ihren Aktionen an: durch die Sensibilisierung der Öffentlichkeit soll das perfide Profitsystem der Konzerne offengelegt werden, damit diese gerechte und nachhaltige Praktiken umzusetzen beginnen.

Die wirkliche Ursache des Problems

10 % des CO2-Ausstosses geht auf Kosten der Textilindustrie und jede Sekunde wird eine Ladung von Textilien auf eine Müllhalde geworfen. Doch was sind die Ursachen dafür, fragt sich Alder-Gasser: der Überkonsum? die schlechte Qualität der Kleider? die fehlenden gesetzlichen Rahmenbedingungen? oder alles davon ein bisschen? In den Augen der Berner Stadträtin gibt es eine tieferliegende Ursache, und zwar in den Gewohnheiten, wie wir Kleider konsumieren. Denn viele wissen zwar, dass dieser Konsum nicht nachhaltig ist, doch kaufen sie wie immer weiter ein. «Darum sollten wir mehr über unsere Gewohnheiten ins Gespräch kommen», meint Alder-Gasser.

TEIL

Mit dem Projekt TEIL, das sie mitbegründet hat, möchte Alder-Gasser ein Teil der Lösung sein und das kreislaufwirtschaftliche Denken fördern. Das Geschäft in der Berner Innenstadt ist wie eine «Bibliothek», aber für Kleider: Mit einem Abo kann man sich Kleider ausleihen. Das ist eine von vielen Möglichkeiten, konkret und persönlich etwas Gutes in Richtung Nachhaltigkeit zu tun. In der Praxis ist es jedoch oft schwieriger, wie Alder-Gasser aus ihrer Projekterfahrung berichtet. Es mangelt nicht an Zustimmung für das Projekt, doch die grösste Hürde liegt in der konkreten Veränderung des Konsumverhaltens. Rhetorisch schliesst sie ihren Impulsvortrag mit der Frage, was wir ändern können, und schlägt Ideen vor, wie das Abbestellen von Newslettern, die uns Schnäppchen zu einem hohen Preis für Mitmenschen und Umwelt bieten.

Die «1h ECO-RUNDE» ist ein regelmässiges stattfindendes Online-Format von Eco Church Network, ein Projekt von StopArmut. Ziel ist es, einen kurzen Impuls zu jeweils einem ökologischen Aspekt zu erhalten, Ideen auszutauschen und sich gegenseitig zu inspirieren, damit es nicht nur beim Wissen bleibt.

Mehr Informationen

www.publiceye.ch/de/themen/mode
www.teil.style
Zum Referat von Debora Alder-Gasser

Dieser Artikel erschien erstmals auf www.stoparmut.ch und wurde von ChristNet leicht bearbeitet.

2. Dezember 2024/0 Kommentare/von Katia Aeby
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2024/12/2024-12-01-Titel-ueberkonsum-Modewelt.jpg 783 1500 Katia Aeby https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Katia Aeby2024-12-02 11:22:462025-01-06 13:04:10Black Friday: «Wir sollten die Gewohnheiten des Kleiderkonsums überdenken»

«Ohne Hoffnungslosigkeit keine Hoffnung»

Gesellschaft, Gerechtigkeit, Philosophie, Soziales
Lesezeit / Temps de lecture ~ 2 min

Letzten Samstag nahmen 200 Personen an der Jacques-Ellul-Tagung «Welche Hoffnung für unsere Krisenzeiten?» teil. Sie wurde aus Anlass von Elluls (1912–1994) 30. Todestag von ChristNet und weiteren Organisationen in St-Légier (VD) organisiert. Referate, Workshops mit Plenumsrückmeldung und ein Podiumsgespräch haben dem technikkritischen, pessimistischen, aber fundamental hoffnungsvollen Denken des französischen Autors Tiefe und Schärfe verliehen.

Auf dem Campus der Theologische Hochschule HET-Pro erfuhren die Tagungsteilnehmenden, dass Elluls Schriften auch 30 Jahre nach seinem Tod erstaunlich aktuell sind und Antwortansätze bieten, die aber nicht einfach sind. Die grosse Zahl der Anwesenden zeigte, dass das Bedürfnis gross ist, solche Fragen gemeinsam zu vertiefen. Mit der Publikation der Wortbeiträge im Juni 2025 («Das Desaster ist da») und einer Ideenbörse geht es nach der Tagung weiter.

