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Arbeit: Ein neuer Angriff auf den Sonntag unter dem Deckmantel der «Modernisierung»

Gerechtigkeit, Gesellschaft, Gesundheit, Soziales, Wirtschaft
Lesezeit / Temps de lecture ~ 3 min

Spätestens seit «Corona» ist Homeoffice-Arbeit weit verbreitet. Im Nationalrat haben die Arbeitgeberverbände dies für eine Reform zur Aufweichung des Arbeitsrahmens und der Sonntagsruhe genutzt und verkaufen ihre Idee als Fortschritt für die Arbeitnehmenden.

Doch die Realität sieht anders aus: Der Druck zu mehr Flexibilisierung und zur Vermischung zwischen Arbeit und Familienleben würde bei einer Umsetzung zunehmen, und der Sonntag massiv erodieren. Wie viel ist der Sonntag den Kirchen wert? Weiterlesen

19. März 2026/0 Kommentare/von Markus Meury
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/03/vitaly-gariev-bl7h_R-PKpU-unsplash-scaled.jpg 1440 2560 Markus Meury https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Markus Meury2026-03-19 12:02:082026-03-19 12:12:06Arbeit: Ein neuer Angriff auf den Sonntag unter dem Deckmantel der «Modernisierung»

Nächstenliebe auch für einkommensschwache Länder!?

Entwicklung, Gerechtigkeit, Gesellschaft, Politik, Soziales
Lesezeit / Temps de lecture ~ 7 min

Die Entwicklungszusammenarbeit ist im Norden ein politisches Dauerthema. Seit Trump in diesem Bereich radikale Kürzungen vorgenommen hat, umso mehr. Aber eigentlich fliesst mehr Geld vom Süden nach Norden als umgekehrt.

Nächstenliebe in der Politik – was bedeutet dies für das Thema «Entwicklungszusammenarbeit» oder die Unterstützung für die Länder des Südens1 ? Dazu einige allgemeine Zahlen zu den Geldflüssen, bevor wir auf die Folgen der Auflösung der Entwicklungshilfe-Agentur USAID durch die Trump-Administration eingehen.

Das Geld, das Regierungen zur Verfügung steht


Um globale Ungleichheiten zu verstehen, lohnt es sich, einen Blick auf die finanzielle Situation von Staaten zu werfen. Den Regierungen der Länder des Südens steht nur wenig Geld pro Kopf der Einwohner zur Verfügung (staatliche Mittel pro Kopf):

  • Ghana: 509 USD
  • Philippinen: 888 USD
  • Deutschland: 26’464 USD
  • Schweiz: 30’844 USD2

Das bedeutet: Der Schweizer Regierung steht pro Einwohner rund 60-mal mehr Geld zur Verfügung als der ghanaischen Regierung. Hinzu kommt eine weitere Belastung: In Ghana fließen etwa 40 Prozent des Staatshaushalts in den Schuldendienst3 .

Entwicklungszusammenarbeit: Versprechen der Länder des Nordens und aktuelle Zahlen

Seit Jahrzehnten ist es die Absicht und das erklärte Ziel der einkommensstarken Länder («Länder des Nordens»), mindestens 0,7 Prozent ihres Bruttoinlandprodukts (BIP4 ) für Entwicklungszusammenarbeit auszugeben. Es haben jedoch nur vier Länder dieses Ziel erreicht: Luxemburg, Norwegen, Schweden und Dänemark (Daten für das Jahr 2024; bis vor kurzem war auch Deutschland bei mindestens 0,7 %). Für die USA waren es 0.22 % und für die Schweiz 0.51 %. Ein wichtiger Punkt zur Einordnung der Schweizer Zahlen: Ausgaben für das Asylwesen im Inland werden zur offiziellen Entwicklungszusammenarbeit gezählt5 : im Jahr 2023 flossen rund 28 % der Schweizer Entwicklungsgelder – ca. 1,3 Milliarden Franken – ins Asylwesen innerhalb der Schweiz – insbesondere für Geflüchtete aus der Ukraine.

Internationale Geldflüsse und Schulden

Die sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländer hatten Ende 2024 rekordhohe Auslandsschulden von insgesamt 8.9 Billionen Dollar – mehr als doppelt so viel wie noch im Jahr 20106 . Im Jahr 2023 erreichte der gesamte Schuldendienst (Zinszahlungen und Schuldentilgung) der Entwicklungsländer einen Rekordwert von 1,4 Billionen US-Dollar. 406 Milliarden entfielen dabei allein auf Zinszahlungen7 .

Besonders betroffen: die ärmsten Länder

  • Die 78 ärmsten Länder8 sind am stärksten belastet:
  • Ihre Schuldendienstkosten haben sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht.
  • Die reinen Zinszahlungen haben sich sogar vervierfacht.
  • Insgesamt zahlten sie schätzungsweise 36 Milliarden US-Dollar im Jahr 2023.

In den Jahren 2022 und 2023 haben externe Gläubiger zudem 535 Milliarden US-Dollar mehr an Schuldenzahlungen erhalten, als sie neue Kredite vergeben haben. Das bedeutet: Es fliesst mehr Geld aus diesen Ländern heraus, als neues hineinkommt9 . ChatGPT fasst die Situation folgendermassen zusammen:

  • Geldfluss der Länder des Nordens für die Länder des Südens pro Jahr: 200 bis 220 Milliarden USD10
  • Geldfluss vom Süden in den Norden: 400 bis 600 Milliarden USD.

Warum steigen die Schulden so stark?

Ein wichtiger Grund ist die weltweite Zinspolitik. Um die Inflation zu bekämpfen, haben grosse Zentralbanken ihre Leitzinsen deutlich erhöht. Dadurch wurden Kredite teurer – besonders für Länder mit hoher Auslandsverschuldung.

Die Geldpolitik der US-Notenbank spielt dabei eine zentrale Rolle. Viele ärmere Länder haben Schulden in US-Dollar aufgenommen. Steigen die Zinsen in den USA, erhöht das direkt ihre finanzielle Belastung11 .

Das Beispiel der Philippinen

Vom nationalen Budget 2025der Regierung in den Philippinen waren 13.8 Prozent für den Schuldendienst (Ausland- und Inlandschulden) bestimmt, nur 4.7 Prozent für den Gesundheitsdienst (öffentliche Spitäler, Gesundheitszentren und Gesundheitsaktivitäten, wie Impfungen, Familienplanung) und 15.4 Prozent für die öffentlichen Schulen und den eher wenigen öffentlichen Universitäten – die meisten «Colleges» und Universitäten sind privat, d.h. teuer und so für viele Familien unerschwinglich.

Diese 13.8 Prozent, die für den Schuldendienst verwendet werden, entsprechen 877 Milliarden Pesos. Es ist die Zahl, die die Regierung offiziell meldet. Es beinhaltet NICHT die Zurückzahlung von alten Schulden (Schuldentilgung). In Wirklichkeit betrug im Jar 2025 der Schuldendienst 2051 Milliarden Pesos12 . Die Schuldentilgung wird v.a. durch das Aufnehmen von neuen Schulden bewerkstelligt. Schrecklich!

Die Schuldentilgung wird v.a. durch das Aufnehmen von neuen Schulden bewerkstelligt.

Einige Kredite von früher sind zum Segen für die Bevölkerung geworden, andere aber zum Fluch. Ein Beispiel: Das Atomkraftwerk Bataan wurde in erster Linie durch eine Auslandsverschuldung in Höhe von 2,3 Milliarden Dollar finanziert, die während des Marcos-Regimes in den 1970iger Jahren aufgenommen wurde. Ein Teil des Geldes gelangte in private Taschen (Korruption). Das Atomkraftwerk wurde nie in Betrieb genommen, v.a. darum, weil es sich in der Nähe eines ruhenden Vulkans und seismischer Verwerfungslinien befindet. Die Schulden waren erst im Jahr 2007 vollständig zurückbezahlt und auch heute noch werden pro Jahr rund eine Million US-Dollar ausgegeben für die Instandhaltung des nutzlosen Gebäudes13 .

Folgen für die Bevölkerung

Rund 3,3 Milliarden Menschen leben in Ländern, die für den Schuldendienst mehr ausgeben als für die öffentlichen Schulen oder für das Gesundheitswesen14 . Besonders dramatisch ist die Situation in den 22 am höchsten verschuldeten Ländern, deren Auslandsverschuldung 200 Prozent der Exporteinnahmen übersteigt. In diesen Ländern kann sich mehr als die Hälfte der Bevölkerung – 56 Prozent im Durchschnitt – keine Ernährung leisten, die eine langfristige Gesundheit gewährleistet15 .

Rückgang der Gelder für den Süden

Im Jahr 2024 sank die Unterstützung der Länder des Nordens für den Süden um 7 Prozent und wird voraussichtlich noch weiter zurückgehen, da mehr als neun Geberländer, darunter die USA, Grossbritannien, Frankreich und Deutschland, für die kommenden Jahre erhebliche Kürzungen angekündigt haben.

Auswirkungen des verminderten Geldflusses für die Entwicklungszusammenarbeit

Eine wissenschaftliche Analyse zeigt: In den vergangenen 20 Jahren konnte Entwicklungszusammenarbeit Millionen von Todesfällen verhindern. Die Studie kommt zum Schluss, dass ein erhöhter Mitteleinsatz die Sterblichkeitsrate um 23 Prozent senken könnte. Die aktuelle Entwicklung geht jedoch in die entgegengesetzte Richtung: weniger Geld wird zur Verfügung stehen. Sollte sich die jüngsten Kürzungen der Mittel fortsetzen, schätzt die Studie, dass zusätzlich zwischen 6,2 und 12,6 Millionen Menschen im Zeitraum von 2025 bis 2030 sterben. Bei einer starken Reduktion der Gelder wären die Folgen noch gravierender: Dann rechnen die Forschenden mit 16 bis 29 Millionen zusätzlichen Todesfällen zwischen 2025 und 203016 .

Besonders deutlich zeigen sich die Folgen am Beispiel der United States Agency for International Development (USAID). Wissenschaftliche Schätzungen gehen davon aus, dass durch USAID-finanzierte Programme zwischen 2001 und 2021 rund 92 Millionen Todesfälle verhindert wurden. Im Hinblick auf den kürzlich erfolgten abrupten Stopp von USAID-Geldern wird geschätzt, dass bis zum Jahr 2030 zwischen 8,5 und 19,7 Millionen Menschen zusätzlich sterben könnten17 .

Die Christoffel Blindenmission berichtet Folgendes18 :

  • Die plötzliche Einstellung fast aller Finanzmittel für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe durch die USAID hat weltweit schwerwiegende Auswirkungen. Mindestens 120 Millionen Menschen in mehr als 100 Ländern sind direkt von der Einstellung der Finanzmittel betroffen, die im vergangenen Jahr 42 Prozent der weltweiten humanitären Finanzmittel ausmachten.
  • Ein Mitarbeiter der Blindenmission stellt entsetzt fest: “Ein ganzes System, das das Überleben von Menschen in Krisen- und Katastrophengebieten sicherstellt, kommt zum Erliegen.”
  • Im Sudan mussten Gemeinschaftsküchen, die Hunderttausende Menschen in Kriegsgebieten mit Lebensmitteln versorgten, schließen.
  • In der Ukraine stehen die Gemeinden an der Front ohne Brennholz da.

Das Tropeninstitut, wo ich arbeite, hatte von USAID ein Mandat erhalten, zusammen mit einer US-Organisation die Gesundheitsversorgung in der Ukraine zu stärken. Im Februar 2025 erzählte mir eine Arbeitskollegin, dass sie eben einen Telefonanruf aus den USA erhalten habe: das Geld für das Gesundheitsprojekt in der Ukraine würde sofort gestoppt. Ich erfuhr auch, dass ein von USAID finanziertes tansanisches HIV-Projekt des Tropeninstituts gestoppt werden musste.