Neun Referenten aus Fachbereichen wie Theologie, Philosophie, Sozial-, Ingenieurs- und Wirtschaftswissenschaften stellten das fruchtbare Werk von Ellul in Referaten, Workshops und in einem Podiumsgespräch vor.

Zu Beginn sprach Jacob M. Rollison, Theologe und Worker in der Gemeinschaft L’Abri (Huémoz VD), über die Technik, die den Menschen mächtig mache, aber in Hoffnungslosigkeit stürze. Laut Ellul sei die Technik selbstwachsend – eine Erfindung führt zur nächsten und bietet zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten –, wobei die Richtung der Entwicklung dem Menschen entgleite. Wie ein steuerloses Rennauto rase sie richtungs- und ziellos voran und verursache Katastrophen, die sich immer weniger vermeiden liessen. Rollison fragte sich: «Warum nehmen wir nicht den Fuss vom Gaspedal?»

Ohnmacht oder Machtverzicht?

Auf diese hoffnungslose Diagnose reagierte Frédéric Rognon, Philosophieprofessor an der Universität Strassburg und einer der grössten Ellul-Kenner unserer Zeit: «Ohne Hoffnungslosigkeit keine Hoffnung.» Ellul fordere uns auf, die Hoffnung auf eine technische Lösung der Krise aufzugeben. Zwar verfüge der Mensch dank der Technik über eine nie dagewesene Macht, die aber zutiefst ambivalent (mit untrennbar verknüpften positiven und negativen Effekten) und selbstwachsend sei. Dagegen habe Ellul die «Nicht-Macht» gestellt, also den Verzicht auf (technische) Machtmittel, der darin besteht, nicht alles zu tun, was machbar ist. Als Vorbild dafür bezeichnete er Jesus, der als allmächtiger Gott seine Macht abgelegt habe und Mensch geworden sei.
Den Vormittag schloss David Bouillon ab, Professor an der HET-Pro. Anhand des ellul’schen Kommentars zum Jona-Buch warf er ein biblisches Licht auf den Katastrophismus. Die Geschichte dieses Propheten zeige, dass es Gottes Liebe sei, die uns für unseren Auftrag verantwortlich mache. Angesichts der technischen Allmacht (Ninive) bekräftige Gott sein Erbarmen mit allen Lebewesen. Dies sei unser Ausweg aus der «Hölle» und unseren Krisen, dies sei unsere Hoffnung.

Workshops und Partizipation

An der Jacques Ellul Tagung arbeiteten die Teilnehmenden aktiv mit. Ein Höhepunkt am Nachmittag waren die acht Workshops, die über eine Stunde dauerten und Raum schufen für einen kollektiven Prozess, um konkrete Lösungsansätze für die Tagungsthemen zu suchen. Das Ergebnis wurde am Podiumsgespräch vorgestellt und diskutiert. Die Organisatoren sind zuversichtlich, dass die Tagung den Anwesenden geholfen hat, in unserer krisengeschüttelten Gesellschaft ihren Platz besser zu finden.

Das Buch zur Tagung

Im Juni 2025 wird ein Buch mit den Referaten, Workshop-Präsentationen und den kollektiven Lösungsansätzen publiziert:
« Face aux désastres – Avec Jacques Ellul, penser la crise et choisir l’espérance.» («Das Desaster ist da – Mit Jacques Ellul Krise denken und Hoffnung wählen.»)
Verlag Editions Mennonites (Dossier «Christ seul»), 96 Seiten. Ab sofort sind Vorbestellungen möglich.

28. November 2024/0 Kommentare/von Samuel Ninck-Lehmann
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2024/11/JJE-Table-ronde-SNinck-JMRollison-FRognon-DBouillon-scaled.jpg 1707 2560 Samuel Ninck-Lehmann https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Samuel Ninck-Lehmann2024-11-28 17:49:402024-12-05 12:22:29«Ohne Hoffnungslosigkeit keine Hoffnung»

Adam und EFAS

Gesellschaft, Gerechtigkeit, Gesundheit, Soziales, Wirtschaft
Lesezeit / Temps de lecture ~ 3 min

Am 24. November 2024 stimmt die Schweiz unter dem Titel «einheitliche Finanzierung des Gesundheitswesens» (EFAS) über eine Änderung des Kranken­versicherungs­gesetzes ab. Einmal mehr erhofft man sich eine Dämpfung der Gesundheitskosten.