Mangel an Geld ist nicht das einzige Problem

Dennoch ist Geldmangel nicht in allen Ländern der Hauptgrund für die minderwertige Gesundheitsversorgung. So berichtete ein Leiter des Gesundheitsdepartements der Philippinen, dass im Allgemeinen nur 60 bis 70 Prozent des bewilligten Gesundheitsbudgets eingesetzt, d.h. verbraucht werden19 . Nichtfinanzielle Engpässe – z.B. ein Mangel an Ärzten oder Misswirtschaft – können das gewichtigere Hindernis darstellen.

Reaktionen der Länder des Südens

Die Länder des Südens sind daran, sich auf die vermindernde Unterstützung von den Ländern des Nordens einzustellen. So sind in einigen Ländern Steuern auf Tabakprodukte und zuckerhaltige Getränke erhoben worden, was Geldzufluss bewirkt und den Gesundheitszustand der Bevölkerung verbessern kann.

Kürzlich unterhielt ich mich mit zwei erfahrenen Professoren des Tropeninstituts. Beide vertraten die Ansicht, dass der Rückgang der Mittel aus dem Norden nicht nur negative Folgen haben müsse. Sie beobachten in mehreren Ländern des Südens eine wachsende Bereitschaft, selbst mehr Verantwortung zu übernehmen und die für eine gute Entwicklung notwendigen finanziellen Mittel vermehrt im eigenen Land zu mobilisieren.

Eine meines Erachtens dringende ergänzende Massnahme wäre ein weitreichender Schuldenerlass für hoch verschuldete Länder. Bereits im Jahr 2000 gab es – unter anderem mit Bezug auf Levitikus 25 (3. Mose 25) – einen internationalen Aufruf zum Schuldenerlass für ärmere Staaten. Im Jahr 2025 griff Papst Franziskus diese Forderung erneut auf. In seiner Jubiläumsbulle Spes Non Confundit („Die Hoffnung enttäuscht nicht“) rief er die wohlhabenden Nationen dazu auf, die „ungerechten und unbezahlbaren“ Schulden ärmerer Länder zu erlassen. Er bezeichnete einen solchen Schuldenerlass als notwendigen Schritt hin zu sozialer, wirtschaftlicher und wiedergutmachender Gerechtigkeit.

Zusammenfassung und Fazit

  • Regierungen der Länder des Südens stehen pro Kopf ihrer Bevölkerung zigmal weniger Geld zur Verfügung als Regierungen der Länder des Nordens
  • Die Schulden der Länder des Südens, zum Teil durch zwielichtige Projekte entstanden, sind über Jahrzehnte gewachsen auf zurzeit rund 9 Billionen Dollar. Der Schuldendienst – Zinsen und Schuldentilgung – bewirkt, dass viele Länder des Südens mehr Geld in den Norden schicken, als sie vom Norden empfangen.
  • Wir gehören zu einem Gott der Gerechtigkeit. Sollte sich der Leib Christi nicht mehr Gedanken zur Problematik machen und aktiver werden, was diese und andere Bereiche von Armut und Ungerechtigkeit betrifft?

1. Wir benutzen hier meist den Ausdruck “Länder des Südens”. Andere Ausdrücke dafür sind “Entwicklungsländer” (mehr Länder sind dabei, wenn man von Entwicklungs- und Schwellenländern spricht) und „Zwei-Drittel-Welt”. Die Weltbank benutzt den Ausdruck “Low- and middle-income countries”.

2. Berechnungen vom Autor. Hauptquellen: (i) https://www.imf.org/external/datamapper/rev@FPP; (ii) https://data.worldbank.org/indicator/NY.GDP.MKTP.CD

3. Link: https://www.myjoyonline.com/ghana-spent-nearly-half-of-revenue-on-debt-servicing-in-5-years

4. Wert aller Waren und Dienstleistungen, die in einem Jahr innerhalb der Landesgrenzen einer Volkswirtschaft produziert werden

5. Andere Länder des Nordens machen dies ebenfalls – ein buchhalterischen Trick, um besser dazustehen.

6. World Bank. International Debt Report 2025. https://openknowledge.worldbank.org/server/api/core/bitstreams/b097dece-76e1-4f68-a74b-79f0a9f0e8e9/content

7. World Bank. International Debt Report 2024. https://openknowledge.worldbank.org/bitstreams/9b3d960c-5f6e-4100-82bc-46d72d4602ad/download

8. 78 der ärmsten Länder der Welt haben Anspruch auf Mittel der Internationalen Entwicklungsorganisation (IDA). Die IDA ist der konzessionäre Kreditgeber der Weltbank, der finanzielle Unterstützung in Form von zinslosen oder sehr niedrig verzinslichen Darlehen (sogenannten „Krediten“) oder in Form von Zuschüssen (“Geschenken” – rund 20% des Geldes der IDA) gewährt. Im Geschäftsjahr, das am 30. Juni 2025 endete, beliefen sich die Verpflichtungen der IDA auf insgesamt 33,8 Milliarden US-Dollar (https://ida.worldbank.org/en/ida-financing).

9. Link: https://www.undp.org/press-releases/ballooning-debt-service-payments-poorest-countries-reach-alarming-levels-undp-warns

10. Man sollte beachten, dass nicht die ganzen 200-220 Milliarden in den Süden fliessen: ein Teil dieses Geldes bleibt in den Ländern des Nordens: v.a. Geld fürs Asylwesen (oben erwähnt), Schuldenerlasse, und Löhne sowie Unkosten für “Experten” des Nordens, welche Regierungen oder staatliche Organisationen, z.B. das Gesundheitswesen, beraten (was oft von fraglichem Wert ist).

11. Link: https://www.srf.ch/news/wirtschaft/rekordsumme-viele-entwicklungslaender-leiden-unter-hoher-schuldenlast

12. Link: https://hronlineph.com/2024/12/19/statement-pmcj-on-the-2025-philippine-national-budget

13. Hauptquelle: https://debtjustice.org.uk/countries/philippines

14. Link: https://data.one.org/analysis/net-financing-flows-remain-low

15. Link: https://www.worldbank.org/en/news/press-release/2025/12/03/developing-countries-debt-outflows-hit-50-year-high-during-2022-2024

16. Andrea Ferreira da Silva et al. Lancet Global Health 2026: https://doi.org/10.1016/S2214-109X(26)00008-2

17. Daniella Medeiros Cavancalti et al, Lancet 2025: https://doi.org/10.1016/S0140-6736(25)01186-9

18. Link: https://www.cbm.org/news/news-articles/2025/usaid-aid-cuts.html

19. Link: https://ahpsr.who.int/newsroom/news/item/26-05-2025-navigating-health-financing-cliffs-charting-a-path-forward

Foto von Naveed Ahmed auf Unsplash

5. März 2026/0 Kommentare/von Christian Auer
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/03/naveed-ahmed-x8S8CuYs5Yw-unsplash-scaled-e1772740341359.jpg 1694 1694 Christian Auer https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Christian Auer2026-03-05 20:55:022026-05-22 12:34:55Nächstenliebe auch für einkommensschwache Länder!?

Nein zur SRG-Halbierungsinitiative

Dossier: Informationsmacht, Dossiers, Gerechtigkeit, Gesellschaft, Politik, Soziales
Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

Am 8. März gelangt die SRG-Initiative zur Abstimmung. Statt der heutigen 335 soll die SRG für die Nutzerinnen und Nutzer nur noch 200 Franken kosten. Diese Beschneidung der Gebühren heisst, die Informationsmacht den Milliardären und deren Medienkonzernen zu überlassen.

Der Rückgang der Demokratie in allen Weltregionen hat auch mit der Polarisierung der Information durch Medienkonzentrationen und den Algorithmen des Internets zu tun. In diesem Zusammenhang ist die Aufrechterhaltung einer zuverlässigen Informationsquelle mit grosser Reichweite wie der SRG entscheidend. Denn die Demokratie braucht Wahrheit und ausgewogene Information.

Nehmen Geld und Ideologien von Reichen in den Medien überhand?

  • In den letzten Jahrzehnten ist die Anzahl vor allem regionaler Zeitungen in der Schweiz gesunken, grösstenteils durch Fusionen und Aufkäufe. Die verbleibenden konzentrieren sich in immer weniger Besitzerhänden und werden teilweise von Milliardären aufgekauft und zusammengelegt.
  • Tamedia besitzt fast 50 Prozent am Schweizer Zeitungsmarkt
  • AZ/NZZ halten fast 20 Prozent in der Deutschschweiz
  • Ringier und mit ihm der Axel Springer-Verlag konzentrieren ebenfalls einen grossen Teil
  • Als erster Milliardär hat Tito Tettamanti im Jahr 2001 den Jean Frey-Verlag gekauft und dessen Weltwoche umgepolt. Darauf folgte im Jahr 2010 die Basler Zeitung (BaZ), die trotz Christoph Blochers Dementi in dessen Hände gelegt worden ist. Im Jahr 2018 verkaufte Blocher die BaZ an Tamedia, erhielt aber dafür eine ganze Reihe von Gratis-Wochenblättern, die nun wöchentlich über eine halbe Million Haushalte erreichen und weitgehend SVP-Propaganda transportieren.

Unter diesen Bedingungen ist die Medienlandschaft in den letzten Jahrzehnten weiter nach rechts gerückt. Davon sind auch christliche Medien betroffen. Auch sie sind von grossen Spendern und deren Meinung abhängig. Einzelne Stimmen meinen, dies sei gut so, denn die Medien seien ja meist links gewesen. Der von verschiedenen Kreisen gerne gepflegte Mythos, dass die Medien links seien, hält wissenschaftlichen Analysen nicht stand: Eine Untersuchung der Uni Zürich zwischen 2018 und 2023 zeigt einen Pik um die Mitte herum mit Ausreissern nach links und nach rechts. Auch SRF ist offenbar nicht links. Zudem zeigt die regelmässige Auswertung der Uni Zürich zur Berichterstattung zu Initiativen und sonstigen Abstimmungen, dass linke Anliegen in der Regel nicht besser wegkommen. Aber ist nicht die Mehrheit der Journalistinnen und Journalisten «links»? Eine Umfrage der ZHAW scheint dem Recht zu geben. Doch offenbar entscheiden die Verleger und nicht die Journalisten, in welche Richtung es geht. Der Richtung der Medien ist offenbar eher liberal als konservativ, aber genauso rechtsliberal wie linksliberal.

Ein Blick ins Ausland, wo das hinführen kann

Andere Länder sind diesbezüglich bereits einen Schritt weiter:

  • In Grossbritannien haben Rupert Murdoch und andere Rechtskonservative bereits in den 70-er-Jahren zahlreiche Medien aufgekauft und mit ihrer Propaganda erfolgreich für die Wahl von Margaret Thatcher und ihrer Desolidarisierungsideologie Propaganda gemacht.
  • In Frankreich hat Vincent Bolloré in den letzten 20 Jahren eine ähnliche Stellung wie Murdoch aufgebaut, dazu die Familien Dassault und Pierre-Edouard Stérin. Es gibt mehrere Studien, die die Medienkonzentration in Frankreich untersuchen. Libération fasst die Situation wie folgt zusammen: Im Februar 2022 entfielen 81 Prozent der nationalen Tageszeitungsverkäufe, 95 Prozent der Wochenzeitungen mit allgemeinem Interesse, 47 Prozent der Radiohöreranteile und 57 Prozent der Fernsehzuschaueranteile auf 11 Milliardäre. Unter den Milliardären, die den Medienmarkt dominieren, sticht Vincent Bolloré besonders hervor. Diese Konzentration hat zu einem noch stärkeren Aufschwung der rechtskonservativen Bewegungen als sonst in Westeuropa geführt.
  • In den USA ist der Prozess der Medien-Fusionen und der Ausdünnung der lokalen Berichterstattung schon länger im Gange. Heute können sich nur noch Milliardäre Medien leisten. Diese üben heute ihren Einfluss auch stärker aus: So hat Jeff Bezos von Amazon die früher eher linke Washington Post aufgekauft und 2025 verstärkt kritische Berichterstattungen blockiert. In den letzten Jahren sind Persönlichkeiten dazu übergegangen, bei missliebigen Artikeln Millionenklagen gegen das entsprechende Medium (Weaponized Lawsuit) anzustreben, was einen sogenannten «Chilling Effect», also eine Selbstzensur, zur Folge haben kann. Präsident Trump hat diesen Druck durch zahlreiche Milliardenklagen, Drohungen und gesetzliche Massnahmen noch massiv erhöht. Dadurch musste CBS an einen seiner Freunde verkauft werden. Dessen höchst erfolgreiche Satiresendung mit Trump-Kritiker Stephen Colbert wird im Mai 2026 eingestellt werden.