«Da liess Gott, der Herr, einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, so dass er einschlief.» 1
Als Adam die Augen aufschlug, sah er vor sich EFAS. EFAS war vollkommen und in ihrer Schönheit unübertrefflich.

Wenig später schlitterte der Beginn der Menschheit in die erste grosse Krise. Krankheit und Tod wurden initiiert. Und obwohl Adam und Eva seit längerem Geschichte sind, kämpfen wir heute in der Schweiz auch nach Jahrtausenden immer noch mit den Folgen dieses «Apfels». Unendlich viele Krankheiten und die Vermeidung von Tod prägen einen grossen Teil unseres Denkens. Die Hauptsorgen der Schweizerinnen und Schweizer waren 2023 die Gesundheit und die Prämien der Krankenkassen2 . Und die jährlich steigenden Prämien sind ein Abbild der steigenden Kosten, die im Gesundheitswesen der Schweiz generiert werden.

Seit Jahrzehnten wird verzweifelt nach den Ursachen dieses Kostenanstiegs gesucht.

Expertinnen, Politiker, Journalisten, ja, wir alle, kennen die Bösewichte: Einmal sind es die überteuerten Spitäler, dann die viel zu gut bezahlten Ärztinnen und Ärzte, dann die extrem teuren Medikamente und Implantate, ja, auch die Spitex und die Physio kosten einfach zu viel, nicht zu vergessen die horrenden Verwaltungskosten der Krankenversicherer. Ob diese Aussagen nun jeweils so im Detail stimmen oder nicht, Tatsache ist, dass bei jeder Diskussion, ob im privaten Rahmen, am Stammtisch oder in der «Arena», die Emotionen hoch schwappen.

Es ist nun nicht von der Hand zu weisen, dass die Kosten ansteigen. Es ist keine Kostenexplosion, sondern mehr oder weniger ein jährlich linearer Anstieg um rund 4%, wie die folgende Grafik zeigt:3

Und es sind nicht nur die Kosten, die steigen. Auch die Anzahl «konsumierter» Leistungen bewegt sich kontinuierlich nach oben, wie an den Balken in der Graphik ersichtlich ist.

Der Sorgenbarometer zeigt, dass unsere grösste Sorge die Gesundheit ist.

Einer Sorge und einem so grossen Problem begegnet man in der Regel, indem wir als Hauptverursacher etwas dagegen tun. Eine Schuldzuweisung an andere ist nun mal selten eine wirklich gute Lösung. Wie wäre es, wenn wir das Problem uns zu eigen machen und in dieser Angelegenheit anpacken und beispielsweise die Sache mit der Selbstverantwortung ernst nehmen? Sind wirklich nur die andern, wie oben ausgeführt, Schuld an dieser Misere im Gesundheitswesen? Schon Adam und Eva versuchten ihrem Schöpfer klarzumachen, dass nicht sie selber die Verantwortung tragen wollen. Bei Eva war die Schuldige die Schlange, bei Adam war es Eva.
So sollten wir selber die Sache in die Hand nehmen und mit einer positiven und konstruktiven Haltung und mutigen Vorgehensweise dem Lösungsansatz EFAS eine Chance geben.

Nach vielen Jahren des Ringens zwischen Kantonen, Krankenversicherern und den sogenannten Leistungserbringern ist nun endlich EFAS mit einem einheitlichen und klaren Verteilschlüssel für die ambulanten, stationären und pflegerischen Leistungen zu Stande gekommen. Die Gegner der Vorlage monieren, dass insbesondere mit dem Einbezug der Pflegeleistungen die Prämien für die Krankenkassen steigen werden. Das stimmt, die Prämien werden steigen. Wie wir wissen, steigen sie aber seit vielen Jahren und werden auch künftig steigen, mit oder ohne EFAS. Dies darf aber kein Grund sein, einem unsinnigen und schon zu lange dauernden Finanzierungs-Hickhack endlich mit EFAS eine gute valable Lösung gegenüberzustellen. Lösungsorientiert unterwegs sein heisst, für das nächste anstehende Problem eine neue Lösung zu suchen. Und nicht, aus Angst vor vielleicht möglichen Schäden stehen zu bleiben.