Im Rahmen des Ziels, die Gegner zum Schweigen zu bringen, wurde auch die Finanzierung der öffentlichen Fernsehsender in den USA eingestellt. Dies zeigt eine Parallele zur Schweiz, wo die SRG-Initiative auch aus der Partei kommt, die Trump am nächsten steht (und deren Überväter Blocher und Köppel Trump-Sympathisanten sind).

Es braucht unabhängige Medien gegen Propaganda

Gleichzeitig informieren sich mehr Menschen im Internet und treffen dort oft auf die Informationen und Algorithmen, die im Besitz von Milliardären wie Mark Zuckerberg und Elon Musk mit ihren teilweise rechtsextremen Propaganda-Absichten sind. Sie lassen auch ganz offen Falschinformationen, Verleumdungen und Hasspropaganda freien Lauf. Wir sind aus einem Informations- in einem Desinformationszeitalter angekommen.

In dieser Zeit mit wachsenden Spannungen und gesellschaftlicher Polarisierung braucht es Medien, die noch genügend Zeit für gut recherchierte und nicht von Interessen gesteuerte Berichte haben, die wie die SRG in Wahlkämpfen eine ausgeglichene Präsenzzeit aller Parteien einhalten müssen und die Faktenchecks korrekt durchführen. Denn wenn nur noch bestimmte Interessen verfolgt werden, dann herrscht Propaganda und nicht Wahrheit. Dies muss uns Christinnen und Christen, die wir die Wahrheit hochhalten, dazu motivieren, nein zu dieser Initiative zu sagen.

Dabei wird manchmal gesagt, die SRG sei «vom Staat gesteuert» und mache Staatspropaganda. Solche Vorwürfe entstehen aus Verschwörungstheorien und der Angst vor einem allmächtigen Staat, was auch von den an grösseren Freiheiten interessierten Wirtschaftskreisen gefördert wird, die an grösserer Freiheit interessiert sind. Denn «der Staat» ist in der Schweiz nicht links, wie das die Mehrheiten im Bundesrat und der Bundesversammlung zeigen. Zudem hat er viel weniger Macht als in anderen Ländern und erst recht kaum Einfluss auf die Inhalte des Fernsehprogramms. Dies ganz im Gegensatz zu den oben genannten Beispielen der Medien, die von Milliardären finanziert werden. Genau darum geht es bei der Abstimmung am 8. März 2026. Lassen wir uns durch die Reduktion der Fernsehgebühr um 135 Franken ködern?

Foto von Ajeet Mestry auf Unsplash

2. Februar 2026/0 Kommentare/von Markus Meury
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/02/ajeet-mestry-UBhpOIHnazM-scaled.jpg 1440 2560 Markus Meury https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Markus Meury2026-02-02 14:32:042026-06-01 16:03:15Nein zur SRG-Halbierungsinitiative

Hoffnung ja, aber welche?

Gerechtigkeit, Gesellschaft, Politik, Soziales, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 5 min

Vor einem Jahr entstand das Thema des neuen Fastenbegleiters „Wo Ohnmacht Hoffnung entfacht“. Damals war nur in Umrissen erkennbar, dass das Vakuum einer „guten“ Zukunft nach dem Schwinden der Klimabewegung von religiösen Bewegungen gefüllt würde. Dabei wird behauptet, dass die „neue“ Hoffnung unpolitisch daherkomme, jedoch hochpolitisch sei. Ungewollt setzt der neue Fastenbegleiter einen Kontrapunkt – und wird als ökumenisches Projekt selbst zur stillen Antwort auf das vermeintlich Machbare.

Für manche gibt es neue Hoffnungszeichen: So hört man etwa aus Frankreich, dass die Zahl der Erwachsenentaufen in der katholischen Kirche steigt.1 In England ist sogar von einer stillen Erweckung die Rede.2 Das mag durchaus erfreulich sein. Doch Hand aufs Herz: Warum freuen sich die einen über solche Nachrichten – und weshalb beängstigen sie andere, wie z.B. Menschen, die mit dem Glauben wenig anfangen können?

Ich betrachte diese Kunde zwiespältig. Seit einigen Jahren wird der Begriff „Hoffnung“ inflationär gebraucht, etwa als Konferenztitel. In den jüngeren Entwicklungen zeichnen sich grob zwei Stossrichtungen ab: Die pragmatische Seite freut sich, dass sich fast wie von selbst eine „Erweckung“ auszubreiten scheint. Manchmal entsteht der Eindruck, sie löse Probleme, die mit dem Menschsein verbunden sind, wie Armut automatisch. Die intellektuellere Richtung richtet sich gegen Säkularismus und Atheismus, mitunter verbunden mit leiser Genugtuung über das Scheitern des „gottlosen“ Projekts.

Beide Strömungen vereint der Wunsch nach einer guten Zukunft, in der Wohlstand durchaus eine Rolle spielt. Die gute Zukunft würde jene dunklen Zeiten überwinden, in denen wir uns im Moment im Hier und Jetzt befinden.

Mich beängstigt weder die Glaubensferne vieler noch die plötzliche Hinwendung anderer. Sorge macht mir vielmehr, dass diese „neue“ Hoffnung wohl eine Realitätsflucht ist, sich indirekt auf die eigene Stärke konzentriert und am Ende uns nicht trägt. In der Vergangenheit – ob von säkularer oder kirchlicher Seite – wurden angestrebte Ziele oft nicht realisiert, obwohl die Konzepte atemberaubend waren.

Hoffen oder machen?

Diese „neue“ Hoffnung erwartet die Stadt kaum vom Himmel (Offb 21,2), auch wenn Parallelen locken. Die Stadt in der Offenbarung, die vom Himmel kommt, ist ein Bild für Hoffnung. Es ist keine Hoffnung, die gemacht werden kann, sondern eine, die auf uns zukommt. Sie hebt uns nicht in den Himmel, sondern trägt unseren oft mühseligen Alltag. Dagegen wirkt die neue Hoffnung wie ein baldiger Siegeszug. Sie träumt kaum von einem Tierfrieden (Jes 11,6-8), eher von Erneuerung, Fortschritt, Reformation.

Die Frage bleibt: Geht es wirklich um Vertrauen auf Gott – oder darum, selbst das Reich Gottes aufzurichten, um eine gute Zukunft zu erreichen?

Neue Aktivistinnen und Aktivisten

Die neue Hoffnung ist hochpolitisch, auch wenn sie „unpolitisch“ wirkt. Nach dem Ende des Kalten Krieges glaubte man, die Welt könne friedlich sein, in der genug für alle ist. Die Angst vor Atomkrieg verschwand fast über Nacht. Doch dieser Traum entpuppte sich als trügerisch: Klimakrise, Artensterben und geopolitische Spannungen nahmen zu.

Dynamische Plattformen wie Facebook, die Menschen weltweit vernetzen sollten, haben sich zu einem starren Machtklumpen verwandelt. Gleichzeitig formen ehemalige Geheimdienstler autokratische Staaten und schalten kritische Stimmen aus – während andere Mächte zusehen. Das nährt Angst um die eigene Sicherheit.

Vertreterinnen und Vertreter dieser neuen Hoffnung haben einen Hang zu aktivistischer Ausrichtung.3 Dabei sind ihrer Vorgängerinnen und Vorgänger, etwa die Klimabewegung, nicht mehr en vogue. Das Vakuum der Zukunftshoffnung wird von diesen neuen Aktivistinnen und Aktivisten gefüllt. Die Parallelen sind dabei verblüffend ähnlich: Schon ihre Vorgänger träumten von einer guten Zukunft, in der die Enkelkinder genug vorfinden.

Geht es doch um Politik?

Auf die Bevölkerung gesehen, tangiert diese Hoffnung nur einen kleinen Teil. Viele wollen sich nicht mit geopolitischen Fragen befassen, andere fragen sich, wohin wir steuern. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist es auf westlichem Boden, mit Ausnahme der Balkankriege, weitgehend friedlich geblieben. Das Völkerrecht und andere Abkommen schufen Stabilität. Zwar wurden sie oft aufgrund von Eigeninteressen gewieft ausgetrickst, dennoch dienten sie als Leitlinie.

Doch die Ordnung, auf der diese Stabilität beruhte, war von Beginn an ambivalent. Sogenannte Hilfe für andere Staaten diente oft den Interessen des eigenen Staates, etwa um langfristig Märkte zu erschließen. Obwohl schon immer das Gesetz des Starken galt, haben sich Staaten dennoch Regeln gegeben – Regeln, die nun zunehmend unterlaufen werden. Heute sind „Hilfe“ und „nationale Sicherheit“ zu völlig entleerten, beinahe absurden Begriffen geworden – Zynismus kann ein Mittel sein, um mit einer solchen Politik klarzukommen.4 Kein Wunder also, dass manche keine Geduld mehr für politische Prozesse aufbringen und auch nicht länger mühsam gemeinsame Ziele aushandeln wollen. Hoffnung jenseits der Politik ist indirekt aber genauso politisch.

Gemeinsam Ohnmacht aushalten

Eine bessere Option ist für mich aber die Freundschaft: den Anderen auszuhalten, auch bei völlig divergierenden Vorstellungen vom Leben. Was verbindet, ist der gemeinsame Weg, nicht der Sieg oder die Optimierung von Ressourcen. Freundschaft erlaubt es, nicht die Macht, sondern die „Ohnmacht“ zu wählen – z.B. gemeinsam für die Schöpfung einzustehen, auch wenn andere weiterhin von Termin zu Termin fliegen.

Ein Beispiel für ein derartiges Projekt ist der neue Fastenbegleiter Ohnmacht, die Hoffnung entfacht.5 Menschen, die bisher kaum zusammenfanden, haben dieses Projekt gemeinsam gestaltet. So kommen römisch-katholische, reformierte, freikirchliche bis hin zu pfingstlichen Traditionen zusammen und schrieben an diesem Gefühl und vielleicht auch an der faktischen Erfahrung des Nicht-Machbaren. Dieses Erproben dieser gemeinsamen Idee entspricht ganz dem Ansatz von Ivan Illich:6

„Die einzige Möglichkeit liegt jetzt darin, dass wir diese Berufung als die des Freundes begreifen. Auf diese Weise kann sich die Hoffnung auf eine neue Gesellschaft ausbreiten. Dies kann nicht eigentlich mit Worten geschehen, sondern durch kleine Handlungen närrischer Entsagung.“

Wo lassen sich heute Freunde finden, die vor allem ihre Berufung im Freundsein sehen und sich gemeinsam auf den Weg begeben und ganz im Moment leben, statt sich von der Zukunft treiben lassen?


1. NZZ, Eine Sehnsucht nach Transtendenz und Tradition: Warum immer mehr junge Franzosen in die katholische Kirche eintreten, o.S, online unter: https://www.nzz.ch/international/warum-immer-mehr-junge-franzosen-sich-der-katholischen-kirche-zuwenden-ld.1916592, abgerufen am 21. Januar 2026.

2. Das war die Grundbotschaft von Dan Blythe, Leiter Youth Alpha aus England, im Referat an der Explo 2025.

3. Auf die Spitze getrieben und als kollektive Erinnerung bleibt Charlie Kirk. Zwar ist dieses Extrembeispiel nicht repräsentativ für die beschriebene Atmosphäre dieser „neuen“ Hoffnung, wie sie etwa Dan Blythe in seinem Referat implizierte, doch es verdeutlicht, wie breit und facettenreich diese „neue“ Hoffnung aufgegriffen wird.