Auch die Bedenken, dass die Krankenkassen mit dem grösser werdenden Finanzierungsanteil mehr Macht erhalten werden, kann ich nachvollziehen. Aber auch hier gilt es, diese Herausforderung anzunehmen und zu überlegen, wie wir genau diesem Problem etwas Konstruktives entgegenstellen können.

Als Arzt bin ich persönlich zuversichtlich, dass wir unsere Selbstverantwortung mehr und mehr wahrnehmen und künftig aktiver für unsere persönliche Gesundheit und unser Gemeinwohl einstehen werden. Auch wenn EFAS nicht in jeder Hinsicht vollkommen und unübertrefflich ist, so lohnt es sich, verantwortungsvolle Schritte zu tun, indem wir als erstes ein klares JA für EFAS haben und als zweites jetzt die Turnschuhe anziehen und eine Runde laufen gehen ☺!

1. Genesis 2,21; Einheitsübersetzung 1980
2. CS-Sorgenbarometer 2023; https://www.credit-suisse.com/about-us/de/research-berichte/studien-publikationen/sorgenbarometer/download-center.html (Zugriff 20241101)
3. BAG Bundesamt für Gesundheit, Dashboard Krankenversicherung; https://dashboardkrankenversicherung.admin.ch/kostenmonitoring.html (Zugriff 20241101)


Foto von Jair Lázaro auf Unsplash

13. November 2024/0 Kommentare/von Daniel Flach
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2024/11/jair-lazaro-0lrJo37r6Nk-unsplash-scaled.jpg 1440 2560 Daniel Flach https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Daniel Flach2024-11-13 12:25:382024-11-18 12:08:46Adam und EFAS

Nein zu den Mietrechtsvorlagen

Gesellschaft, Gerechtigkeit, Soziales, Wirtschaft
Lesezeit / Temps de lecture ~ 2 min

Mit den beiden Mietrechtsvorlagen, über die wir am 24. November 2024 abstimmen, besteht die Gefahr, dass die Wohnungsmieten weiter in Höhe getrieben werden.

In den letzten Jahren hat insbesondere in den Städten, wo der der Wohnraum knapp ist, eine eigentliche Mietzinsexplosion stattgefunden. Einer der Hauptgründe dafür ist die illegale Erhöhung der Miete nach einem Wechsel der Mieter bzw. Mieterinnen. Wenn keine Wertsteigerung der Wohnung (grössere Renovation) stattfindet, haben die Folgemieter eigentlich das Anrecht auf denselben Mietzins wie die Vorgänger. Doch viele Betroffene wissen dies nicht oder wagen es nicht, den bisherigen Mietzins einzufordern. Denn dies bedeutet ein langwieriges Verfahren – und dies in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Vermieter. Wer will es sich mit der Vermieterin schon verderben? Die Vermieter wissen um diese Abhängigkeit und wagen es manchmal gar ohne Mieterwechsel einfach allen Mieterinnen und Mietern den Zins zu erhöhen. In einem Teil der Fälle haben sie damit Erfolg. In Gebieten mit Wohnungsknappheit wird auch das Modell der «Wohnungsjäger» angewendet: Einzelunternehmer bieten an, Leuten, die wenig Zeit haben, dank Connections zu Vermietern rasch eine Wohnung zu besorgen, unter der Bedingung, dass der Anfangsmietzins nicht angefochten wird. Eine weitere Methode: nach dem Auszug eines Mieters wird die Wohnung nur noch mit Ketten-Einjahresverträgen vermietet. Familien, die eine solche Wohnung gemietet haben, können es sich nicht erlauben, den Mietzins anzufechten, da in diesem Fall das Risiko besteht, dass der Mietvertrag nicht mehr weitergeführt wird.

Die beiden Vorlagen, die am 24. November 2024 zur Debatte stehen, schwächen die Rechte der Mieterinnen und Mieter, was die Situation auf dem Wohnungsmarkt weiter verschärft.

Fristlose Kündigung für Wohngemeinschaften?