4. Das endgültige Fanal der „neuen“ Politik ist die Gefangennahme von Nicolás Maduro. Es steht zu befürchten, dass der Damm des Völkerrechts nun unaufhaltsam Risse bekommt und ins Wanken gerät. Kaum jemand weint Maduro eine Träne nach, der Menschenrechte grob verletzt und viele eingesperrt und gefoltert hat. Aber den USA geht es sicher nicht um das venezolanische Volk, sondern um das Öl. Exemplarisch sind die Äusserungen der USA zu nennen: «Dieses Öl wird zu seinem Marktpreis verkauft, und das Geld wird von mir als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika kontrolliert, um sicherzustellen, dass es zum Wohl des venezolanischen Volkes und der Vereinigten Staaten verwendet wird», vgl. SWI, Trump sichert sich Zugriff auf Venezuelas Öl-Milliarden, o.S., online unter: https://www.swissinfo.ch/ger/trump-sichert-sich-zugriff-auf-venezuelas-%C3%96l-milliarden/90734940, abgerufen am 21. Januar 2026.

5. Exemplarisch könnte auch die Explo genannt werden, die ein ganz anderer Kreis von unterschiedlichen Menschen zusammenbringt, die sonst kaum miteinander reden würden.

6. Ivan Illich, In den Flüssen nördlich der Zukunft. Letzte Gespräche über Religion und Gesellschaft mit David Cayley. 2006, 196.

Dieser Artikel erschien zuerst auf StopArmut.

Der Fastenbegleiter 2026 von StopArmut „Wo Ohnmacht Hoffnung entfacht“ kann entweder digital oder als Heft hier bestellt werden.

31. Januar 2026/0 Kommentare/von Lukas Gerber
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/01/Fastenbegleiter-Blog.png 783 1500 Lukas Gerber https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Lukas Gerber2026-01-31 11:22:282026-01-31 14:00:29Hoffnung ja, aber welche?

Begegnung jenseits der Unterschiede

Gerechtigkeit, Gesellschaft, Nächstenliebe, Soziales
Lesezeit / Temps de lecture ~ 6 min

Ein gastfreundschaftlicher und hilfsbereiter Umgang mit dem Fremden ist tief in der jüdisch-christlichen Tradition verwurzelt, wie zahlreiche Bibelstellen belegen. Es ist aber kein Geheimnis, dass Vorurteile, Misstrauen oder Angst diese biblische Tradition torpedieren. Aktuelle Forschungen zeigen jedoch, dass Interkulturelle Kompetenz ein Entwicklungsprozess ist, der durch die Bereitschaft zur Begegnung befördert wird.

Fremdes, vom eigenen Kultur- und Erfahrungskreis Abweichendes, nehmen Menschen seit jeher häufig als Herausforderung oder gar Bedrohung wahr. Solche Reaktionen sind grundsätzlich verständlich, können aber nicht zuletzt Unrecht gegenüber Mitmenschen begünstigen. Wir wissen heute ebenfalls, dass Menschen nicht nur durch die Andersartigkeit fremder Menschen, sondern auch durch eigene Persönlichkeitsanteile, die ihnen an sich fremd erscheinen, herausgefordert werden können. Wir können uns manchmal selbst fremd sein und eigene Wesenszüge, Haltungen oder Handlungen nicht gänzlich verstehen. Schliesslich fällt es manchen Menschen beispielsweise aufgrund ihrer extrovertierten Natur leichter, offen und unvoreingenommen auf Fremde zuzugehen, während andere aufgrund ihrer Persönlichkeit und Prägung generell zurückhaltender in sozialen Interaktionen sind. Kurz: Der Umgang mit den uns fremden Mitmenschen hat viel mit uns selbst zu tun.

Gastfreundschaft und Fürsorge in der christlichen Tradition

Die Forderung, anderen fürsorglich und gastfreundlich zu begegnen, hat insbesondere eine lange jüdisch-christliche Tradition. Schon im Alten Testament wird ein gerechter und freundlicher Umgang mit Menschen aus fremden Kulturen verlangt, zum Beispiel: «Einen Fremden sollst du nicht ausbeuten. Ihr wisst doch, wie es einem Fremden zumute ist; denn ihr selbst seid im Land Ägypten Fremde gewesen» (Exodus 23,9, Einheitsübersetzung, 2017). Die eigene Geschichte von Flucht, Fremdheit und Abhängigkeit soll sensibel machen für die Situation anderer. Damit verbindet sich die Überzeugung, dass jedem Menschen unabhängig von seiner Herkunft eine besondere Würde zukommt.

Ähnliche Forderungen finden sich auch im Neuen Testament. Zum Beispiel werden die christlichen Gemeinden angehalten: «Seid untereinander gastfreundlich, ohne zu murren» (1. Petrusbrief 4,9, Einheitsübersetzung, 2017)! In einem Brief an Christen, die ihrerseits wegen ihrem Glauben stark unter Druck standen, wurde sogar gesagt beziehungsweise in einem Brief geschrieben: «Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt» (Hebräerbrief 13,2, Einheitsübersetzung, 2017)! Hier klingen nicht zuletzt alttestamentliche Geschichten an, die von eigenen Erfahrungen des Fremdseins oder Begegnungen von Menschen mit Engeln respektive Boten von Gott erzählen. Von Abraham wird beispielsweise berichtet, dass er drei solche Boten Gottes als Gäste empfing (Genesis 18). Einer der Boten wird traditionellerweise als Repräsentant von Gott selbst interpretiert. Die Boten versprachen Abraham die Geburt seines Sohnes Isaak. Die Offenheit gegenüber uns bekannten, aber auch unbekannten Menschen wird auf eine quasi übernatürliche, spirituelle Stufe gehoben. Fremde gastfreundlich aufzunehmen, ist nicht nur ethisch gefordert, sondern ermöglicht unter Umständen eine besondere Gotteserfahrung. Das Neue Testament vertieft diesen Zusammenhang und spitzt ihn zu. Ausgangspunkt ist die fürsorgliche Nächstenliebe gegenüber dem Fremden in Not, unabhängig von ethnischen oder religiösen Bindungen. Viele denken zunächst an das Gleichnis des barmherzigen Samariters (Lukasevangelium 10,25–37). Der fremde Andersgläubige hilft selbstlos einem Menschen in aussichtsloser Lage und dient dabei als Kontrast zu religiösen Zeitgenossen, die den Notleidenden im Stich lassen.

Andere erinnern sich vielleicht an den pointierten Text im Matthäusevangelium (25,31–46). Auch hier zieht Jesus die Fürsorge für die in Not Geratenen zum Vergleich heran. Gastfreundschaft und Fürsorge werden zu einer religiösen Verpflichtung, denn im Umgang mit dem Fremden entscheidet sich zugleich die Treue zu Gott. Die Behandlung von Hungrigen, Durstigen und Fremden wird zum Kriterium des Heils. Im Fremden ist Christus selbst gegenwärtig: «Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen» (Vers 35). Wer sich seinen Mitmenschen wissentlich oder unwissentlich barmherzig zuwendet, wird in die ewige Gemeinschaft mit Gott eingeladen. Wer Hungrigen zu essen und Durstigen zu trinken gibt, Bedürftige mit Kleidern versieht, Fremde wohlwollend aufnimmt, Kranke und Gefangene besucht, bestätigt seinen aufrichtigen Glauben an Gott.

Gastfreundschaft und Nächstenhilfe gegenüber anderen sind somit als Barmherzigkeit gegenüber Gott selbst zu verstehen (Vers 40). Der barmherzige Umgang mit dem Nächsten gilt schliesslich als Folge der Barmherzigkeit Gottes.

Von Integration zu Inklusion und Teilhabe

Die biblischen Texte stammen aus Kulturen, in denen Gastfreundschaft, menschliche Begegnung und zwischenmenschliche Beziehungen bis heute einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert besitzen. Auch in westlichen Gesellschaften gilt der achtsame Umgang mit dem Nächsten und dem Fremden als zentraler Wert – insbesondere die karitative Unterstützung von Menschen in Not. Dass Gastfreundschaft und Nächstenliebe jedoch durch Vorurteile, Misstrauen oder die Angst vor Missbrauch eingeschränkt werden können, ist kein Geheimnis. Dass Kontakte, Begegnungen oder sogar Freundschaften zu Personen aus uns fremden (Sub-)Kulturen vorhandene Vorbehalte und Vorurteile abbauen können, ist aus der aktuellen Forschung ebenfalls bekannt. In der öffentlichen Diskussion wird das Thema Migration traditionell vor allem mit Integration verknüpft. Menschen aus anderen Kulturen sollen die Sprache des Aufnahmelandes lernen und sich umfassend anpassen. Inzwischen ist jedoch weithin anerkannt, dass echte Teilhabe «beide Seiten» erfordert: Auch die Mehrheitsgesellschaft muss sich öffnen, um Minderheiten Raum zu geben. Der Inklusionsbegriff betont diesen wechselseitigen Prozess und verweist im Sinne der Menschenrechte darauf, dass sich auch die Gesellschaft selbst zugänglich und veränderungsbereit zeigen sollte. Eine blosse Optimierung bestehender Angebote reicht dafür nicht aus – gefordert ist ein grundlegender Systemwechsel. Dass solche Veränderungen gesellschaftliche Spannungen nicht automatisch verringern, ist bekannt; ebenso, dass sie langfristig die Chancen für nachhaltige Teilhabe erhöhen. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass der Inklusionsgedanke zunehmend auch auf Fragen von Asyl und Migration angewendet wird. Diese Perspektive auf Inklusion und Teilhabe macht deutlich, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht allein durch strukturelle Reformen entsteht, sondern wesentlich von der inneren Haltung der Beteiligten getragen wird. Inklusion beginnt dort, wo Menschen bereit sind, ihre Wahrnehmung des anderen zu hinterfragen und die eigene Position im Gefüge von Nähe und Fremdheit reflektiert zu betrachten. Genau an dieser Schnittstelle setzt die interkulturelle Sensibilität an.

Interkulturelle Sensibilität nutzen

Die zeitgenössische kulturwissenschaftliche Forschung (u. a. Kumar Yogeeswaran; Hall) weist darauf hin, dass Menschen nicht einer einzigen Kultur angehören, sondern sich zugleich in mehreren kulturellen Bezugsrahmen verorten. Eine Person kann sich einer Glaubensgemeinschaft zugehörig fühlen, Mitglied eines Sportvereins mit eigenen Normen und Werten und Teil einer Familie mit einer ausgeprägten kulturellen Identität sein. Gleichzeitig teilen Menschen umfassendere kulturelle Zugehörigkeiten wie nationale und sprachliche Kontexte. Diese sogenannte kulturelle Pluralität bildet eine zentrale Grundlage für das Verständnis von kultureller Selbstüberschätzung und der Gefahr vereinfachender Zuschreibungen. Nicht selten begegnen wir Menschen, die wir aufgrund eines einzelnen kulturellen Merkmals – etwa der ethnischen Herkunft – zunächst als «sehr anders» wahrnehmen, um später festzustellen, dass wir im selben Dorf leben, an denselben Feste dabei sind und dieselben Filme sehen. Was auf den ersten Blick fremd erscheint, erweist sich im Alltag oft als überraschend vertraut. «Fremd» mag mir ein Gegenüber aufgrund äusserlicher Merkmale erscheinen, Vertrautes finde ich jedoch in seinen Werten und Prinzipien. Erfahrungen zeigen zudem, dass die eigene Toleranz gegenüber Unterschieden wächst, wenn Menschen interkulturelle Begegnungen selbst initiieren oder diese unter Bedingungen stattfinden, die sie als sinnvoll und bereichernd erleben. Daraus wird deutlich: Kulturelle Sensibilität ist keine feste Eigenschaft, sondern ein situationsabhängiger Prozess. Die Entwicklung interkultureller Kompetenz setzt daher die bewusste Wahrnehmung jener Momente voraus, in denen die eigene Offenheit schwindet, ebenso wie die reflektierte Auseinandersetzung mit den Gründen dafür. In diesem Zusammenhang bietet das von Milton J. Bennett entwickelte Developmental Model of Intercultural Sensitivity (DMIS) einen tragfähigen theoretischen Bezugsrahmen, um zu verstehen, wie Menschen kulturelle Unterschiede wahrnehmen, deuten und mit ihnen umgehen. Das Modell beschreibt interkulturelle Kompetenz als einen Entwicklungsprozess, in dem sich Weltbilder schrittweise von ethnozentrischen hin zu zunehmend ethno-relativen Perspektiven entfalten. Durch die Verortung von Individuen und Gruppen entlang dieses Entwicklungsverlaufs ermöglicht das DMIS die Gestaltung gezielter, entwicklungsgerechter Lern- und Interventionsprozesse. In Bildung, Beratung und Organisationsentwicklung kann das Modell dazu beitragen, die Entfaltung differenzierter, anpassungsfähiger und inklusiver Formen interkultureller Begegnung systematisch zu fördern.

Wichtige Merkpunkte

Was lässt sich aus der christlichen Tradition und den geschichtlich gewachsenen interdisziplinären Errungenschaften für unseren persönlichen gesellschaftlichen Umgang mit Fremden lernen? Wir beschliessen den kurzen Streifzug mit wenigen Merkpunkten.

  1. Ein gastfreundschaftlicher und hilfsbereiter Umgang mit dem Fremden ist tief in der jüdisch-christlichen Tradition verwurzelt. Nächstenliebe ist damit eine Sache des Herzens, die sich allerdings in einer entsprechenden Handlungsweise äussert.
  2. Eine offene und verantwortungsvolle Haltung gegenüber Menschen aus fremden Kulturen ist Ausdruck einer lebendigen Spiritualität und barmherzigen religiösen Praxis – auch einer gemeinschaftlich gelebten. Die Kirche steht als Advokat der besonders Verletzlichen grundsätzlich auch auf der Seite der Fremden, besonders denen in existenzieller Not und ohne ausreichenden gesellschaftlichen Schutz.
  3. Bereits mit dem Verweis auf die biblischen Texte und christliche Tradition ist zu betonen, dass der Umgang mit Fremden strukturiert und verantwortungsvoll gestaltet werden muss. Alle Menschen sind in gewisser Weise Fremde. Versöhnung, Respekt sowie gerechte Bedingungen für das Leben in der Fremde sind eine universale gesellschaftliche Aufgabe.
  4. «Fremd» ist neu zu denken: Nicht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie oder Kultur macht einen Menschen fremd, sondern die Abwesenheit von Neugier, Respekt und der Bereitschaft zur Begegnung. Gemeinschaft entsteht dort, wo Menschen auf der Grundlage geteilter Lebenswirklichkeiten, gemeinsamer Praxis und einer offenen Haltung Verbindung aufbauen – nicht dort, wo sie in vereinfachenden kulturellen Zuschreibungen verharren. Unterschiede werden nicht zur Abgrenzung genutzt, sondern als Einladung verstanden, Gemeinsamkeit in wertschätzender Neugier zu suchen.
  5. Eine wertschätzende Gemeinschaft gründet auf der Anerkennung, dass Kulturen nicht statisch sind, sondern sich fortwährend wandeln und stets in Beziehung zu gesellschaftlichen Machtverhältnissen entstehen und weiterentwickeln. Wer Verantwortung für das Miteinander übernehmen will, muss diese Dynamiken mitdenken und sich der eigenen Positionierung bewusst sein. Erst so wird kulturelle Vielfalt nicht zur Quelle neuer Ungleichheit, sondern zu einer Ressource für Gerechtigkeit, Teilhabe und gemeinsames Wachstum.

Dieser Artikel erschien zuerst auf institut inklusiv.

Mark Moser

Autor: Mark Moser

Mark Moser (*1973) ist Dozent für Kommunikation, Interkulturelle Kompetenzen und Konflikttransformation an der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er lehrt zudem als externer Dozent an verschiedenen weiteren Hochschulen zu den Themen Gesundheit und Kultur, spirituelles Wohlbefinden in kulturell vielfältigen Kontexten sowie weiteren verwandten Bereichen.

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Oliver Merz

Autor: Oliver Merz

Oliver Merz (*1971) ist Theologe und promovierte 2015 in Praktischer Theologie. Er ist Gründer und Leiter des „Institut Inklusiv“. Zudem wirkt er als Gastdozent, Referent, Berater, Supervisor, Gutachter und Autor. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Vielfalt und Verschiedenheit, Inklusion und Teilhabe in Kirche und Gesellschaft sowie Religion, Spiritualität und Gesundheit beziehungsweise Krankheit und Behinderung.

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15. Januar 2026/0 Kommentare/von Mark Moser
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/01/alice-yamamura-iAVTikZXqR0-unsplash-scaled.jpg 1719 2560 Mark Moser https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Mark Moser2026-01-15 11:34:222026-01-15 18:54:33Begegnung jenseits der Unterschiede

Ist eine restriktive Asylpolitik mit dem Evangelium vereinbar?

Gerechtigkeit, Gesellschaft, Nächstenliebe, Politik, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

In der Schweiz und in der westlichen Welt ist das Thema Migrationspolitik omnipräsent. Sie steht aktuell im Mittelpunkt der politischen Debatte. Der Autor hat in der Bibel nach Anhaltspunkten gesucht, wie sich Christinnen und Christen in diesen hochkontroversen Diskussionen zurechtfinden können.

Als ich vor Kurzem die SRF-Arena-Diskussion zum Thema Femizide verfolgte, entwickelte sich die Runde zunehmend zu einer Debatte über Migration. Egal ob in den Nachrichten, auf Social Media oder am Familientisch, bei kaum einem anderen Thema gehen die Meinungen so stark auseinander. Doch wie sollen sich Christinnen und Christen in dieser Debatte positionieren? Bzw. welche Anhaltspunkte können wir der Bibel über diese Thematik entnehmen? Diesen Fragen bin ich im Rahmen meiner Maturaarbeit nachgegangen. In diesem Artikel zeige ich die wichtigsten Ergebnisse dieser Arbeit auf.

Da die Migrationspolitik eine sehr umfangreiche Thematik ist, fokussiere ich mich auf die Asylpolitik. Die Schweiz gewährt Menschen, die in ihrer Heimat an Leib und Leben gefährdet sind, Schutz und Obdach. Sie erhalten Asyl und damit eine Aufenthaltsbewilligung. Über die konkrete Ausgestaltung der Asylpolitik wird intensiv diskutiert. Die zentralen Forderungen der restriktiven Seite beinhalten eine Beschränkung der Einwanderung von Geflüchteten und die Senkung von Unterstützungsleistungen für Asylbewerbende. Doch ist diese Position mit den Lehren des Evangeliums vereinbar?

Unverdiente Güte: Das Privileg, Schweizer zu sein

In Matthäus 27.46 tut Jesus seinen letzten Atemzug und stirbt am Kreuz. Dieser Moment symbolisiert nicht nur das Ende des Leidensweges Christi, sondern auch die Güte Gottes, die durch das Opfer von Jesus am Kreuz und die damit verbundene Erlösung von der Sünde Ausdruck findet. Diese Güte haben wir uns nicht verdient. Sie ist ein Geschenk. Ein von der Güte Gottes zeugendes Geschenk ist es auch, Bürgerinnen und Bürger der Schweiz zu sein. Die Lebenslage der Schweizerinnen ist im Vergleich zu anderen Ländern wie ein Paradies. Dieser Umstand ist ein Privileg und absolut keine Selbstverständlichkeit. Nun stellt sich die Frage, was uns davon abhält, diese unverdiente Güte mit anderen in Gefahr stehenden Personen zu teilen. Ist es überhaupt unser Auftrag als Christen, Asylsuchenden zu helfen?

Ist es überhaupt unser Auftrag als Christen, Asylsuchenden zu helfen?

Aufruf zur Hilfeleistung in der Bibel: Der barmherzige Samariter

In Lukas 10 wird ein Gespräch zwischen Jesus und einem Gesetzeslehrer geschildert. Der Gesetzeslehrer fragt, wie man ewiges Leben erlangen könne. Jesus beantwortet die Frage mit dem Gebot der Liebe. Doch der Gesetzeslehrer will sich rechtfertigen und fragt: «Wer ist mein Nächster?» Darauf erzählt Jesus das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Der Samariter hilft dem verletzten jüdischen Mann, obwohl zwischen den beiden Völkern eine tiefe Feindschaft herrscht. Er geht ein Risiko ein, denn die Gefahr, überfallen und körperlich angegriffen zu werden, besteht. Der Samariter erkennt die Situation des Verletzten und zögert nicht, ihn zu verarzten. Noch mehr: Er führt ihn zu einer Herberge und bezahlt sämtliche Kosten für Unterbringung und Pflege. Jesus beendet das Gespräch mit der Aufforderung: «Geh und handle ebenso.» Aus dem Gleichnis lassen sich folgende Prinzipien für uns ableiten:

  • Hilf Personen – unabhängig von ihrer Herkunft
  • Sei hilfsbereit – auch unter Gefahr
  • Nimm eine dienende Haltung gegenüber Verletzten ein
  • Sei bereit zur finanziellen Unterstützung
  • Folge dem Beispiel des Samariters

Es ist plausibel, diese Prinzipien auf das Verhältnis zwischen Schweizerinnen und Schweizern und asylsuchenden Personen zu übertragen. Asylsuchende sind wie der jüdische Mann an Leib und Leben gefährdet und bedroht. Durch unser Eingreifen als Schweizer können wir wie in dem Gleichnis die Asylsuchenden aus der bedrohlichen Lage befreien und retten.

Was hält uns zurück, wie der barmherzige Samariter zu handeln?

Doch was hält uns trotz dieser klaren Worte Jesu zurück, dem Beispiel des Samariters furchtlos zu folgen? Einer unbegrenzten Hilfe gegenüber asylsuchenden Personen kann die Gefahr eigener finanzieller Sorgen entgegengesetzt werden. Doch ist dieses Argument im Licht der Evangelien haltbar? In Lukas 12 warnt Jesus vor Habgier: «Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.» Wie oben erwähnt, ist all unser Besitz ein Ausdruck der Güte Gottes. Warum also sollten wir diesen Besitz nicht teilen? Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ruft uns explizit dazu auf. Im Hinblick auf das ewige Leben sind materielle Güter, Geld und Wohlstand vergänglich und belanglos gegenüber der Herrlichkeit, die uns der Himmel verspricht. Ist die Angst vor Geldsorgen nicht vielmehr ein Festhalten an weltlichen Massstäben? Die Bibel ist hierbei klar: Unsere Identität liegt in Christus. Im Philipperbrief 1.21 schreibt Paulus: «Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.» Der Blick ist auf Christus gerichtet und Christus fordert uns auf, den unterdrückten, hilflosen und vulnerablen Menschen zu dienen.

Restriktiv oder barmherzig?

Wie erwähnt, sind die zentralen Forderungen der restriktiven Position eine Beschränkung der Einwanderung und die Senkung von Unterstützungsleistungen für Asylbewerbende. Vergleichen wir nun diese Position mit den oben erlangten Erkenntnissen: Beide Forderungen einer restriktiven Haltung zielen darauf ab, Mehrausgaben oder gesellschaftliche Probleme zu verhindern, indem weniger Hilfe geboten wird. In Anbetrachtder behandelten Bibelstellen, die sich an der Güte Gottes und dem Aufruf zur Hilfeleistung orientieren, sind die Forderungen nach restriktiven Massnahmen schwer mit den Evangelien zu vereinbaren. Ja, sie sind sogar problematisch. Sie stehen im Konflikt mit den Prinzipien, die uns die genannten Bibelstellen und viele weitere aus den Evangelien vermitteln. Somit scheint die restriktive Position im Lichte der Evangelien schwer vertretbar.

Die restriktive Position kann daher nicht auf die Evangelien zurückgeführt werden. Sie gründet sich vielmehr auf der Angst, Privilegien als Schweizerinnen zu verlieren. Die vier Evangelien fordern an vielen Stellen Menschen dazu auf, die Güte Gottes nicht nur in Anspruch zu nehmen, sondern auch gegenüber Hilfsbedürftigen weiterzutragen. Das heisst:Christen sollten aus Sicht der vier Evangelien keine restriktive Asylpolitik unterstützen.