Die erste Vorlage verlangt strengere Regeln bei Untermiete «wegen Onlineplattformen wie Airbnb». Es ist aber bereits heute gesetzlich verboten, eine Wohnung gewinnbringend unterzuvermieten. Eigentümer können also bereits heute verhindern, dass ihre Wohnung auf Airbnb landet. Die nun geplante Verschärfung trifft hingegen Menschen, die in einer Wohngemeinschaft (WG) leben. Jeder Mieterwechsel müsste künftig schriftlich (Briefpost) fristgerecht gemeldet werden. Geht das vergessen oder wird die Meldung per E-Mail oder Anruf erledigt, kann der Mieterschaft gekündigt werden – und zwar innert 30 Tagen. Das ist doch crazy! Bei dieser Gesetzesänderung geht es wohl eher darum, weitere Gründe für eine Kündigung zu schaffen, damit bei einer Neuvermietung die Miete ohne Wertsteigerung erhöht werden kann.

Die beiden Vorlagen, die am 24. November 2024 zur Debatte stehen, schwächen die Rechte der Mieterinnen und Mieter, was die Situation auf dem Wohnungsmarkt weiter verschärft.

Nein zur erleichterten Kündigung bei «Eigenbedarf»

Die zweite Vorlage sieht vor, dass als Kündigungsgrund der Eigenbedarf nicht mehr «dringend» sein muss, sondern lediglich «bedeutend und aktuell». Auch diese Änderung des Mietrechts zielt darauf ab, Mieterinnen und Mieter schneller loszuwerden, um bei einer neuen Mieterschaft mehr Miete verlangen zu können. Bereits heute wird die Kündigung wegen Eigenbedarfs missbraucht: Wohnungen werden nach einer Kündigung Strohleuten vermietet, die mit dem Vermieter in einer verwandtschaftlichen Beziehung stehen sollen, um die Wohnungen kurze Zeit später zu einem höheren Zins weiterzuvermieten. Solche Maschen können mit der Annahme der Abstimmungsvorlage weiter ausgebaut werden.

Eine sehr gründliche Recherche zu den Mietrechtsvorlagen liefert dieser Artikel in der «Republik».

Foto von Scott Graham auf Unsplash

6. November 2024/0 Kommentare/von Markus Meury
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2024/11/scott-graham-OQMZwNd3ThU-unsplash-scaled-bw.jpg 1602 2400 Markus Meury https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Markus Meury2024-11-06 10:42:262024-11-06 16:05:27Nein zu den Mietrechtsvorlagen

Den 17. Oktober als Chance für christliches Engagement nutzen

Gesellschaft, Gerechtigkeit, Soziales, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 2 min

Am 17. Oktober wird weltweit der Internationale Tag zur Bekämpfung der Armut begangen. Gerade in Zeiten von bewaffneten Konflikten besteht die Gefahr, das Anliegen nachhaltiger Entwicklung und der internationalen Solidarität zugunsten des eigenen Sicherheitsbedürfnisses und der unmittelbaren Nothilfe zurückzustellen. Doch besonders Christinnen und Christen sind aufgerufen, sich in einer Zeit von Unsicherheit und wachsender sozialer Ungleichheit für Gerechtigkeit einzusetzen. Mit dem Projekt «Sonntag für unsere Nächsten» bietet StopArmut eine praktische Grundlage an, sich in Kirchgemeinden mit dem Thema auseinander zu setzen.

Auch in Krisenzeiten Nächstenliebe und nachhaltige Entwicklung wahren
Dass in ungewissen Zeiten das Sicherheitsbedürfnis stärker in den Vordergrund tritt, ist verständlich. So beschäftigt sich das Schweizer Parlament in diesem Jahr intensiv mit der Frage einer Erhöhung des Militärbudgets auf Kosten der internationalen Zusammenarbeit. Dies würde global die ärmsten Länder treffen und ist zutiefst unsolidarisch. Da Sicherheit und Entwicklung eng miteinander verknüpft sind, sollten Armee und Entwicklungszusammenarbeit nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Diese Tendenzen in der Politik widerspiegeln häufig das individuelle Denken: Auch im persönlichen Leben ist es oft nicht leicht, in Krisenzeiten den Nächsten zu priorisieren. Doch gerade Christinnen und Christen sind aufgerufen, sich auch unter erschwerten Bedingungen für die Schwächsten einzusetzen und Nächstenliebe aktiv zu leben. So dürfen wir angesichts einer Welt, in der laut der Weltbank noch immer ca. 700 Millionen Menschen in extremer Armut (mit weniger als $2.15 pro Tag) leben, nicht untätig bleiben.