Diesem Artikel liegt die Maturaarbeit von David Stettler zugrunde. Die Maturaarbeit lässt sich hier herunterladen.


Foto von ‪Salah Darwish auf Unsplash

9. Dezember 2025/1 Kommentar/von David Stettler
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2025/12/salah-darwish-Mr7r03qPd8g-unsplash-16zu9.jpg 1350 2400 David Stettler https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg David Stettler2025-12-09 18:26:402025-12-30 10:37:33Ist eine restriktive Asylpolitik mit dem Evangelium vereinbar?

Kirche und Staat im Spannungsfeld ihrer Aufträge

Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Dossiers, Gerechtigkeit, Gesellschaft, Politik, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

In der Schweiz sprechen wir von einer Trennung von Kirche und Staat, die Religionsfreiheit und die Neutralität des Staates ermöglichen soll. Kommt es aber zu einer Vermischung der jeweiligen Aufträge, kann dies schwerwiegende Konsequenzen für die gesamte Gesellschaft mit sich bringen.

Wer die heutige Beziehung zwischen Kirche und Staat in der westlichen Welt verstehen möchte, muss tief in die Kirchengeschichte eintauchen. Denn mit der Papstrevolution im späten 11. Jahrhundert begann ein nicht enden wollender Kampf zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt, der laut Klaus Roth die Entstehung des europäischen Staatssystems beschleunigte (2006: 79). Somit ist die Idee des Staates ein Resultat unerfüllter Erwartungen, dass durch ein harmonisches Mit- und Gegeneinander von Kaiser und Papst die gesamte Menschheit zum christlichen Glauben bekehrt und eine gottgefällige Ordnung errichtet werden könne (vgl. Schmitt 1950, 30, 96f.). Obwohl der christliche Glaube während der Reformation und Gegenreformation nochmals eine zentrale Bedeutung für die Staatenbildung erlangte (Roth 2006: 89f.), emanzipierte sich der Staat im Zuge der Französischen Revolution aus der religiösen Bevormundung des Christentums und wurde souverän. Die Trennung von Kirche und Staat war gemäss Ernst-Wolfgang Böckenförde (1982: 64) keine radikale, sondern eine balancierte. So vermochten beide ihren Auftrag unabhängig voneinander zu gestalten und aufeinander einzuwirken: Der Staat ist Vertreter von Recht und Ordnung und die Kirche Verkündigerin des Evangeliums.

Einfluss der Kirche auf den Staat

Die Aufgabe der Kirche, das Evangelium zu verkünden, gilt zwar generell als unpolitisch (Böckenförde 1982: 82). Aber sie kann durch die Wirkung des Evangeliums auf die Gesellschaft unbeabsichtigt politisch Einfluss nehmen. Dies trifft zum Beispiel dann ein, wenn es in Abstimmungen um Fragen der Moral und Sittlichkeit geht und Christen als Staatsbürger ihre Stimme gezielt zu diesen Themen einsetzen (1982: 83). Auch dank der Neutralität des Staates und der Religionsfreiheit kann sich das Christentum nach wie vor in das gesellschaftliche Leben einbringen und gelegentlich eine Rechtsordnung prägen (1982: 66). Denn die Werte des Christentums bilden in vielen westlichen Staaten immer noch das Fundament für die politische Ordnung (1982: 67f.). Die Kirche übermittelt die Werte, da der Staat dies nicht tun kann, ohne seine religiöse Neutralität aufzugeben. Eine pluralistische Gesellschaft hat aber den Anspruch an die Kirche, dass sie ihre Werte so übersetzt, dass auch Leute ohne Bezug zum Christentum diese übernehmen und in ihr eigenes Weltbild integrieren können. Hierbei stellt sich die Frage, inwiefern die Kirche die Funktion als Übermittlerin der Werte wahrnehmen soll. Ist es ihr möglich, dadurch ihren Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums zu erfüllen oder verfälscht sie diesen durch die Säkularisierung ihrer Werte? Für Böckenförde steht fest: „Es gehört nicht zur geistlichen Sendung der Kirche, zur Integration der pluralistischen Gesellschaft durch entsprechende Konsensbildung beizutragen. {…} Die Treue zu ihrem Auftrag kann sie zu desintegrierendem Sprechen und Handeln zwingen“ (1982: 71). Die Kirche darf ihm zufolge nicht für die Integration einer freiheitlichen und demokratischen Grundlage eintreten, die den christlichen Grundlagen widerspricht.

Aus der Geschichte lernen

In jüngster Zeit geriet die Demokratie als Regierungsform auch deshalb in die Kritik, weil säkulare Werte zunehmend Einfluss in der Gesellschaft gewonnen haben und damit öfter in Gesetzen verankert wurden (z.B. Ehe für alle). Dies führte bei vielen Christinnen und Christen zu Unmut und einer Sehnsucht nach dem Reich Gottes auf Erden. So ist es nicht erstaunlich, dass sie sich einer politischen Führungsperson anschliessen, die sich für ihre Anliegen einsetzt oder zumindest so tut. Dies trifft zurzeit unter anderem auf die USA und El Salvador zu. Dort lässt sich die Vermischung der Aufträge von Kirche und Staat, die eine Abkehr von demokratischen Ordnungen hin zu totalitären Systemen zur Folge hat, sehr eindrücklich beobachten.

Eric Voegelin und Raymond Aron bezeichneten solche Gewaltregime als „politische Religionen“ (Maier 2006: 18). Sie erkennen ein Bemühen um eine quasi-religiöse Dimension politischer Ordnung und Parallelen zu den Modellen der antiken politisch-religiösen Einheitskultur. „Die modernen totalitären Regime sind aber zugleich auch die Fratze eines pervertierten Christentums, von dem nur äussere Ordnungen, Zwang und Disziplin übriggeblieben sind (2006: 18f.) Mit ihren sogenannten „reinen Lehren“ hätten sie problematische Entwicklungen in der Geschichte des Christentums nachgeahmt.

Es scheint folglich kein Zufall zu sein, dass die Auftritte moderner Gewaltregime Hand in Hand mit einem überdimensionalen Wiederaufleben von Personenkult, Vergöttlichung der Herrscher sowie von Märtyrern im Umkreis totalitärer Politik einhergehen (Maier 2006: 19). Aktuelle Geschehnisse in den USA illustrieren dies sehr deutlich. Was lediglich ein grosser Gedenkgottesdienst für den ermordeten Aktivisten und Evangelisten Charlie Kirk sein sollte, erlangte durch die Ansprache von Donald Trump, in der er auf Vergeltung gegen „die radikale Linke“ pochte, eine beunruhigende, politische Dimension. Seine Aussagen widersprachen zudem Erika Kirk, die dem Mörder ihres Ehemannes Vergebung zusprach (FOX 9 Minneapolis- St.Paul, 2025).

Im Angesicht dieser Ereignisse ist es umso wichtiger, sich daran zu erinnern, weshalb sich der Staat über die Jahrhunderte von der Kirche abgenabelt hat. Die Trennung der beiden Institutionen ist nach wie vor zwingend nötig: Erstens, für ein friedliches Zusammenleben in der Gesellschaft, zweitens für eine Religionsfreiheit, die es uns Christen erlaubt, unseren Glauben öffentlich und privat ohne Verfolgung auszuleben, und drittens, damit Staat und Kirche je ihre Aufträge wahrnehmen können. Die Erfüllung ihrer Aufträge ist für Staat und Kirche in einer Demokratie möglich, doch in einem totalitären Herrschaftssystem lösen sie sich auf. Wie uns die Geschichte lehrt, sind totalitäre Regime oftmals pseudo-christlich und durchdrungen von Irrlehren zu Gunsten des jeweiligen Herrschers. Lernen wir aus der Geschichte und nehmen wir die Warnung von Hermann Heller ernst: „Der Staat kann nur totalitär werden, wenn er wieder Staat und Kirche in einem wird, welche Rückkehr zur Antike aber nur möglich ist durch die radikale Absage an das Christentum“ (1929: 56).

Setzen wir uns also für eine gesunde, von christlichen Werten geprägte Demokratie in der Schweiz ein, um unserem Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums weiter nachgehen zu dürfen!


Quellen

Böckenförde, E-W. (1982): Staat-Gesellschaft-Kirche. In: Böckle, F., Kaufmann, F-X., Rahner, K. und Welte, B. (Hrsg.) (1982): Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft. Teilband 15. Herder Freiburg. Freiburg im Breisgau. pp. 64-83.

FOX 9 Minneapolis- St.Paul (2025): Charlie Kirk’s full memorial service. Youtube (Stand: 22.09.2025)

Heller, H. (1929): Europa und der Faschismus. de Gruyter. Berlin. pp. 56.

Maier, H (2006): Demokratischer Verfassungsstaat ohne Christentum – was wäre anders? In: Brocker, M., Stein, T. (Hrsg.) (2006): Christentum und Demokratie. WGB (Wissenschaftliche Buchgesellschaft). Darmstadt. pp.18 – 19.

Roth. K. (2006): Ordnungskrise von Kirche und Reich und die Genese des modernen Staates. In: Brocker, M., Stein, T. (Hrsg.) (2006): Christentum und Demokratie. WGB (Wissenschaftliche Buchgesellschaft). Darmstadt. pp.79-92.

Schmitt, C. (1950): Der Nomos der Erde im Völkerrecht des Jus Publikum Europacup. Dunker & Humblot. Berlin. pp. 30, 96f.

26. November 2025/0 Kommentare/von Noelia Trachsel
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2025/11/QmVkV1a8Cn16YYCyLKVSNT7YXM8ETMBaRXF4Ky7z3wakbj.jpg 1130 1500 Noelia Trachsel https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Noelia Trachsel2025-11-26 17:32:512025-11-27 10:58:13Kirche und Staat im Spannungsfeld ihrer Aufträge

Mehr Klimaschutz mit einer Erbschaftssteuer auf Bundesebene?

Gerechtigkeit, Politik, Umwelt
Lesezeit / Temps de lecture ~ 3 min

Die Initiative „Für eine soziale Klimapolitik – steuerlich gerecht finanziert“ (Initiative für eine Zukunft), über die am 30. November 2025 abgestimmt wird, fordert die Einführung einer Erbschafts- und Schenkungssteuer auf Bundesebene. Wer mehr als 50 Millionen Franken erbt oder verschenkt, müsste auf den Betrag darüber 50 Prozent Steuern zahlen. Personen mit grossem Vermögen sollen so mehr zur Finanzierung des Klimaschutzes und zu einem sozial gerechten Umbau der Wirtschaft beitragen.

Seit der Annahme des Klimaschutzgesetzes im Juni 2023 stehen dem Bund jedes Jahr 2 Milliarden Franken für Massnahmen zum Klimaschutz zur Verfügung. Zu diesen Massnahmen zählen zum Beispiel der Wechsel von fossilen zu erneuerbaren Energiequellen. Das Initiativ-Komitee ist überzeugt, dass mit Geld aus einer Erbschafts- und Schenkungssteuer auf Bundesebene noch mehr finanzielle Mittel für den Klimaschutz zur Verfügung stehen könnten. Die Verfassungsänderung soll auch dabei helfen, die Gesamtwirtschaft sozial gerecht und ökologisch umzubauen, vor allem in den Bereichen Arbeit, Wohnen und öffentlichen Dienstleistungen. Der Ertrag der neuen Erbschafts- und Schenkungssteuer würde zu zwei Dritteln an den Bund und zu einem Drittel an die Kantone gehen.

Soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz und Wirtschaft

Für die Befürworter steht die Verknüpfung von Klimapolitik und sozialer Gerechtigkeit im Zentrum der Initiative. Wer sehr viel besitzt, hat die Möglichkeit, viel privat zu reisen, verfügt oftmals über mehrere Wohnsitze und verbraucht mehr Treibhausgase als der Schweizer Durchschnitt. Aus Sicht der Initianten sollten diese Personen deshalb mehr zum Schutz des Klimas beitragen müssen. Mit den zusätzlichen Einnahmen könnten Bund und Kantone mehr Massnahmen gegen die Klimakrise finanzieren, ohne dass Menschen mit geringem Einkommen stärker belastet werden.