Der «Sonntag für unsere Nächsten»
Angesichts globaler Krisen fühlen sich viele Menschen hilflos und frustriert. Deswegen ist die Rolle der Gemeinschaft und der Kirche umso wichtiger, denn der Einsatz für unsere Nächsten ist eine vereinte Aufgabe der Glaubensgemeinschaft. Um Kirchgemeinden zu ermutigen, das Thema Armutsbekämpfung stärker in den Fokus zu nehmen, haben StopArmut und Trägerorganisationen zum dritten Mal einen «Sonntag für unsere Nächsten» lanciert. Dafür stehen umfangreiche Materialien zur Verfügung, um in Gottesdiensten und im Alltag eine bewusste Auseinandersetzung zu fördern. Kirchgemeinden, die sich über StopArmut.ch registrieren, erhalten kostenlosen Zugang zu einem Dossier mit Predigtanregungen, Kreativmaterialien und Ideen für konkrete Aktionen.

Ein kleiner Schritt – eine grosse Wirkung
Christinnen und Christen können durch Gebet, Bewusstseinsbildung sowie die finanzielle Unterstützung von Projekten einen Unterschied machen. StopArmut lädt Kirchen im ganzen Land ein, den 17. Oktober zu nutzen, um sich neu für eine gerechtere Welt einzusetzen – im Glauben, in den Kirchgemeinden und darüber hinaus. So können sie gemeinsam zeigen, dass Glaube und Gerechtigkeit untrennbar miteinander verbunden sind.


Kontakte
Katia Aeby
Verantwortliche Kommunikation & Marketing
Tel. 076 330 76 50
katia.aeby@interaction-schweiz.ch

Anja Eschbach
Kampagnenleiterin StopArmut, Projektleiterin Sonntag für unsere Nächsten
Tel. 078 953 34 03
anja.eschbach@stoparmut.ch

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17. Oktober 2024/0 Kommentare/von Stop Armut
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2024/10/Medienmitteilung-e1728995675169.png 750 1500 Stop Armut https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Stop Armut2024-10-17 11:48:542024-10-17 11:50:24Den 17. Oktober als Chance für christliches Engagement nutzen

Brücken für globale Gerechtigkeit bauen

Gerechtigkeit, Gesellschaft, Nächstenliebe, Soziales
Lesezeit / Temps de lecture ~ 3 min

Wie kann ich als Christin oder Christ aktiv werden?

Der Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden ist tief in der christlichen Tradition verankert. Doch schauen wir heute um uns und auf die Welt, ist diese von sozialen Konflikten, Armut bis hin zu bewaffneten Auseinandersetzungen geprägt. Wie kann ich als Christin oder Christ dazu beitragen, dem Shalom, Gottes grossem Friedensprojekt für uns Menschen, näherzukommen?

Der Prophet Micha rief bereits vor über 2500 Jahren zum sozialen Engagement zugunsten der Gerechtigkeit auf: «Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was Gott von dir erwartet: Gerechtigkeit üben, Gemeinschaftssinn lieben und aufmerksam mitgehen mit deinem Gott.» (Micha 6,8) Diese Worte haben bis heute nichts an ihrer Bedeutung verloren, denn wo wir auch hinschauen, ist unsere Gesellschaften von tiefen Kluften zwischen den Menschen geprägt. Oft spielen dabei Merkmale wie soziale Herkunft, Kultur, Geschlecht, Religion, politische Überzeugung oder Eigentum eine Rolle. Diese Kluften und das Macht- und Profitstreben einzelner Gruppen führen nicht selten zu bewaffneten Konflikten, die mit unbeschreiblichem Leid für Millionen von Menschen verbunden sind. Denken wir zum Beispiel an die Sahelzone, Israel/Palästina, Syrien, die Ukraine, Haiti oder Afghanistan, um nur einige der aktuellen Krisen zu nennen.

Gleiche Chancen für alle

Im christlichen Verständnis hat Gott allen Menschen die gleiche Würde mit auf den Weg gegeben. Daraus leitet sich das Prinzip der Chancengerechtigkeit ab. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte beginnt mit folgendem Artikel: «Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.» (AEMR, 1. Artikel) Die Staaten verpflichten sich dadurch, allen Menschen die gleichen Chancen und Möglichkeitenzu bieten. Und auf individueller Ebene ist uns geboten, unseren Mitmenschen gleichberechtigt und mit Respekt gegenüberzutreten. Jesu Prinzip der Nächstenliebe stellt genauso respektvolle Beziehungen zwischen den Menschen ins Zentrum sowie das sich gegenseitige Unterstützen.

Sich für die «anderen» interessieren

Doch was kann ich als Christin oder Christ konkret gegen Ungerechtigkeit um mich herum und weltweit unternehmen? Gott sieht für jede und jeden von uns eine spezifische Rolle im Leben vor. Indem wir in uns gehen und Gott zu uns sprechen lassen, können wir herausfinden, was diese Aufgabe ist und welche Bedeutung sie für das friedliche Zusammenleben in der Gemeinschaft hat. Wenn ich mich für mein Gegenüber interessiere, hilft mir das, Vorurteile bezüglich jenen, die «anders» sind, abzubauen. Zum Beispiel kann ich mit einer Frau,die aus einem Konfliktgebiet flüchten musste, ins Gespräch kommen und so beginnen, mich mit globaler Gerechtigkeit zu befassen. Indem ich Empathie gegenüber diskriminierten Menschen zeige, beginne ich mich für eine Gesellschaft zu öffnen, in der Respekt und Liebe gelebt werden sollen und in der der Glaube und die Hoffnung nach Shalom unter den Menschen weiter gedeihen können.


Gott sieht für jede und jeden von uns eine spezifische Rolle im Leben vor. Indem wir in uns gehen und Gott zu uns sprechen lassen, können wir herausfinden, was diese Aufgabe ist und welche Bedeutung sie für das friedliche Zusammenleben in der Gemeinschaft hat.


Was haben Krisen in anderen Ländern mit mir zu tun?

Um global einen Beitrag zu leisten, hilft es sicherlich, neugierig zu sein und Menschen aus anderen Kulturen kennenzulernen, sich über das politische Geschehen anderswo zu informieren und sich zu fragen, was Krisen in anderen Ländern mit mir zu tun haben. Denn es reicht nicht, dass es uns persönlich gut geht, wir sollten uns als Christinnen und Christenauch international solidarisch zeigen. Denken wir zum Beispiel an Grosskonzerne, die ihren Sitz in derSchweiz haben und Verantwortung für Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden aufgrund ihrer Aktivitäten im Ausland tragen. Die Koalition für Konzernverantwortung, der die Kampagne StopArmut angehört, setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, dass der Staat solche Konzerne für die Einhaltung der Menschenrechte und den Umweltschutz in die Pflicht nimmt. Die globale Vernetzung ist dabei eine Chance, sich gemeinsam mit anderen zu engagieren und Brücken zu bauen.

Auch ich kann Brückenbauerin oder -bauer sein

In der «Ge-Na Studie» zu Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit (www.glaubeklimahoffnung.net), an der rund 2500 Christinnen und Christen aus der Schweiz und Deutschland mitgemacht haben, stimmten über 90 Prozent der Befragten zu, dass sie der christliche Glaube motiviere, sich für soziale Gerechtigkeit einzusetzen. Dieses Ergebnis ist ermutigend und fordert uns auf, diesen Weg weiterzugehen. Persönlich kann ich als Brückenbauerin oder -bauer für das friedliche Zusammenleben dienen, indem ich respektvolle Beziehungen mit meinen Nächsten pflege und wenn nötig auch für sie einstehe, egal welche Kultur sie haben oder ob sie arm oder reich sind. Der nächste Schritt ist nicht weit entfernt: sich auch auf gesellschaftlicher und politischer Ebene für die Menschenrechte und den Frieden auszusprechen. Denn um dem Shalom als Frucht der Gerechtigkeit näherzukommen, braucht es das gemeinsame Engagement von uns allen.


Dieser Artikel wurde von Katia Aeby, Verantwortliche für Kommunikation & Marketing bei Interaction, verfasst und stammt aus dem ERF Medien Magazin September 2024, dem monatlich erscheinenden Printmagazin von ERF Medien. www.erf-medien.ch

Foto von Azzedine Rouichi auf Unsplash

25. September 2024/0 Kommentare/von Katia Aeby
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2024/09/azzedine-rouichi-im1dBoQMEh0-unsplash-scaled.jpg 1707 2560 Katia Aeby https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Katia Aeby2024-09-25 15:52:442024-09-25 15:58:47Brücken für globale Gerechtigkeit bauen
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Arbeit: Burnout als Arbeitskrankheit anerkennen – in der Ära Elon Musk eine Dringlichkeit

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