Die Gegner der Initiative weisen darauf hin, dass die Steuerpflicht auf hohe Nachlässe und Schenkungen negative Auswirkungen auf die Standortattraktivität der Schweiz und Mindereinnahmen für Bund, Kantone und Gemeinden durch den Wegzug reicher Personen zur Folge haben könnte. Obwohl die Vorlage eine Verhinderung der Steuervermeidung durch Wegzug vorsieht, dauert es gemäss Initiative bis zu drei Jahre nach der Annahme, bis alle Bestimmungen zur Umsetzung in Kraft treten. Die gewünschten Mehreinnahmen dürften damit geringer ausfallen, als vom Initiativ-Komitee erhofft: statt 6 Milliarden lediglich 4.3 Milliarden.

Die Vorlage wirft somit einige Fragen auf: Ist die Erbschafts-und Schenkungssteuer auf Bundesebene wirklich der sozial gerechteste Weg für die Finanzierung des Klimaschutzes? Wie können die Massnahmen so umgesetzt werden, dass die Standortattraktivität der Schweiz bestehen bleibt? Wie lässt sich sicherstellen, dass die Einnahmen tatsächlich zielgenau eingesetzt werden, wenn schliesslich das Parlament über den Einsatz der Gelder entscheidet? Um diese Fragen zu beantworten, lohnt sich die Auseinandersetzung mit der Erbschaftssteuer-Initiative 2015.

Erbschaftssteuer-Initiative 2015 als Vorbild

Vor zehn Jahren durfte das Stimmvolk schon einmal über eine Erbschaftssteuer-Initiative abstimmen. ChristNet engagierte sich damals stark für die Annahme der Initiative, da sie dem biblischen Prinzip folgte, Reichtum nicht anzuhäufen, sondern grosszügig an Bedürftige abzugeben (siehe Artikel Pressecommuniqué – Die Erbschaftssteuer: Eine biblische Steuer?). In der Vorlage ging es hauptsächlich um eine Besteuerung von 20 Prozent auf sehr grosse Nachlässe, um der Vergrösserung der Vermögensschere zwischen Arm und Reich entgegenzuwirken. Damals sollte die Erbschafts- und Schenkungssteuer zu zwei Dritteln dem Ausgleichsfonds der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) zugutekommen und ein Drittel den Kantonen verbleiben. Die Vorlage sah zudem Ermässigungen vor, wenn Unternehmen oder Landwirtschaftsbetriebe zum Nachlass oder zur Schenkung dazugehörten und von den Erben bzw. Erbinnen mindestens zehn Jahre weitergeführt werden. So sollte der Weiterbestand des Betriebs und der Arbeitsplätze nicht gefährdet werden. Familienbetriebe durften mit einem Freibetrag von 50 Millionen rechnen, sodass KMU steuerfrei hätten vererbt werden können.

Die Erbschaftssteuer-Initiative von 2015 war insgesamt eine sehr sorgfältig ausgearbeitet Abstimmungsvorlage, die auf den Umstand hinwies, dass die Erbschaftssteuer als die sozial gerechteste Steuer zu betrachten ist (siehe Artikel Die gerechteste Steuer – Argumente für die Erbschaftssteuerreform). Leider erfuhr sie in der Bevölkerung keine Annahme. Die Abstimmung vom 30. November 2025 bietet also eine gute Gelegenheit, über den Weg zu entscheiden, wie grosse Erbschaften in Zukunft sozial, ökologisch und wirtschaftlich nachhaltig verteilt und eingesetzt werden sollen, respektive dem Ja-Anteil des Abstimmungsresultats möglichst viel Gewicht zu verleihen, damit zu einem späteren Zeitpunkt eine ausgewogenere nationale Erbschaftssteuer doch noch zur Umsetzung kommt.


Quellen

Bundeskanzlei BK. Eidgenössische Volkinitiative ‚Für eine soziale Klimapolitik – steuerlich gerecht finanziert (Initiative für eine Zukunft). Link (Stand: 18.11.2025)

Der Bundesrat. Das Portal der Schweizer Regierung. Volksabstimmung vom 30. November 2025. Link (Stand: 18.11.2025)

Das Schweizer Parlament. Für eine soziale Klimapolitik – steuerlich gerecht finanziert (Initiative für eine Zukunft). Link (Stand: 18.11.2025)

Komitee für eine Zukunft. JungsozialistInnen Schweiz. JA zur Initiative für eine Zukunft. Link (Stand: 18.11.1015)

Foto von Claudio Schwarz auf Unsplash

18. November 2025/0 Kommentare/von Noelia Trachsel
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2025/11/claudio-schwarz-htol9OLeW20-unsplash-scaled-e1763461333313.jpg 836 1758 Noelia Trachsel https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Noelia Trachsel2025-11-18 18:11:342025-11-26 10:49:15Mehr Klimaschutz mit einer Erbschaftssteuer auf Bundesebene?

Service Citoyen – Verantwortung teilen, Gemeinschaft stärken

Gerechtigkeit, Gesellschaft, Soziales
Lesezeit / Temps de lecture ~ 3 min

Am 30. November 2025 stimmt die Schweiz über die Service-Citoyen-Initiative ab. Dabei geht es um eine Ausweitung des Militär- und Zivildienstes auf alle Schweizer Bürgerinnen und Bürger. ChristNet befürwortet diesen allgemeinen Bürgerdienst, weil er die Sicht für das Gemeinwohl stärkt.

Der Service Citoyen sorgt für Diskussionen. Kritiker warnen vor Zwang und Bürokratie, Befürworter sehen darin eine Chance für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Doch jenseits der politischen Debatte geht es um eine tiefere Frage: Wie kann eine moderne Gesellschaft Verantwortung gerechter verteilen – und was würde das mit uns allen machen?

Ein neues Verständnis von Verantwortung

Die Schweiz lebt vom Engagement ihrer Menschen. Unzählige Aufgaben werden von Freiwilligen, von Angehörigen, von Kirchen, Vereinen und sozialen Organisationen getragen. Doch dieses Engagement ruht auf den Schultern weniger. Viele profitieren von einer Infrastruktur des Miteinanders, ohne selbst daran beteiligt zu sein. Der Service Citoyen würde diese Verantwortung gerechter verteilen und sichtbar machen, dass das Gemeinwohl keine Selbstverständlichkeit ist.

Kritikerinnen und Kritiker befürchten Zwang, Ineffizienz oder den Verlust echter Freiwilligkeit. Diese Bedenken verdienen Gehör. Doch sie greifen zu kurz. Ein gemeinsamer Dienst wäre kein Ausdruck von Misstrauen gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern, sondern ein Bekenntnis zu ihrem Potenzial. Er würde junge Menschen nicht bevormunden, sondern ihnen zutrauen, dass sie Verantwortung übernehmen können. Freiheit wird nicht kleiner, wenn sie Verantwortung einschliesst – sie gewinnt an Tiefe.

Begegnung gegen Polarisierung

Ein solcher Dienst könnte gesellschaftlich heilsam wirken. Die jüngste Polarisierungsstudie von Pro Futuris zeigt, wie stark sich Lebenswelten in der Schweiz auseinanderentwickeln. Menschen begegnen sich seltener ausserhalb ihrer sozialen oder politischen Blase. Der Service Citoyen würde diesen Trend umkehren. Wenn junge Erwachsene aus unterschiedlichen Regionen und Hintergründen gemeinsam arbeiten, entstehen Erfahrungen, die verbinden. Gemeinsames Tun schafft Nähe, wo Distanz gewachsen ist, und Verständnis, wo Vorurteile herrschen. Das ist keine Romantik, sondern Sozialpsychologie: Vertrauen entsteht dort, wo Menschen sich gegenseitig kennenlernen, nicht in Kommentaren und Schlagzeilen.

Verantwortung als gelebter Glaube

Auch aus christlicher Sicht ist der Gedanke vertraut. Der Glaube spricht vom Menschen als Beziehungswesen – geschaffen, um füreinander einzustehen. „Einer trage des anderen Last“ (Galater 6,2) beschreibt keine moralische Überforderung, sondern ein realistisches Verständnis von Gemeinschaft. Niemand kann oder soll alles allein tragen. Solidarität ist keine Schwäche, sondern Ausdruck gelebter Nächstenliebe. Der Service Citoyen könnte helfen, diese Haltung wieder stärker in die gesellschaftliche Kultur einzuschreiben.

Jesus hat immer wieder Nähe hergestellt – zu Armen, Ausgestossenen, Fremden. Seine Nächstenliebe war konkret. Sie überwand Grenzen, statt sie zu befestigen. Eine moderne Demokratie kann von dieser Haltung lernen. Wenn junge Menschen in einem gemeinsamen Dienst erfahren, was gegenseitige Hilfe bedeutet, entsteht Vertrauen – und Vertrauen heilt Gräben, die politische Debatten nicht schliessen können.

Erfahrungen, die prägen

Ein Bürgerdienst dieser Art hätte auch eine generationenverbindende Wirkung. Junge Menschen würden mit Älteren zusammenarbeiten, die auf ihre Unterstützung angewiesen sind. Umgekehrt würden Ältere erleben, dass die nächste Generation bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Diese gegenseitige Erfahrung von Verlässlichkeit kann Gräben zwischen Jung und Alt überbrücken. Sie schafft Respekt in beide Richtungen – eine Haltung, die in der politischen und gesellschaftlichen Debatte zunehmend verloren geht.

Viele junge Menschen suchen heute Sinn, Zugehörigkeit und Orientierung. Ein Dienst an der Gemeinschaft kann solche Erfahrungen ermöglichen. Er konfrontiert mit anderen Lebensrealitäten, mit Grenzen, aber auch mit der Kraft, gemeinsam etwas zu bewegen. Menschen, die erfahren, dass ihr Einsatz zählt, nehmen ihr Land, ihre Mitmenschen und sich selbst anders wahr. Das kann langfristig eine neue Generation von Bürgerinnen und Bürgern prägen, die Gesellschaft als etwas versteht, das man nicht konsumiert, sondern gestaltet.

Realistische Erwartungen, langfristige Wirkung

Natürlich birgt der Service Citoyen Herausforderungen. Die Organisation wäre komplex, die Finanzierung anspruchsvoll. Es braucht faire Bedingungen, sinnvolle Aufgaben und gute Begleitung. Doch wer nur auf die Schwierigkeiten schaut, übersieht den eigentlichen Gewinn. Eine Gesellschaft, in der Menschen einander begegnen, einander dienen und Verantwortung teilen, ist weniger verletzlich. Sie hält Spannungen besser aus, weil sie weiss, was sie zusammenhält.

Im Kern geht es beim Service Citoyen um eine einfache, aber tiefgreifende Erkenntnis: Gemeinschaft entsteht nicht durch Worte, sondern durch Handeln. Christlich verstanden ist das kein politischer Luxus, sondern Ausdruck von Glauben im Alltag. Verantwortung zu übernehmen bedeutet, dem eigenen Glauben Gestalt zu geben – in Pflegeheimen, auf Baustellen, in Schulen, in Wäldern. Es bedeutet, den Wert des anderen nicht theoretisch zu bejahen, sondern ihn praktisch sichtbar zu machen.

Ein solcher Dienst könnte langfristig auch die demokratische Kultur verändern. Wo Menschen gelernt haben, Verantwortung zu teilen, wächst die Bereitschaft, zuzuhören, zu verhandeln und Kompromisse zu finden. Das schützt vor Zynismus und Resignation – Haltungen, die Demokratien von innen aushöhlen. Wer erlebt, dass die Gesellschaft trägt, verliert das Vertrauen in sie weniger schnell.

Vertrauen als Zukunftswert

Der Service Citoyen wäre damit kein moralisches Projekt, sondern eine konkrete Form gelebter Solidarität. Er würde Menschen zusammenbringen, die sonst kaum miteinander zu tun haben, und ihnen zeigen, dass sie aufeinander angewiesen sind. In einer Zeit, in der Misstrauen wächst und viele sich zurückziehen, könnte genau das den Unterschied machen. Verantwortung zu teilen heisst, Hoffnung zu teilen – und vielleicht beginnt gesellschaftliche Heilung genau dort.

13. November 2025/0 Kommentare/von Lea Blattner
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2025/11/service-citoyen-12783912.jpg 1125 2000 Lea Blattner https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Lea Blattner2025-11-13 14:14:322025-11-13 14:14:32Service Citoyen – Verantwortung teilen, Gemeinschaft stärken

Politischer Frieden, persönlicher Frieden: eine Untersuchung von Micha 4, 1–4

Gesellschaft, Gerechtigkeit, Philosophie, Politik, Soziales, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 5 min

«Schwerter zu Pflugscharen» lautet das Thema der diesjährigen StopArmut-Konferenz am 1. November in Winterthur. Eine der Fragen, die sich zu diesem Thema stellt: Welche Verbindung gibt es zwischen Armut, Gerechtigkeit und bewaffneten Konflikten? Der Prophet Micha gibt dazu in der Bibel eine interessante Antwort.

Als wir bei StopArmut das Thema «Schwerter zu Pflugscharen» zum Jahresthema wählten, erhielten wir einige überraschte Reaktionen: Warum plötzlich von Frieden sprechen? Was hat das mit Armut zu tun? Warum entfernen wir uns so weit von unserem zentralen Thema? Aber die Frage bewaffneter Konflikte ist seit Jahrtausenden eng mit Fragen zu Armut und Gerechtigkeit verbunden. Bereits vor mehr als 2500 Jahren wiesen die biblischen Propheten auf diesen Zusammenhang hin:

Bereits angemeldet?

Die StopArmut-Konferenz «Schwerter zu Pflugscharen» am 1. November 2025

Zur Anmeldung

1 «Aber in den letzten Tagen wird der Tempelberg alle anderen Berge an Größe und Höhe überragen. Es werden dann Menschen aus allen Nationen zu ihm herbeiströmen. 2 Viele Völker werden sich auf den Weg machen und einander zurufen: ‘Kommt, wir wollen auf den Berg des HERRN steigen, zum Tempel des Gottes Israels. Dort wird er uns seine Wege lehren, damit wir so leben, wie er es möchte.’ Denn der HERR wird von Zion seine Weisungen ausgehen lassen und von Jerusalem sein Wort. 3 Dann wird er der Richter über viele Völker sein und wird mächtigen Nationen Recht sprechen, auch wenn sie noch so weit entfernt sind. Dann werden sie ihre Schwerter in Pflugscharen umschmieden und ihre Speere in Winzermesser. Kein Volk wird mehr ein anderes Volk angreifen, und keiner wird mehr lernen, wie man Krieg führt. 4 Jeder wird ungestört in seinem Weinberg und unter seinem Feigenbaum sitzen, denn es wird nichts mehr geben, wovor er Angst haben muss. So hat es der HERR, der Allmächtige, gesagt!»

Dieser kurze Abschnitt kommt sowohl im Buch Jesaja (2, 2-4) als auch im Buch Micha (4,1-5) vor. Die beiden Propheten waren fast Zeitgenossen und prophezeiten zur gleichen Zeit: während der assyrischen Invasionen (ca. 740 bis 690 v. Chr.). Sie hatten jedoch ein unterschiedliches Publikum. Während Jesaja ein Stadtbewohner war und seine Botschaft eher an den König und den Hof richtete, stammte Micha aus dem ländlichen Gebiet und sprach zu den Bürgern und dem Volk.1

Micha zeichnet das hoffnungsvolle Bild einer strahlenden Zukunft, in der alle Völker zum Berg des Herrn kommen, damit er sie lehre, was er von ihnen erwartet. Und wenn die Völker schliesslich nach Gottes Geboten leben, zeigen sich zwei Zeichen: Die Völker (auch die mächtigen) verwandeln ihre Kriegswaffen in landwirtschaftliche Arbeitsgeräte, und alle kultivieren in Frieden ihre Weinberge und Feigenbäume.

Die zwei Nachweise von Frieden

Diese beiden Zeichen, des Weinbergs und des Feigenbaums, stehen für eine Vision des politischen, weltweiten Friedens: «Kein Volk wird mehr ein anderes Volk angreifen, und keiner wird mehr lernen, wie man Krieg führt.» Und für eine Vision des ganz persönlichen, alltäglichen Friedens: «Jeder wird ungestört in seinem Weinberg und unter seinem Feigenbaum sitzen, denn es wird nichts mehr geben, wovor er Angst haben muss.» In Frieden ihre Weinberge und Feigenbäume zu bebauen, das ist die grundlegendste Hoffnung Israels. Sie findet sich an mehreren Orten in der Bibel (1. Kön. 5,5; 2. Kön. 18,31; Sach. 3,10)

«Kein Volk wird mehr ein anderes Volk angreifen, und keiner wird mehr lernen, wie man Krieg führt.»

Dieser Text besagt, dass politischer Frieden und persönlicher Frieden voneinander abhängig sind. Es kann kein persönliches Wohlergehen geben, ohne eine Beendung der Militarisierung. Das Streben nach Sicherheit durch Krieg, die Suche nach (Energie-)ressourcen für Waffen – all dies kann nicht bestehen, wenn persönliche Träume von Frieden wahr werden sollen. Denn der Krieg ist gierig nach Ressourcen, Geld und Nahrung und kann nur weiterleben, indem er das persönliche Hab und Gut, das er zu schützen vorgibt, konfisziert. Umgekehrt brauchen Waffen Ungleichheit für ihre Legitimation: Sie dienen also in erster Linie dazu, eine ungerechte Ordnung aufrechtzuerhalten, diese Ordnung wieder zu kippen oder sich einfach das zu nehmen, was anderen gehört. Damit Waffen aufgeben werden können, muss eine gerechte Grundordnung bestehen. Das bedeutet auch, masslose Habgier aufzugeben.

Konsum hinterfragen

Abrüstung ist nicht der einzige Prozess, den es für Frieden braucht. Es ist auch notwendig, dass wir die Erwartungen an unsere ökonomische Situation runterschrauben. Der Text beschreibt eine einfache Lebensweise, in der jeder und jede das hat, was sie brauchen (aber nicht mehr), und die landwirtschaftliche Produktion seines Nachbarn und seiner Nachbarin respektiert. Das bedeutet, dass wir bereit sind, uns mit unseren Trauben und Feigen zufrieden zu geben, ohne zu versuchen, die Trauben und Feigen zu bekommen, die andere produziert haben. Der Prophet weiss, dass die Weinberge und Feigenbäume jedes und jeder Einzelnen nur dann in Sicherheit sind, wenn die Mächtigen sich mit den Trauben und Feigen begnügen, die sie selbst produziert haben. Die radikale Vision von Micha versteht, dass die Aufgabe unserer Militärsysteme zwangsläufig auch eine Neuausrichtung unseres Konsums sowie unserer Werte bezüglich Konsum erfordert.

Deshalb pendelt unser Plädoyer zwischen diesen drei Themen hin und her: unseren Konsum überdenken (sich mit dem eigenen Weinstock begnügen), die internationale Zusammenarbeit unterstützen (anderen das Anbauen ermöglichen) und dem falschen Versprechen der bewaffneten Sicherheit widerstehen (Schwerter zu Pflugscharen umschmieden).

Viele von uns träumen davon, in Frieden unter unseren Weinreben und Feigenbäumen zu leben. Und in unserer Gesellschaft gibt es viele, die versuchen, genau diesen Traum vom ruhigen Leben im Schatten der Feigenbäume mit dem Schutz durch ein kriegerisches System zu verbinden. Micha zeigt jedoch den tiefen und unüberwindbaren Widerspruch zwischen Schwertern und Speeren auf der einen Seite sowie Weinreben und Feigenbäumen auf der anderen Seite auf.

Ein Versprechen mit Doppelfunktion

Es stimmt, dieses poetische Versprechen Michas beschreibt eine Zukunft, die für uns schwer vorstellbar ist. Diejenigen, die es hören, haben keine Ahnung, wie sie zu der dargestellten Realität gelangen könnten. Genauso muss es übrigens wahrscheinlich den Übermittlern dieser Botschaften, also Micha und Jesaja gegangen sein. Es gibt keinen strategischen Plan dazu, keine konkrete Vorgehensweise. Das Versprechen kommt ohne Vorwarnung. Es kommt als Unterbrechung der Gegenwart. Und das Bild, das dieses Versprechen zeichnet, ist wunderschön. Es berührt die Herzen derer, die es hören, und entspricht den tiefsten Sehnsüchten nach der Gegenwart Gottes, Frieden, Ruhe.

Dieses poetische Versprechen erfüllt eine doppelte Funktion: Zum einen schafft es einen Raum der Freiheit. Es befreit uns von Kalkül, von den Erfahrungen darüber, was funktioniert oder nicht, was möglich ist oder nicht. Diese Befreiung ermöglicht es uns, über die unerklärlichen Zukunft nachzudenken, die Gott erschaffen kann. Eine Zukunft, die weit über das hinausgehen, was Menschen aufbauen können.

Die zweite Funktion des Versprechens besteht darin, die Gegenwart auf den Kopf zu stellen. Das Versprechen, das Bild davon, wie eine Zukunft sein kann, spricht davon, dass sich Dinge auch ändern können. Das aktuelle System ist nicht absolut. Für die Zeitgenossen und Zeitgenossinnen Michas waren die Invasion Assyriens, die Korruption der Richter Israels und die Gier der Mächtigen nicht absolut. Für uns heute sind Regierungen mit Expansions- und Herrschaftsgelüsten, Kriegsdrohungen und wachsende Ungleichheiten ebenfalls nicht absolut. Weder der König von Assyrien noch die korrupten Führer und Führerinnen Jerusalems noch die Präsidenten Russlands, der USA oder Chinas werden das letzte Wort haben, und ihre vereinten Kräfte werden niemals alle Macht kontrollieren können, die in der Welt am Werk ist.2

Möge dieses Versprechen uns Hoffnung für morgen und einen kritischen Blick auf das Heute geben.3

Der Artikel wurde erstmals am 23. Juli 2025 auf Französisch auf www.stoppauvrete.ch veröffentlicht.


1. Hat der „grosse Prophet” Jesaja das Orakel des „kleinen Propheten” Micha übernommen? Hat der kleine Prophet den grossen kopiert? Oder haben beide aus einem älteren Lied geschöpft? Unter Bibelwissenschaftlern und -wissenschaftlerinnen herrscht keine Einigkeit darüber, und ich persönlich bevorzuge die letzte Option, eines gemeinsamen Ursprungs.

2. Die doppelte Funktion des poetischen Versprechens entlehne ich BRUEGGEMANN, WALTER. „Vine and Fig Tree: A Case Study in Imagination and Criticism.” The Catholic Biblical Quarterly 43, Nr. 2 (1981): 188–204..

3. Diese Überlegungen basieren teilweise auf meiner Arbeit zum Buch Micha in Kollaboration mit dem Podcast bibletunes fr. Derzeit nehmen wir in diesem Rahmen eine Reihe wöchentlicher 10-minütiger Podcasts über Micha auf. Der Prophet Micha war es, der das „Micha-Netzwerk” inspiriert hat, dem StopArmut angehört. Die erste Folge des Podcast erschien am 8. September 2025 auf allen geläufigen Podcast-Plattformen.

20. Oktober 2025/0 Kommentare/von Salome Richir-Haldemann
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2025/10/alissa-de-leva-8_5bnjZ9qPo-unsplash.jpg 1125 2000 Salome Richir-Haldemann https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Salome Richir-Haldemann2025-10-20 15:01:472025-10-24 10:54:58Politischer Frieden, persönlicher Frieden: eine Untersuchung von Micha 4, 1–4
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